Burg l Tom ist ein jungen Mann aus München. Und er sucht ein neues Zuhause. Am Dienstag hörte er sich in der Sekundarschule „Carl von Clausewitz“ um, welche Gründe es gibt, nach Burg zu ziehen. Dies war Teil der Demografie-Woche, die in diesen Tagen durchs Land zieht und gestern Vormittag Station eben in Burg machte.

Den Sekundarschülern aus den neunten und zehnten Klassen fielen allerdings nicht sonderlich viele Gründe ein. Sie plädierten eher dafür, auf ein Dorf zu ziehen, weil es dort ruhiger wäre. Da hatte Bürgermeister Jörg Rehbaum (SPD) eine Menge mehr parat. Er war Teil einer Gesprächsrunde mit Susi Möbbeck (SPD), Staatssekretärin aus dem Sozialministerium, Thomas Lalla, Ausbilder bei der Firma Wiedemann, und Schulleiter Frank Höpfner. „Preiswerter Wohnen, weniger Stress, trotzdem alles da, was man braucht, ein besseres Miteinander und schließlich sind die Singleraten in Großstädten viel höher“, zählte er auf. Die Staatssekretärin fügte die gesicherte Kinderbetreuung hinzu und Lalla ist besonders stolz darauf, dass in der Stadt Deutschlands ältestes Kino auf Initiative von Burgern immer noch bespielt wird.

Schüler befassen sich mit Thesen

Demografie – dieser Begriff, hinter dem so vieles steckt wie Bevölkerungsstruktur und Zukunftschancen, soll mit der Aktionswoche Jugendlichen näher gebracht werden. Zunächst beschäftigten sich die Schüler mit verschiedenen Thesen, die im vergangenen Jahr bei einem Jugendworkshop in Magdeburg aufgestellt worden waren. In Gruppen setzten sie sich mit dem Gesagten auseinander, ein Sprecher stand dann Moderator Andreas Mann Rede und Antwort.

Robins Gruppe hatte sich mit dem Thema Wohnen beschäftigt und der Frage, ob der ökologische Um- und Ausbau von alter Wohnsubstanz auf dem Land stärker gefördert werden sollte. Robin befürwortete das, weil er selbst auf dem Dorf wohnt und das Landleben schätzt. „Alle denken immer, es ist langweilig auf dem Dorf, aber das stimmt überhaupt nicht, es gibt immer Geschichten“, sagte er. Das Mitglied der freiwilligen Feuerwehr hat zwar noch keine Berufsvorstellungen, will aber nicht wegziehen. „Ich würde die Leute, die ich kenne, vermissen, bei uns unterstützt man sich“, erklärte er.

Bildungssystem komplett digital?

Das Bildungssystem komplett ins digitale Zeitalter zu transferieren, dazu hatten Lena und Tessa unterschiedliche Meinungen. Lena fand gut, dass beim Arbeiten mit digitalen Dokumenten das Ausdrucken von Papier wegfällt, Tessa hingegen meinte, dass das Geld für diese umfangreichen Anschaffungen überhaupt nicht vorhanden wäre.

Sollten Vereine und andere Initiativen im ländlichen Raum bei der Arbeit mit Jugendlichen und Projekten gegen Rassismus mehr unterstützt werden? Hanna plädierte für mehr Unterstützung, bemängelte aber auch, dass es auf dem Land zu wenige Aktionen gegen Rassismus gebe.

Kostenloser öffentlicher Verkehr

Jamie nahm als Gruppensprecher zu der These Stellung, dass der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) für Schüler und Auszubildende kostenlos sein sollte. Das fand er gut, zumal das den jungen Leuten die Möglichkeit gebe, herumzukommen, außerdem würden die Elterntaxis entlastet.

Neben dem Teil in der Aula nahmen die Schüler auch an einer Rallye teil, bei der es unterschiedliche Stationen gab. Zum Beispiel ein Quiz über Demografie. Das Ziel ist es, die Kinder mehr für das Thema zu sensibilisieren. An anderen Stationen gab es ein Memory, wo bekannte Burger Personen ihrem Lebenslauf zugeordnet werden müssen, oder ein Sachsen-Anhalt-Puzzle richtig zusammengefügt werden musste.

Digitale Bildung für Lehrer

Eine ganz ungewöhnliche Erfahrung machten Franziska Meseberg und David Pasemann, die mit aufblasbarem Rollator und Gehstock das Gefühl älterer Menschen nachempfinden konnten. Bei den Themen setzten sie allerdings andere Prioritäten. „Das Thema Umwelt betrifft uns alle, nicht nur Menschen, sondern auch die Tiere“, sagte Franziska, und David meinte: „Ich finde es wichtig, dass die Lehrer mehr im Bereich Social Media ausgebildet werden und ein besseres technisches Know-How entwickeln.

Genau so vielfältig umriss Moderator Mann die Aufgaben eines Bürgermeisters. Sich um die Jüngeren kümmern, um die Älteren, gute Rahmenbedingungen schaffen, die Umwelt nicht aus dem Auge verlieren und das alles bei einem begrenzten Budget. Jörg Rehbaum allerdings hat laut eigenem Bekunden aber Spaß bei der Arbeit. Zu DDR-Zeiten habe es 10 000 Industriearbeitsplätze in der Stadt gegeben, die kämen nicht zurück. Heutzutage seien es 4000 bis 5000, was für eine Stadt der Größe Burgs kein schlechter Wert sei.

Lob gibt es vom Schulleiter

Mit viel Freude präsentierte sich auch Staatssekretärin Möbbeck, die zunächst ebenfalls Stellung zu den Thesen aus dem Workshop nehmen durfte. Sie plädierte für den kostenlosen ÖPNV, redete den Umeltaktivisten das Wort und fand auch, dass man den Unternehmergeist fördern sollte. In dem Bereich gebe es in Sachsen-Anhalt noch ein wenig Zurückhaltung.

Den wohl originellsten Satz sagte Thomas Lalla, als er von einer Lehrerin darauf angesprochen wurde, ob in dem Unternehmen denn auch Möglichkeiten für Hauptschüler bestünden. Ja, die Möglichkeiten gebe es, bekräftigte er. So könne manchem Schüler erspart werden, sich aus einer falschen Erwartungshaltung heraus noch durch das zehnte Schuljahr zu quälen. Wichtig sei, dass jemand zuverlässig, ehrlich und gewissenhaft ist: „Nicht für jeden Arbeitsplatz muss man Akademiker oder Dichter sein“. Die letzten Worte blieben allerdings dem Schulleiter Höpfner vorbehalten. „Beim Thema Demografie hatte ich erst meine Zweifel“, gab er zu, „ihr habt das aber alle ganz toll gemacht“, entließ er die Schüler in den wohlverdienten Nachmittag – der Rest der Schule hatte schon lange Hitzefrei.