Burg l Es sei doch etwas Seltenes, dass sich Erzieherin und ehemaliger Zögling begegnen, meinte Volkmar Jenig vor dem Treffen mit Dorothea Iser am Freitagmittag. Er kam als 14-Jähriger 1968 für eineinhalb Jahre in den Jugendwerkhof in Burg, sie war dort von 1967 bis 1980 als Erzieherin tätig. Damals haben sie sich nicht getroffen, in diesem Jahr allerdings schon zum ersten Mal, als im März die TV-Dokumentation „Das Lümmelheim in Burg - Ungezogen, umerzogen“ vorgestellt wurde, in der beide als Zeitzeugen zu Wort kommen.

Er hatte ihr ein Exemplar seines Buches „Muss ich verzeihen? - verstoßen - gedemütigt - misshandelt“ gegeben, wollte sich nun mit ihr darüber unterhalten. In dem Buch schildert Jenig nicht nur seine Erlebnisse in Burg. Er war schon früh seinem Elternhaus entzogen worden, hatte zahlreiche Heimstationen hinter sich gebracht. „Ich habe so bei mir gedacht, jetzt können die Kinder von damals schreiben, was sie erlebt haben“, sagte Iser.

Akte vom Jugendamt

Jenig räumte ein, durchaus eine Erinnerungsstütze gebraucht zu haben. Er hatte sich die Akte vom Jugendamt besorgt, aber dann seien die Blitze der Erinnerung durch sein Gedächtnis gezogen. Zehn Jahre hatte er gebraucht, bis er den Gedanken, ein Buch zu schreiben, begann in die Tat umzusetzen, fünf weitere Jahre dauerte das Schreiben selbst. Jenig hatte gehofft, dass er mit dem Buch nicht nur seine Geschichte erzählen, sondern auch dieses Kapitel seines Lebens abschließen könne. Doch das gelang nicht.

„Ich bin durch das Schreiben heruntergekommen, kann heute freier über die Zeit sprechen“, sagte er. Wenn er es denn tue, etwa bei einem Vortrag in einer Schule, brauche er mehrere Stunden, um zu sich zu finden. Iser hörte zu, zeigte Verständnis, vergaß aber auch nicht, Jenig daran zu erinnern, dass es ihm zu Hause wohl schlechter ergangen wäre. Dort war mittlerweile ein Stiefvater eingezogen, der zwei von Jenigs Schwestern missbrauchte. Und dennoch versuchte der jugendliche Volkmar – wie schon in den verschiedenen Kinderheimen – immer wieder, abzuhauen und nach Hause zu kommen. Aber er wurde immer wieder eingefangen. Zunächst arbeitete er in der Malerbrigade, dann in einem landwirtschaftlichen Zweig des Jugendwerkhofes. „Das hat mehr Spaß gemacht“, erzählte er. Spaß hatte er ansonsten nicht viel, auch wenn er sagt, dass es Gutes und Schlechtes gab und sich daran erinnert, wer ihm bei einer Silvesterparty das Küssen beigebracht hat, als das Licht ausgegangen war.

Auf die schiefe Bahn geraten

Auch nach dem Jugendwerkhof wurde sein Leben nicht besser. Wie er selber sagt, geriet Volkmar Jenig auf die schiefe Bahn. Es folgten zwei Jahre Jugendhaus, dann 14 Jahre im Gefängnis Brandenburg-Görden. 1987 bekam er Amnestie und nun wollte er die Kurve kriegen. Ein Jahr später heiratete er, wurde Vater eines Sohnes, die Ehe wurde bald geschieden. 1997 heiratete er ein zweites Mal, die Ehe hielt, zwei Töchter kamen hinzu. Die jüngere, Cindy, begleitete ihren Vater am Freitag nach Burg. Die Familie ist mittlerweile in Leipzig zu Hause.

Er war als Dreher auf Montage, hatte Industriekaufmann gelernt. Doch das war wenig gefragt, er arbeitete in der Gastronomie, war sogar Pächter von zwei Hotels. Besonders stolz ist Jenig aber auf seine Tätigkeiten im sozialen Bereich, in der Suchthilfe und in Jugendklubs. „Ich weiß, welche Probleme die Jugendlichen haben“, sagte er. Ende des Jahres will der 65-Jährige in Rente gehen. Den Lesern seines ersten Buches will er auch mitteilen, wie es nach dem Jugendwerkhof weitergegangen ist. Jenig schreibt bereits am Nachfolger.