Burg l Die Mitglieder des Weitblick-Vereins um Bernd Goldbach mussten Sonnabend Stühle und Sitzbänke heranschaffen, so stark drängten sich die Gäste in den Saal, um einzutauchen in ein Stück Zeitgeschichte.

Film, der aufwühlt

MDR-Redaktionsleiterin Katrin Hartig arbeit seit acht Jahren an dem Format der Reihe „Der Osten – Entdecke, wo du lebst“. Unter dem Dach dieser Sendereihe entstand ein Dokumentarfilm, der aufwühlt. Sie sagt: „Es interessieren sich besonders die Menschen zwischen 30 und 50 für dieses erfolgreiche Format.“ Hartig erklärt das Interesse damit, dass es Neugier ist, „auf die Geschichten der Eltern und Großeltern“. Manchmal könnten sie ihre Lebensgeschichte aus verschiedensten Gründen nicht erzählen. „Wenn sie dann in Form einer Dokumentation dargestellt wird und man die Zusammenhänge versteht“, erklärt Hartig, „verstehe man auch seine eigene Biografie.“ Es sei Suche nach Identität, nach Heimat.

Cindy Stiller, Mitarbeiterin des Cornelius-Werkes, empfing die Gäste am Eingang: „Wir sind überwältigt von dem Ansturm.“ Der Film nimmt von der ersten Minute an mit! Vier Schicksale, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, vier Empfindungen, differenziert und vorsichtig nachgespürt von dem Filmteam um Franziska Kruse. Die Bandbreite der Emotionen reicht von Wut, Trauer bis zu sichtlich empfundenem Dank. Spiegeln diese Gefühle doch das Erlebte wieder, das jeder Zeitzeuge, ob „Zögling“ oder Erzieher, anders erfahren hat.

Bilder

System der DDR

Für viele der so genannten Zöglinge war der in Gut Lüben untergebrachte Jugendwerkhof „August Bebel“ einer der schlimmsten Orte ihres Lebens. Für andere das Beste, was ihnen passieren konnte. Die Mädchen und Jungen waren zwischen 14 und 18 Jahre. Manche galten als verhaltensauffällig, nicht systemkonform oder schwer erziehbar. Eingewiesen wurden die Jugendlichen für solch „Verfehlungen“ wie Schulbummelei, keine geregelte Arbeit, Anhänger westlicher Musik und Kultur oder Verachtung für die DDR als System. Anderen hingegen bot der Jugendwerkhof den erhofften, ja ersehnten Schutzraum vor Gewalt und Missbrauch im Elternhaus.

Im Jugendwerkhof fanden manche familiäre Strukturen, die sie woanders schmerzlich vermissten. Alle hatten jedoch eines gemeinsam – sie unterlagen einer Erziehung im Sinne der sozialistischen Ideologie. Spricht man über die Heimerziehung von Jugendlichen in der DDR, kommt man an dem sowjetischen Pädagogen Anton Makarenko (1888-1939) nicht vorbei. Der ukrainische Lehrer und Heimpädagoge entwickelte anfangs eine Form der Kollektiverziehung mit dem Ziel der Erziehung „einer allseitig entwickelten Persönlichkeit“ nach den Theorien humanistischer Denker wie etwa Johann Pestalozzi. Seine Vorstellung von Pädagogik basierte auf einer Einheit von verinnerlichter Disziplin, Selbstverwaltung und nützlicher Arbeit.

Angst vor Bestrafung

Pervertiert wurden seine Ansätze durch stalinistische Vorgaben. Diese flossen zusammen zur „sozialistischen Pädagogik“, tilgten unter anderem die Individualität und verlangten konformes Verhalten bei völliger Rechtlosigkeit. Diese Grundsätze lehrte man den Instituten für Heimerziehung der DDR. „Makarenkos System war unsere Bibel für pädagogische Arbeit“, so der O-Ton im Film. In den Jugendwerkhöfen setzte man diese Prinzipien um. Gehorsam stand an erster Stelle – durch Disziplin, einen streng reglementierten Tagesablauf und Arbeit in Burger Großbetrieben. Die Jugendlichen mussten in Burg unter anderem im Knäckewerk, in der Schuhfabrik „Roter Stern“, im Sägewerk in Küsel und Walzwerk in Burg schwere und schwerste Arbeiten verrichten.

