Karow l Jürgen Schimpf ahnt nichts Gutes: Der Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Karow weiß, dass in diesen Tagen die Kälber auf die Welt kommen. Eine ideale und schnelle Beute für den Wolf. Wie schlau Isegrim ist, hat er zu Ostern bewiesen. Zwei Kälber mussten am 1. April den gewaltigen Hunger stillen – wieder einmal.

„Und was wird noch kommen?“, fragt Schimpf, wenn er an die 400 Mutterkühe denkt, die zur Genossenschaft gehören. Außerdem hat Schimpf mit seinen Mitarbeitern im vergangenen Jahr ausreichend Erfahrungen mit den umtriebigen Wölfen gesammelt. Insgesamt stehen 18 Risse zu Buche. „Die Verluste werden in jedem Jahr größer“, glaubt der Landwirt. Er kennt die weitläufige Region und den Tierbestand im Fiener Bruch genau.

Wölfe nachts beobachtet

„Vier bis fünf Wölfe sind ständig hier. Ich habe schon welche fotografiert und nachts beobachtet.“ So werden die ständigen Gäste auch weiter versuchen, auf möglichst leichte Weise an Nahrung zu kommen, sagt Schimpf – und zeigt auf den neuen Zaun, den der Betrieb Anfang des Jahres als Modellprojekt überlassen bekommen hat. An dem so genannten Rappa-Zaun, der 1,25 Meter hoch ist, liegen 5000 Volt an, um den Wolf abzuschrecken. Da aber nicht die gesamte Fläche mit diesem Zaunmaterial umstellt war, lasse sich der Nutzen nur schwer einschätzen. „Das wird der Praxistest über einen längeren Zeitraum zeigen“, sagt Andreas Berbig, Leiter des Wolfskompetenzzentrums im altmärkischen Iden, gestern. Dass es sich jedoch um Wolfsrisse handele, darauf deuten die Merkmale. „Wir gehen davon aus. Aber es folgen noch Untersuchungen.“

Von dem Nutzen des Zauns ist Jürgen Schimpf indessen nicht überzeugt: „Der Wolf findet seinen Weg.“ Die Karower Agrargenossenschaft bewirtschaftet 5000 Hektar Grünland im Fiener. Zum Bestand gehören neben den 400 Mutterkühen noch weitere 250 Tiere, die täglich gemolken werden. „Mit der Muttertierhaltung bewegen wir uns auf ganz dünnem Eis, die Gewinne sind minimal“, so Schimpf.

Ebenso betroffen über die Vorfälle ist Mathias Buse von der Agrargenossenschaft Fiener Bruch-Rogäsen im benachbarten Land Brandenburg. Bisher ist er von Wolfrissen verschont geblieben. In einen Zaun will er nach dem Vorfall nicht mehr investieren. „Die Schweden setzen auf die so genannte Schutzjagd. Das wird auch im Bauernverband diskutiert“, sagt der Landwirt. Mit anderen Worten: Die Jagd sollte zeitlich befristet für eine bestimmte Anzahl an Tieren erlaubt werden. „Einige Kollegen denken daran, ihre Tiere abzuschaffen“, meint er traurig.

Kamerunschaf mit Kehlbiss

Seinen Augen traute auch Rolf Giese aus Genthin zum Osterfest. Auf seinem Grundstück in Altenplathow am alten Kanal lag eines seiner Kamerunschafe im Gras – mit einem typischen Kehlbiss. Auch dort schließen die herbeigerufenen Experten des Wolfskompetenzzentrums einen Wolfsriss nicht aus. Vater Wolfgang Giese ist Jäger und viel in der Natur unterwegs. Er habe Wölfe bereits mehrfach gefährtet. „Und erst im vergangenen Jahr haben mehrere Tiere den Elbe-Havel-Kanal durchschwommen und wurden dabei von Anglern fotografiert“, sagt er. „Die Bilder wurden über soziale Medien rasend schnell verbreitet.“

Wolfgang Giese treibt aber noch eines um: Weil die Weidefläche der Kamerunschafe nur unweit von den Wohnhäusern entfernt ist, „nähert sich der Wolf wohl immer den Menschen. Und auch die Enkel spielen viel im Freien auf dem Grundstück...“