Burg l Es ist das zweite Mal, dass Peter Tränkler einen Hund kennenlernt. Das zweite Mal, dass Hund und Mensch sich berühren und die Chemie stimmt. Dabei läuft das Kennenlernen anders ab als bei vielen anderen – denn einer von beiden sieht nichts. Peter Tränkler ist blind. Sein neuer Blindenführhund Galwin wird ihn als sehender Partner unfallfrei durch Burg führen. Doch erst müssen sie sich besser kennenlernen.

Schwere Zeit

Bevor die Fellnase in Peter Tränklers Leben kam, ging er durch eine schwere Zeit. Bis zum März dieses Jahres begleitete ihn ein schwarzer Labrador namens Monti. „Ich möchte ihn nicht mehr missen“, sagte Peter Tränkler Ende des Jahres 2016 im Volksstimme-Interview. Knapp ein Jahr später musste er es doch.

Als Monti im November 2017 viel schlief und kaum noch fraß, ließ sein Herrchen ihn untersuchen. Diagnose: Leberkrebs im Endstadium. Ein Schock für Peter Tränkler. Die Ärzte fragten, ob sie das Tier erlösen sollen – eine Überlebenschance hatte er nicht. „Ich konnte es nicht. Er hat ja noch gelebt“, denkt Peter Tränkler zurück.

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Monti und der Hundehimmel

Der Labrador wird von Woche zu Woche schwächer. Seinen Job, die Führung seines blinden Herrchens, kann er kaum noch ausführen. Peter Tränkler war besorgt und brachte seinen Hund erneut zum Tierarzt. Der will ihn einschläfern. „Da sind mir dann die Tränen gekommen“, erzählt Peter Tränkler und die Erinnerung fällt ihm heute noch sichtlich schwer. Er verlässt die Arztpraxis – ohne seinen langjährigen Partner.

Fast vier Jahre waren Monti und Peter Tränkler ein Gespann, wie es in der Fachsprache heißt. „Das hat sehr auf mein Gemüt gewirkt“, sagt Peter Tränkler. Das Fehlen des Hundes fällt auch den Burgern auf. Peter Tränkler wird oft angesprochen, wo denn sein Hund sei. „Im Hundehimmel“, antwortet er dann. Er zieht allein durch die Straßen, verlässt sich auf seinen Blindenstock und das gute Gehör. Das sei ihm nicht leicht gefallen, nach so vielen Jahren mit einem Hund an der Seite. „Es war, als wäre ich plötzlich wieder blind“, beschreibt er die Zeit ohne Hund.

Bevor Monti ist das Leben des Blinden kam, vergingen einige Lebensjahre, in denen Peter Tränklers Augenlicht allmählich nachließ. Er hat einen erheblichen Augendefekt, Grauen Star und einen sogenannten Röhrenblick. Heute ist er auf dem linken Auge blind, auf dem rechten kann er mit zwei Prozent Sehvermögen nur noch Schatten wahrnehmen. „Ich bin hellblind. Ich sehe also nur weiß“, sagt Peter Tränkler. Deswegen trägt er immer eine Schirmmütze sowie eine getönte Brille, weil das Tageslicht gleißend hell für ihn ist.

Erinnerungen

Mit Monti verbindet Peter Tränkler einen Laut: das hohe Klingeln eines Glöckchens. Dieses trug Monti immer um seinen Hals. Es verriet seinem Herrchen, wo er sich gerade befindet. Als es von einem auf den anderen Tag verstummte, kehrte Stille in die vier Wände des Zurückgelassenen. Doch manchmal hörte Peter Tränkler das Klingeln noch. Er hatte es an seine Garderobe gehängt und wenn er es streifte, ertönte es wieder. „Da ging jedes Mal ein Schauer über meinen Rücken“, sagt der 73-Jährige.

Heute klingelt es wieder, das Glöckchen. Denn seit Kurzem kennt Peter Tränkler Galwin, einen Flat Coated Retriever. Es ist ein verspielter Hund, der am liebsten die ganze Zeit bei Peter Tränkler auf dem Schoß sitzen würde. Die beiden bilden ein neues Gespann, ein neues Duo auf Zeit.

Kennengelernt haben sie sich im thüringischen Bittstädt. Dort ist die Hundeschule von Heinz Wimmer. Dieser hat auch Monti über ein Jahre lang zum Blindenführhund ausgebildet. Galwin und Monti sehen sich sehr ähnlich, nur die Schnauze ist verschieden. Für Peter Tränkler sind diese Dinge nicht entscheidend – er kann sie nicht sehen. Deswegen war das Kennenlernen auch besonders. Denn ob die Chemie stimmt, wird ganz ohne Augenkontakt entschieden – bei Mensch und Hund. „Wir wurden einander vorgestellt und ich habe ihm meine Hand zum Schnuppern hingehalten“, erzählt Peter Tränkler und lächelt dabei. „Er kam immer näher und dann sind wir Freunde geworden.“

Neue Stadt, neues Leben

Es folgten die ersten Tage mit Training. Gemeinsam mit Ausbilder Heinz Wimmer waren sie in Bittstädt unterwegs. Sobald Galwin seine Schärpe mit der Aufschrift „Blindenhund“ umgelegt bekommt, ist er im Job. Höchste Konzentration wird dann Hund und Herrchen abverlangt. „Man muss sich zu 100 Prozent auf den Hund verlassen können. Das war am Anfang nicht leicht“, so Tränkler. Doch das Training des Hundes zahlt sich aus – Galwin und der Burger verstehen sich blind.

Nach zwei Tagen reiste Galwin mit nach Burg und lernte seine künftige Heimat kennen. Ein neuer Mensch, eine neue Stimme, eine neue Stadt – für das Tier ist das eine Umstellung. „Wir müssen uns noch aneinander gewöhnen. Es ist ein bisschen, als ob man sich neu verliebt“, erzählt der 73-Jährige. „Aber es ist so schön, mit einem Hund sicher durch die Straßen zu laufen.“ Dass die Burger oftmals denken, Monti sei aus dem Hundehimmel zurückgekehrt, macht Peter Tränkler nichts aus.

Wenn Galwin sein Herrchen an den Arm stupst und ihn mit seinen braunen Augen ansieht, wird die besondere Bindung der beiden sichtbar. Für Peter Tränkler ist der Hund nicht nur Mobilitätshilfe, sondern auch ein Freund, der ihm die Einsamkeit nimmt. „Ich habe meine Augen wieder“, sagt Peter Tränkler und tätschelt Galwin über den Kopf. Dann klingelt es wieder, das Glöckchen, nachdem es so lange still war.