Loburg l Eigentlich ist auch die Loburger Brennerei-Manufaktur wegen der aktuellen Corona-Pandemie für den Kundenverkehr geschlossen. Dennoch geht immer wieder die Tür der Verkaufseinrichtung auf. Herein kommen in diesen Tagen aber nicht Touristen, die nach dem Besuch des Storchenhofes noch ein kleines Fläschchen vom „Storchenbiss-Likör“ kaufen wollen. Es sind vielmehr Apotheker und Klinikmitarbeiter, die Hochprozentiges verlangen, und das am liebsten im zwei- bis dreistelligen Literbereich.

Der 96-prozentige Weingeist, auch bekannt als Neutralalkohol, Trinkalkohol, Ethanol oder Primasprit, ist ein geschmacksneutraler Alkohol, der sich sehr gut für die Herstellung von Likören und anderen alkoholischen Ansätzen eignet. Aber eben auch als Grundlage für Desinfektionsmittel.

Statt Liköre Desinfektionsmittel

„Wir versuchen, mit unseren Mitteln zu helfen“, sagt Erich Kullmann, Seniorchef der Kullmann-Brennerei in Loburg. Gerade ist er mit seinem Sohn Alf Kullmann dabei, 10- und 20-Liter-Kanister mit Primasprit in einen Kleintransporter zu verpacken: die nächste Lieferung an Apotheken und Kliniken in der Umgebung. „Was wir sonst für die Herstellung unserer Liköre und Brände nutze, verkaufen wir jetzt im Sinne der Gesundheit.“ 

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Im „normalen“ Geschäftsbereich mit regionalen Likörspezialitäten, diversen Gin-, Wodka- und Whisky-Produkten sind dem Loburger Unternehmen viele Aufträge weggebrochen. Von bis zu 80 Prozent weniger Aufträgen spricht Alf Kullmann.

Apotheken und Kliniken aus der ganzen Region, aber auch Einzelkunden, die auf die viruzide Wirkung von Weingeist setzen, melden sich stattdessen dieser Tage bei der Loburger Brennerei. Doch längst ist auch dieser Rohstoff knapp geworden. Nur gegen entsprechende Belege wird der Weingeist abgegeben. Bis Ende Mai erfolgt der Verkauf des Primasprits an diese spezielle Kundschaft steuerfrei. Verkauft wird sowohl selbst produzierter als auch zugekaufter Weingeist. Die dekorative, aber kleine Brennblase in der Loburger Schaumanufaktur kann nur wenig zum aktuellen Mengenbedarf beisteuern. Das Unternehmen Kullmann hat schon die nächste Bestellung Primasprit geordert. Wann die Lieferung tatsächlich kommt, wissen Erich und Alf Kullmann nicht.  

Kritik an Aufhebung des Branntweinmonopols

Es ist einer der Momente, in denen sich Seniorchef Erich Kullmann wieder darüber ärgert, dass vor einigen Jahren das Branntweinmonopol abgeschafft worden ist. Nur wenige Hundert Meter neben dem hübsch anzusehenden Brennerei- und Verkaufsgebäude verrottet in Loburg eine „richtige“ Brennerei, in welcher der Rohstoff für Desinfektionsmittel in Größenordnungen hergestellt werden könnte. „Das Einfachste wäre gewesen, wir hätten das Branntweinmonopol gelassen, dann hätten wir jetzt eine Selbstversorgung, auch für die Herstellung von Desinfektionsmitteln“, so der Loburger Unternehmer. Für ihn ist klar, dass aus der jetzigen globalen Krise gelernt werden könnte und die regionale Landwirtschaft wieder mit der Herstellung von Grundalkohol betraut werden sollte.

Mit Abschaffung des Branntweinmonopols in Deutschland im Jahr 2013 ereilte die Loburger Brennerei GmbH das Schicksal, das alle deutschen monopolrechtlichen landwirtschaftlichen Brennereien ereilte. Die Europäische Union forderte das Ende einer staatlichen Subventionierung. Als Konsequenz ging bei den meisten Rohalkoholbrennereien in Deutschland der Schornstein aus. Auch für die Loburger Brennerei bedeutete dies die Abschaltung der Maschinen. Seit 2014 ist Hauptsitz des Kullmann’schen Unternehmen deshalb die „Obstbrennerei Kullmann und Sohn und Brennerei-Manufaktur“ in Reppinchen.