Die Protagonisten im Film sprechen Klartext. Volkmar Jenig verbrachte viele Jahre in Heimen, eineinhalb Jahre davon im Jugendwerkhof Burg. „In den Heimen der DDR wurde mir meine Kindheit und Jugend genommen“, sagt er. Am schlimmsten sei für ihn die Angst vor der Bestrafung durch die Gruppe gewesen, „es kann sich keiner vorstellen, wie schlimm das war“.

Ende der 1980er Jahre lernten Torsten und Nicole Ehme den Jugendwerkhof kennen und machten entsetzliche Erfahrungen, die sie bis heute traumatisieren. Erniedrigungen, Demütigungen und Körperstrafen waren Alltag in Gut Lüben. Dazu kam die latente Angst vor dem Arrest. Der konnte auf zwölf Tage ausgedehnt werden und bedeutete vollständige Isolation.

Im Film wie in der sich anschließenden Diskussion kamen auch ehemalige Erzieher zu Wort. „Man ist in dieser Sache mitgeschwommen“, drückt der Burger Bernd Felscher die Hilflosigkeit gegenüber den damaligen pädagogischen Praktiken aus. Seine Vorstellungen von dem Beruf waren andere. Und auch hier entschied sich jeder, ganz persönlich, wie weit er seinem ethischen Kompass folgen konnte und den Zögling als Menschen sah oder nur als „Objekt“, der zur sozialistischen Persönlichkeit modelliert werden sollte.

Jugendliche als "erbkrank" eingestuft

Die Schriftstellerin Dorothea Iser aus Niegripp spricht ebenfalls im Film als Zeitzeuge: Nach ihrem Studium arbeite sie von 1967 bis 1980 als Erzieherin im Burger Jugendwerkhof. Ihre gegensätzlichen Erlebnisse waren „schön wie quälend.“ Als 19-jährige Pädagogin seien ihre Vorstellungen vom Umgang mit den Jugendlichen nicht von Belang gewesen, sagt sie, immer noch sichtlich betroffen. Dienstältere Erzieher nahmen sie nicht ernst. „Manchmal fühlte ich mich wie eine von ihnen, den Jugendlichen.“ Im Schreiben fand sie ein Stück weit Kraft und Erlösung, um mit dem Erlebten zurecht zu kommen.

Auch die die zwölf Jahre des Nationalsozialismus beleuchtet der Film. Hinweise und Zeitdokumente wie persönliche als auch amtliche Korrespondenzen weisen darauf hin, dass Jugendliche nach „erb- und rassenbiologischen“ Gesichtspunkten begutachtet, als „erbkrank“ eingestuft und auch zwangssterilisiert wurden.

Der Historiker Dr. Steffen Meier von der Dachstiftung Diakonie begleitete die Dreharbeiten. Er und Stefan Böhme, Geschäftsführer der Jugendhilfe des Cornelius-Werkes, wollen die Erinnerung an die Geschichte von Gut Lüben wachhalten – „mit einem Erinnerungsraum.“ Der sei zwar schon vorhanden und mit allerlei Artefakten bestückt. „Neben den Biografien von Ehemaligen sammeln wir dafür zurzeit noch Informationen, unter andrem im Landeshauptarchiv. Geplant ist, den Erinnerungsraum im Herbst 2020 zu eröffnen“, so Meier.

Hier soll auch mit einer Legende aufgeräumt werden. Für die Einheimischen war Gut Lüben eben nicht das „Lümmelheim“, wie der Titel der Dokumentation vorgibt. Vielmehr hieß die Einrichtung im Norden der Stadt der Jugendwerkhof oder auch kurz „Werkhof“. Eine Umfrage unter der Bevölkerung im Vorfeld der Filmpremiere bestätigt diese Aussage.

Die TV-Dokumentation „Das Lümmelheim in Burg - Ungezogen, umerzogen“ ist am Dienstag, 19. März, ab 21 Uhr im MDR-Fernsehen zu sehen. Am selben Tag ist der ehemalige Jugendwerkhof auch in der Sendung „Sachsen-Anhalt heute“ ab 19 Uhr Thema. Auch in der Mediathek des MDR wird die Dokumentation „auf Grund seiner Brisanz“ für ein Jahr zu finden sein.