Ehemaligen-Treffen Jugendwerkhof Burg

Beginn: 3. Juni um 10 Uhr, Gut Lüben, Parchauer Chaussee 1a

Informationen zur Geschichte vom Jugendwerkhof „August Bebel“ und zum Gut Lüben findet man unter www.jugendwerkhof-burg.de.

Volkmar Jenig saß Ende der 1960er Jahre 18 Monate im größten Jugendwerkhof der DDR, in Burg, ein. Seit 2015 hat der Leipziger die Organisation von Ehemaligen-Treffen in Burg übernommen. Unter dem Titel „muss ich verzeihen? - verstoßen - gedemütigt - misshandelt“ hat er jetzt seine Erinnerungen an die Heimzeit veröffentlicht. Bestellt werden kann das Buch unter muss-ich-verzeihen@t-online.de.

Lutz Adler schildert in seinem Buch „Abgestempelt - Abartig“ Erlebtes im Spezialkinderheim in Kehnert, in der Zeit Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Bis 1968 war es eine Außenstelle vom Jugendwerkhof „August Bebel“ in Burg. Das Buch ist bei Lutz Adler direkt erhältlich (lutz.adler54@gmail.com).

Die vier ehemaligen Jugendwerkhof-Insassen Brigitte Matthias, Ramona Seibicke, Torsten Ehms und Thomas Senft haben eine auch in Genthin gezeigte Ausstellung „Vergangenheit bewältigen“ erarbeitet. Mit ihren Bildern verarbeiten sie die Vergangenheit und geben gleichzeitig einen Einblick in diese.

Burg l Ein Brief vom 1. Dezember 1970 belegt beispielhaft: Die Insassen des Jugendwerkhofes „August Bebel“ in Burg waren für die Planerfüllung in hiesigen Betrieben wichtig. Sie wurden fest eingeplant. Dabei sollten sie doch eine Ausbildung erhalten.

Worum ging es in dem Schreiben? Der Jugendwerkhof sollte um 40 Mädchenplätze erweitert werden. Grund: Das Knäckewerk Burg hatte „dringend die Arbeitsplätze benötigt, um den Exportplan zu erfüllen …“ Der Betrieb forderte dringend Klarheit. Die Abteilung Volksbildung, Referat Jugendhilfe beim Rat des Bezirkes Magdeburg informierte das zuständige Ressort im DDR-Volksbildungsministerium, welche Lösungswege beschritten werden könnten. Unter anderem war der Bau eines Jugendwohnheims für Mädchen erwogen worden.

1949 bis 1989

Der Jugendwerkhof Burg „August Bebel“ war der größte seiner Art in der DDR. Hier waren ständig knapp 300 Jugendliche untergebracht und erlebten oft schlimme Zeiten. Er existierte von 1949 bis 1989. Auf Teilen des Geländes sind heute das Corneliuswerk und die evangelische Grundschule untergebracht. 1989 gab es in der DDR 31 Jugendwerkhöfe mit 3336 Plätzen, von denen 2607 belegt waren.

Jugendwerkhof Burg - Eine Zeitreise

Burg (ta) l Der ehemalige Jugendwerkhof Burg war der größte Jugendwerkhof in der DDR. Untergebracht waren hier ständig etwa 300 Jungendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren. Auf Gut Lüben in Burg, wo der Jugendwerkhof untergebracht war, scheint die Zeit stehen geblieben.

  • Eine Luftaufnahme des Gut Lüben von 1939. Hier war zu DDR-Zeiten der Jugendwerkhof August-Bebel untergebracht. Quelle: Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Magdeburg, Rep. C201, Nr. 3992

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  • Die alte Bäckerei im Jugendwerkhof Burg. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die alte Bäckerei im Jugendwerkhof Burg. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

  • Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

    Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Eine alte Knetmaschine. Foto: Tanja Andrys

    Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Eine alte Knetmaschine. Foto: ...

  • Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

    Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • Gemeinsames Kartoffelschälen in der Küche auf Gut Lüben in Burg. Datum der Aufnahme ist unbekannt. Geschätzt wird auf die Zeit vorm Zweiten Weltkrieg. Später war in dieser Einrichtung der größte Jugendwerkhof der DDR untergebracht. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Gemeinsames Kartoffelschälen in der Küche auf Gut Lüben in Burg. Datum der Aufnahm...

  • Die Küche des ehemaligen Jugendwerkhofes Burg ist noch erhalten. Erst vor kurzem wurde das Mobiliar ausgeräumt. Foto: Tanja Andrys

    Die Küche des ehemaligen Jugendwerkhofes Burg ist noch erhalten. Erst vor kurzem wurde das M...

  • Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg auf Gut Lüben, Ende der 1950er Jahre. Quelle: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg auf Gut Lüben, Ende der 1950er Jahre. Quelle...

  • Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg wird heute als Mehrzweckraum genutzt. Foto: Tanja Andrys

    Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg wird heute als Mehrzweckraum genutzt. Foto: Tanja...

  • Die Wäscherei und Schneiderei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Die Aufnahme enstand etwa Ende der 1950er Jahre. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die Wäscherei und Schneiderei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Die Aufnahme enstand etwa En...

  • Eine alte Nähmaschine in Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch da. Ansonsten ist der Raum leergeräumt. Foto: Tanja Andrys

    Eine alte Nähmaschine in Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch da. Ansons...

  • In Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg sind die großen Wäscheschränke noch erhalten - und benutzbar. Foto: Tanja Andrys

    In Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg sind die großen Wäscheschränke ...

  • In der Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch ein großes Knopf-Arsenal vorhanden. Foto: Tanja Andrys

    In der Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch ein großes Knopf-Arsenal vor...

  • Die Nasszellen in den Gebäuden des Gut Lüben. Bis zum Schluss waren die Duschen in den Kellern der Wohnheime untergebracht. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die Nasszellen in den Gebäuden des Gut Lüben. Bis zum Schluss waren die Duschen in den ...

  • Eine Arrestzelle im Haus

    Eine Arrestzelle im Haus "Anne Frank" im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • Jugendliche bei sportlichen Übungen auf dem Gelände des Gut Lüben. Das genaue Datum der Aufnahme ist unbekannt. Geschätzt wir die Aufnahme zwischen 1939 und 1945. Später entstand hier der größte Jugendwerkhof der DDR. Quelle: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Jugendliche bei sportlichen Übungen auf dem Gelände des Gut Lüben. Das genaue Datu...

  • Eine Holzwerkstatt auf Gut Lüben. Später entstand hier der größte Jugendwerkhof der DDR. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Eine Holzwerkstatt auf Gut Lüben. Später entstand hier der größte Jugendwerkh...

  • Die Turnhalle im ehemaligen Jugendwerkhof Burg, heute Cornelius-Werke in Burg.Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die Turnhalle im ehemaligen Jugendwerkhof Burg, heute Cornelius-Werke in Burg.Archiv Cornelius-We...

  • Tischlerei auf Güt Lüben in Burg, etwa in den 30er Jahren. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste

    Tischlerei auf Güt Lüben in Burg, etwa in den 30er Jahren. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonisch...
    Quelle: Tanja Andrys

  • Aufnahme eines der Zimmer in der Erziehungsanstalt auf Gut Lüben. Geschäzt wird diese Aufnahme auf Anfang 50er Jahre. Zu diesem Zeitpunkt ist aus der Landeserziehungsanstalt Gut Lüben bereits der größte Jugendwerkhof der DDR entstanden. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste

    Aufnahme eines der Zimmer in der Erziehungsanstalt auf Gut Lüben. Geschäzt wird diese Aufnahme au...
    Quelle: Tanja Andrys

  • Walter Ulbricht und Lenin neben einer alten Liege: das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehemaligen Jugendwerkhof aufgehoben. Foto: Tanja Andrys

    Walter Ulbricht und Lenin neben einer alten Liege: das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte au...

