Leitzkau l Dieses Ächzen im Publikum bei der letzten Szene „Mann, jetzt geh doch endlich auf die Fähre!“ hat Regisseur Walter Beck noch bei jeder Vorstellung von „Biberspur“ erlebt. Ihm gefällt diese Reaktion. Schließlich hat er den vagen Abschluss des Films mit Absicht gewählt. Das Ende in der Schwebe zu lassen, sei besser als eine Erklärung, wie es sein müsste. „Die Wirkung auf den Zuschauer ist größer. Er fragt sich, wie würde er sich an Joochens Stelle verhalten.“

Hubschrauber kam zum Einsatz

Gefühlt einen ganzen Tag im November 1983 verbrachten die Schüler der 6. Klasse der Otto-Grotewohl-Oberschule Leitzkau für die Dreharbeiten auf der Elbfähre. Gemeinsam mit Corina (Jana Mattukat) und der „Babelsberger“ Hälfte der Schulklasse warteten sie, dass Joochen (Erik Schmidt) sie zur Biberexkursion begleitet. Sogar ein Hubschrauber kam zum Einsatz, um die Szene aus der Luft zu filmen.

„In Leitzkau mussten wir den Schäferberg immer wieder mit den Fahrrädern runterfahren“, erinnerte sich Verena Fischer, eine der Leitzkauer Schülerinnen. „Und natürlich immer wieder hoch!“ Im Film wird die Szene jedoch ausgeblendet, bevor die einheimischen Kinder zu sehen sind.

Bilder

Schulfrei für die Szene

Anders bei der großen Schulhofszene, für die es einen ganzen Sonnabend schulfrei an der Otto-Grotewohl-Oberschule gegeben hat. „Andrea, Thomas, Frank, Uwe und Heiko“, zählte Verena Fischer mühelos die Namen der Leitzkauer Kinder auf, die zu sehen sind. Auch sie selbst ist darunter. Andere Mitschüler vermisst sie jedoch, und ist damit nicht die einzige. Die Fassung des Films, die ab November 1984 im Kino lief, und die Version, die die Leitzkauer auf DVD haben, müssen sich etwas unterscheiden. Die Premiere hatten die Schüler gemeinsam bei einem Schulausflug im Zerbster Kino erlebt.

An der Verfilmung von Bernd Wolffs Buch „Biberspur“ reizte Regisseur Walter Beck die Auseinandersetzung des Jungen mit der Gerechtigkeit. Joochen fällt es schwer, dem Freund seiner Schwester, genannt Eule, sein Fehlverhalten – den Biber versehentlich erschossen zu haben - zu verzeihen, vom völligen Konfrontationskurs abzurücken, einzusehen, dass so Gerechtigkeit nicht funktionieren kann.

Defa-Kinderfilme

Im Film stehen dem Dreizehnjährigen keine Eltern zur Seite, die ihm beim Bewältigen der Situation helfen könnten. Für Walter Beck ist das eine klare Angelegenheit. „Der Junge muss die Antwort selbst finden.“ Der „Horror vor Didaktik“ ziehe sich durch die gesamte Geschichte der Defa-Kinderfilme. Als Partnerin wies der Film dem Jungen seine Mitschülerin Corina zu, deren Rolle im Vergleich zum Buch deutlich aufgewertet ist. „Corina ist die stärkste Figur des Films“, sagte Walter Beck. Das liege nicht zuletzt an Darstellerin Jana Mattukat. „Sie hat der Rolle ein Gesicht, ein Profil gegeben.“ Sie hatte ihn schon in ihrer Rolle im Kinderfilm „Die dicke Tilla“ sehr beeindruckt. Nach dem er sie auf dem Nationalen Festival für Kinderfilme „Goldener Spatz“ in Gera kennengelernt hatte, bekam sie die Rolle der Corina. Mit Erik Schmidt, der den Joochen spielte, hatte er schon in seinem vorangegangenen Film „Der Prinz hinter den sieben Meeren“ gedreht. Anders als Jana hatte Erik nie den Wunsch, Schauspieler zu werden. Jana Mattukat spielte auch in Walter Becks Verfilmung „Der Froschkönig“ von 1988 mit und besuchte die Filmhochschule.

