Burg/Magdeburg l Außerhalb der Stadtmauern Burgs wurden einst junge Menschen vom Staat erzogen – in Isolation, unter Zwang, mit zweifelhaften Methoden. Im Jugendwerkhof „August Bebel“, dem größten der DDR, sollten Jugendliche wieder auf den richtigen Weg gebracht werden. Welche Tortur sie in Burg durchmachten, beleuchtet ein Internetprojekt von Schülern des Rolandgymnasiums.

Auf einer Website ist ab sofort eine Dokumentation der Geschehnisse zu sehen. Aus der Arbeit der Schüler ist ein sogenannter Pageflow entstanden, eine Art multimediale Geschichte mit Bildern, Videos und Text. Per Mausklick kann sich der Nutzer durch die Informationen klicken – ganz ohne Anleitung. Damit haben die Schüler einen virtuellen Erinnerungsort geschaffen.

Für das umfangreiche Internetprojekt haben sich die Schüler mit Videos beschäftigt. Das Material stellte ihnen der Verein „Mapp“, Magdeburger Akademie für Praxisorientierte Psychologie, zur Verfügung. In den Videos sprechen der Zeitzeugen Volkmar Jenig sowie die Wissenschaftler Anke Dreier-Hornig und Christian Sachse. Ein direkter Kontakt mit Zeitzeugen kam bisher nicht zustande, soll aber noch folgen.

Bilder

„Bis vor ein paar Wochen hatten wir keine Vorstellung davon, was der Jugendwerkhof für eine Rolle in Burg spielte“, sagt Alexander Jannowitz, Schüler der elften Klasse am Rolandgymnasium. Nach und nach arbeiteten sich die Schüler in die Historie der einstigen Erziehungsanstalt ein.

Spurensuche

Die Spurensuche reichte bis in die Gegenwart. Für das Internetprojekt sprachen die Schüler mit Passanten in Burg. Was wissen sie von dem einstigen Jugendwerkhof am Stadtrand? Kennen sie jemanden, der dort war? Immer dabei: die Videokamera. „Es war den Menschen unangenehmen, über dieses Thema zu reden“, so Schüler Alexander Jannowitz. Teilweise herrsche die Meinung, der Jugendwerkhof sei eine Art Ferienlager gewesen.

Doch davon waren die Einrichtungen weit entfernt – auch dafür wollen die Schüler Menschen in Burg, dem Jerichower Land und über die Landesgrenzen hinaus sensibilisieren. In den Jugendwerkhof kamen um junge Menschen, die aus schwierigen Familienverhältnissen kamen oder durch Kriminalität auffielen, die Schule schwänzten oder sich gegen das politische System auflehnten.

Öffentliches Bewusstsein

Das ist auch das Besondere an der multimedialen Aufarbeitung: Die Internetseite kann jederzeit um weitere Informationen ergänzt werden. Die Zielgruppe: Schüler und Jugendliche. „Wir haben hier eine populäre Möglichkeit zur Information der Öffentlichkeit gefunden“, sagt Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die das Projekt förderte. Es gehe darum, die teils schweren Folgen für die Betroffenen der sozialistischen Heimerziehung und Ausbeutung ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Doch die Erinnerungsstätte gibt es nur virtuell, nicht vor Ort. Eigentlich hatten sich die Jugendlichen an die Landesbeauftrage gewandt, um eine Erinnerung in Form eines Gedenksteines oder eines Dokumentationszentrums entstehen zu lassen. „Dafür gab es von Seiten der Träger keine Entscheidungsgrundlage“, sagt Neumann-Becker und fügt an: „Ich habe die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben.“

Denn eine Erinnerungskultur an konkreten Orten in und um Burg wird nicht von den Schülern, sondern auch von anderen Vertretern der Stadt gefordert. „Wichtig ist eine Erinnerungskultur an authentischen Orten“, so Burgs Bürgermeister Jörg Rehbaum (SPD). In der Diskussion für einen Gedenkort stehen deswegen das Gut Lüben als einstiger Hauptsitz des Jugendwerkhofes oder die Außenstelle der Rolandmühle in der Bahnhofstraße. Am Gut Lüben informiert derzeit eine Informationstafel über dist Historie.

Rehbaum appelliert daran, die Stadt nicht nur in den Fokus der Jugendwerkhöfe zu rücken:„Es ist gut und wichtig, diese finstere Zeit aufzuarbeiten. Es sollte aber mit Bedacht geschehen.“

Das Projekt kann im Internet unter mapp.pageflow.io/jugendwerkhof-burg aufgerufen werden.