Volksstimme: Wieviele Leben brauchen Sie?

Gregor Gysi: Offenbar doch eine ganze Menge, um alles unterzubekommen, was das Schicksal für mich vorgesehen hat. Bis jetzt waren es sechs Leben als Kind und Jugendlicher, Student, Anwalt in der DDR, dann die Wendezeit, als ich in die Politik geriet, die 90er Jahre, in denen ich für meine Partei und mich hart um Akzeptanz ringen musste, weil wir von der Mehrheit abgelehnt wurden, und im sechsten Leben ich bei der Mehrheit wachsenden Respekt erfuhr. Beim Siebenten, dem Alter, weiß ich noch nicht so richtig, wann es beginnt. Wenn ich in meinen vollen Terminkalender schaue, dauert es wohl noch ein bisschen.

Welches Leben ist Ihr liebstes?

Alle hatten ihren Reiz, ihre Höhen und Tiefen. Letztlich hat sich eins aus dem anderen ergeben und meinen Weg durch die Zeitläufte bestimmt. Der Mensch verklärt ja gern die früheren Jahre, weil man sich die schönen Erinnerungen einfach besser merkt. Aber mir gefällt mein aktuelles Leben im Vergleich zum vorhergehenden doch ganz gut.

Auf welches hätten Sie gerne verzichtet?

Auf das Fünfte. Angespuckt zu werden, weil ich der Buhmann für alles war, was in der DDR schief lief – das muss ich nicht noch einmal haben. Aber es war auch lehrreich für mich, weil ich in dieser Zeit eine wichtige Grundhaltung entwickelt habe. Ich hasse nicht zurück, das ließ mich den Hass, der mir damals – neben andererseits übergroßen Hoffnungen – begegnete, ertragen und ihm Stück für Stück die Spitze zu nehmen.

"Ich will das Alter genießen"

Ist das aktuelle Ihr letztes Leben?

Nein, ich habe mir ja vorgenommen, das Alter zu genießen. Ich bin noch nicht wirklich dazu gekommen, die Privilegien des Alters wahrzunehmen. Man soll dann, wenn man gefragt wird, ob einem die Tasche abgenommen werden soll, es nicht ablehnen, sondern darauf verweisen, dass dort noch ein Koffer steht. Ist es ein gutes Zeichen, dass ich es bisher nur begrenzt gefragt wurde?

Was möchten Sie in dem noch erreichen?

Politisch möchte ich noch erleben, dass die Kriege auf dieser Welt nicht mehr, sondern weniger werden, und soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit wirklich ins Zentrum der Gesellschaft rücken. Persönlich würde ich gern noch das eine oder andere Wunder dieser Welt kennen lernen, zum Beispiel mal eine Nacht im Dschungel von Costa Rica verbringen.

Wie haben Sie den Rückzug von der Fraktionsspitze verkraftet?

Ich habe festgestellt, dass viele Politikerinnen und Politiker den richtigen Zeitpunkt verpassen, um sich aus der ersten Reihe zurückzuziehen. Mir ist das, glaube ich, ganz ordentlich gelungen, weshalb es wenig zu verkraften gab. Und mein Terminkalender ist heute noch voller als früher, weil alle davon ausgehen, dass ich ja jetzt viel mehr Zeit haben müsste. Und da ich ein grottenschlechter Nein-Sager bin, kommt dann eins zum anderen.

Sind Sie noch Ratgeber oder halten Sie sich völlig raus?

Ich bin Mitglied im Bundestag und Präsident der Europäischen Linken, also geht es gar nicht, sich völlig rauszuhalten. Wenn ich um Rat gefragt werde, stehe ich selbstverständlich zur Verfügung. Und manchmal muss man sich von mir auch ungebetene Ratschläge anhören.

Was bewegt Sie außerhalb der Politik?

Dass meine Kinder mir gesagt haben, als ich als Fraktionsvorsitzender aufhörte, dass ich zwar nicht mehr Zeit hätte, aber besser zuhörte. Familie, Freunde, Liebe sind wichtiger als Politik. Das darf man nie vergessen, habe ich aber gelegentlich.

Welche Erlebnisse verbinden Sie mit Burg/dem Jerichower Land?

Vielleicht weniger Erlebnisse, aber Knäckebrot und Spee sind für mich untrennbar mit Burg und dem Jerichower Land verbunden. Politisch stellte die PDS hier zum ersten Mal mit Lothar Finzelberg den Landrat. Auch wenn sich die Wege später politisch trennten, bleibt es ein Meilenstein in der Entwicklung meiner Partei.

Wo sehen Sie die größte innenpolitische Problematik?

In der zunehmenden Spaltung zwischen arm und reich. Das zerreißt unsere Gesellschaft und zerstört den sozialen Zusammenhalt. Allein wenn ich daran denke, dass unser Bildungssystem Kinder aus sozial benachteiligten, bildungsfernen Schichten ausgrenzt, statt ihre Talente besonders zu fördern, weiß ich, wie falsch bestimmte Entwicklungen verlaufen. Wir müssen raus aus der Spirale, dass alles seinen Wert nur noch am Markt beweisen kann. Ein Krankenhaus muss sich nicht in erster Linie rechnen, sondern die Menschen gesund machen.

Und außenpolitisch?

Das Wiederaufleben des nationalen Egoismus im Gefolge der neoliberalen Globalisierung. Wir können die Menschheitsprobleme, die soziale Frage, den Klimawandel, die Frage von Krieg und Frieden, nicht mit nationalem Egoismus lösen. Wir brauchen eine Weltpolitik, die den weltweit agierenden Konzernen und Banken endlich einen Rahmen setzt.

Erwarten Sie, dass es in absehbarer Zeit zu einer Koalition mit der AfD kommen wird?

Keine der demokratischen Parteien kann es – auch vor dem Hintergrund unserer Geschichte – verantworten, mit einer Partei zu koalieren, die völkisches Gedankengut verbreitet und enge Beziehungen zu rechtsextremistischen Kräften pflegt.