Von den insgesamt 153 Defa-Kinderfilmen seien mehr als einhundert mit Kindern in den Hauptrollen gedreht worden, erklärte Walter Beck. Zu den Ausnahmen gehörte unter anderem sein „König Drosselbart“ mit Manfred Krug als Titelfigur. Die Kinder wurden auf den jeweiligen Film bezogen gesucht. Können sie die benötigte Figur verkörpern? Einige sind tatsächlich in der Branche geblieben. Ernst-Georg Schwill, der als Junge in „Alarm im Zirkus“ mitspielte, fiel Walter Beck als „versierter, namhafter Schauspieler“ sofort ein.

Eine Hälfte der Schulklasse von Joochen und Corina wurde von Jungen und Mädchen dargestellt, die für Rollen in anderen Filmen in die engere Auswahl gekommen, aber letztlich nicht ausgewählt worden waren. So konnten die Kinder doch etwas Filmluft schnuppern.

Filmleute im Klassenzimmer

Auf der Suche nach den passenden Leitzkauer Schülern gingen die Filmleute durch die Klassenzimmer. „Wir mussten aufstehen. Sie wollten sehen, ob es mit der Körpergröße hinkommt“, erinnerte sich Anett Stübing. Ihre Klasse passte perfekt. Das Filmteam sei in Schönbeck untergebracht gewesen. Um ihnen den Aufenthalt in Leitzkau so angenehm wie möglich zu gestalten, brachten viele Einheimische Obst und Gemüse aus den eigenen Gärten ins Schloss.

Fast alle Innenszenen wurden im Studio gedreht. Dass der „Rittersaal“, das Klassenzimmer von Joochen und Corina, nur nachgebaut sei, erkenne jeder ehemalige Schüler, weil die Türen falsch angeordnet seien, erklärte Verena Fischer. „Der Saal war wirklich unser Klassenraum. Der schönste Raum der ganzen Schule.“ Dagegen ist die Garderoben-Szene tatsächlich im Schloss gedreht worden - vor dem Mathe-Kabinett und neben dem Direktor-enzimmer.

Aufnahmen in der Region

Für die Außenaufnahmen nutzte das Filmteam unter anderem das Elbufer, die Biologische Station Steckby und die Fähre Breitenhagen. Weil Außenaufnahmen komplizierter und teurer waren, wurden sie üblicherweise auf ein Minimum begrenzt. Obwohl sie kaum mehr als zwei Wochen gedauert haben, hat Walter Beck die Dreharbeiten vor Ort bis heute in bester Erinnerung behalten. Sowohl Schuldirektorin Heidrun Mrozek als auch Dr. Heidecke von der Biologischen Station seien sehr kooperativ gewesen. Die Biber zu filmen, was eine große Sequenz zu Beginn des Filmes ausmacht, habe allerdings einige Probleme bereitet. Der große Beleuchtungsaufwand, den die Kamera benötigte, habe den Tieren nicht gefallen. Die Szenen entstanden in einer Art Voliere der Station.

Die Schule in Leitzkau – nach Vorbild des Buches – zu nutzen, war schnell klar gewesen. „Wir fanden die Schule im Schloss sehr interessant.“ Joochens Elternhaus stand dagegen nicht in Leitzkau, sondern irgendwo nahe Potsdam. Die Fährleute, denen man mit „mach jetzt dieses, mach jetzt jenes und mach das noch mal“ ihre Arbeit sehr durcheinandergebracht habe, ertrugen das tapfer. Die Fähre, allein schon wegen ihres Symbolcharakters, und die Elbe seien wichtige Darsteller in „Biberspur“, betonte Walter Beck.