Friedensau l Immer wieder dient der Eingangsbereich der Hochschulbibliothek an der Ahornstraße als Ausstellungsraum. Derzeit werden Besucher von großformatigen Fotografien und Texten begrüßt. Zu sehen sind 27 visuell aufbereitete Biografien von schwarzen Männern und Frauen aus drei Jahrhunderten.

Urheber der Ausstellung ist die „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“. Die Initiative möchte die Interessen Schwarzer Menschen in Deutschland vertreten. Die Ausstellung „Homestory Deutschland. Schwarze Biographien in Geschichte und Gegenwart“ verstehe sich als „kollektives Selbstporträt, so die Ausstellungsmacher.

27 Lebensläufe

Anhand von 27 Biographien sind ganz individuelle Lebenswege nachzuvollziehen. Die Ausstellung berücksichtigt Biographien von schwarzen Menschen ab dem 18. Jahrhundert. Sie vermittelt, aus welchen Gründen sie nach Deutschland kamen, sich hier ihren Lebensmittelpunkt schufen, Familien gründeten, sich politisch engagierten und für ihre Rechte kämpften. Alle Bildtafeln sind zweisprachig ausgelegt, neben deutsch wurden alle Texte auch auf Englisch verfasst.

Zu den Biografien kommen sechs bebilderte, stichpunktartige Zeitleisten. Sie sollen eine „schwarze Geschichtlichkeit“ von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart und den historischen Rahmen dokumentieren. Es soll gezeigt werden, in welcher Weise gesellschaftliche und damit systemische Rahmenbedingungen einzelne Lebensgeschichten formen und prägen.

Erst Geschenk, später Philosoph

Unter den Porträtierten befindet sich zum Beispiel Theodor Wonja Michael: ein Regierungsdirektor a. D., der als junger Mann nicht studieren durfte und stattdessen gezwungen war, in Völkerschauen aufzutreten.

Auch der Lebensweg von May Ayim, einer Dichterin und Aktivistin, ist aufgezeigt: Als Baby wurde sie zu einer Pflegefamilie gegeben, mit 36 Jahren nahm sie sich das Leben. Nach ihr ist im Jahr 2010 das May-Ayim-Ufer in Berlin benannt worden.

Spannend auch die steile Karriere von Anton Wilhelm Amo: Im Alter von vier Jahren als Geschenk für den Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel von Ghana nach Deutschland an den herzoglichen Hof gebracht, lehrte er als Philosoph Anfang des 18. Jahrhunderts als Dozent an der philosophischen Fakultät in Halle.

Nicht nur Personen des öffentlichen Lebens werden dem interessierten Besucher vorgestellt, sondern auch Frauen und Männer mit alltäglichen Berufen, wie die Rechtsanwältin Ama-Pokua Pereira oder der Sonderschullehrer Jean-Pierre Felix-Eyoum. Sie alle verbindet die unmittelbare Auseinandersetzung mit Rassismus in Deutschland, dessen Ursprung nach Aussagen der Ausstellungsmacher im nicht aufgearbeiteten Kolonialismus zu suchen ist. Dieser verdrängte Teil deutscher Geschichte werde durch Berichte und Zitate der Porträtierten präsent. „Vor allem aber zeigt die Ausstellung Menschen, die sich nicht haben unterkriegen lassen, sondern ein selbstbewusstes Leben führen“, sind die Initiatoren überzeugt.

Dass die Ausstellung in Friedensau zu sehen ist, ist dem Fachbereich Christliches Sozialwesen an der Theologischen Hochschule zu verdanken, informiert Hochschulsprecherin Andrea Cramer.

Der Ort der Ausstellung ist selbst seit Jahrzehnten Ausgangspunkt für zahlreiche „schwarze Biografien“.

Die Theologische Hochschule Friedensau – heute staatlich anerkannte Hochschule in Trägerschaft der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten – wurde 1899 gegründet. Etwa 200 Studierende aus über 30 Nationen sind derzeit eingeschrieben, darunter zahlreiche Studierende aus afrikanischen Ländern. In den Fachbereichen Christliches Sozialwesen und Theologie können acht B.A.- und M.A.-Studien­gänge – zum Teil berufsbegleitend – und ein Kurs „Deutsch als Fremdsprache“ belegt werden.

Ermutigung, Rassismus die Stirn zu bieten

Chigemezi Wogu, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TH Friedensau aus Nigeria, beschreibt seine Gedanken: „Ich bin seit 2013 in Deutschland. Als ich durch die Ausstellung ging, war ich tief beeindruckt von der Geschichte des Kampfes der Schwarzen gegen Rassismus. Ich habe Ähnliches erlebt. Die Tatsache, dass Schwarze, auch Nigerianer, dem Rassismus unabhängig von den Umständen die Stirn boten, ist für mich eine Ermutigung.“

„Homestory Deutschland“ wurde 2006 von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung konzipiert und war bereits in zahlreichen Städten Deutschlands zu sehen. Nachdem seit 6. Mai auch die Bibliothek Friedensau wieder für den Publikumsverkehr geöffnet ist, kann die Ausstellung zu den Öffnungszeiten besucht werden. Jedoch gelten auch hier die Hygieneanweisungen.

 

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