  • Blechtrommel, Pauke, Fanfare und Banner:  das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehemaligen Jugendwerkhof aufgehoben. Foto: Tanja Andrys

    Blechtrommel, Pauke, Fanfare und Banner: das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehe...

  • Eine FDJ-Fahne mit der Aufschrift: Bester Jugendwerkhof der Arbeitsgruppe Nord im Kompasswettbewerb:  das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehemaligen Jugendwerkhof aufgehoben. Foto: Tanja Andrys

    Eine FDJ-Fahne mit der Aufschrift: Bester Jugendwerkhof der Arbeitsgruppe Nord im Kompasswettbewe...

  • Der Eingang zu eiem Luftschutzbunker im Haus

    Der Eingang zu eiem Luftschutzbunker im Haus "Anne Frank", ehemaliger Jugendwerkhof Burg. Foto: T...

  • Ein Luftschutzbunker im Haus

    Ein Luftschutzbunker im Haus "Anne Frank", ehemaliger Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • 2016: Luftaufnahme Gut Lüben. Die alten Gebäude sind alle noch erhalten. Heute ist hier das Cornelius-Werk Burg angesiedelt. Foto: Eroll Popova

    2016: Luftaufnahme Gut Lüben. Die alten Gebäude sind alle noch erhalten. Heute ist hier das Corne...
    Quelle: Tanja Anrdrys

  • Die Zöglinge im des Jugendwerkhofs

    Die Zöglinge im des Jugendwerkhofs "August Bebel" haben unter anderem im Burger Knäckewerk gearbe...

Am 3. Juni ist es wieder soweit. Auf Gut Lüben treffen sich wieder ehemalige Insassen des Jugendwerkhofes in Burg. Ab 10 Uhr wird es Gespräche geben, Gedankenaustausch und einen Rundgang über das Gelände des Jugendwerkhofes. Organisiert hat es zum dritten Mal der Leipziger Volkmar Jenig. Es ist das insgesamt elfte Treffen dieser Art. Die Treffen werden unterstützt und begleitet vom Corneliuswerk. Federführend dabei ist Frank Garnich, der pädagogische Leiter im Bereich Kinder-, Jugend- und Familienhilfe.

Die Ehemaligen wollen mit den Treffen „ein Zeichen setzen. Ein Zeichen gegen das Vergessen“, sagt Jenig. „Auf der Suche nach Antworten, Antworten auf das Warum.“

Jugendliche als Wirtschaftsfaktor

Die Jugendlichen, oft herausgerissen aus ihren Familien, sollten erzogen werden, im Sinne der DDR. Sie waren aber auch ein Wirtschaftsfaktor der in der Region ansässigen Betriebe, so wie die Knäcke-Werke, Wolltuchwerk und Schuhfabrik „Roter Stern“, Brauerei in Burg und Magdeburg. „Viele leiden noch heute unter dem Erlebten, doch Hilfe bekommen sie kaum, es leben viele heute in Altersarmut“, weiß Jenig. „Sie müssen um ihre Rechte kämpfen, ein Kampf der oft aussichtslos ist, da die gesetzlichen Grundlagen nicht gegeben sind, man aber auch keine Bereitwilligkeit sehen kann, um diese zu schaffen. Oftmals fehlt es auch an dem nötigen Verständnis, die Ehemaligen verstehen zu können.“

Aber Jenig, der von 1968 bis 1970 in Burg einsaß, ist zuversichtlich. „Es gibt Fortschritte, kleine, aber es gibt sie und das ist gut.“

Im vorigen Jahr gab es erste Begegnungen mit Bürgern und früheren Erziehern. Jenig und seine Mitstreiter hoffen, dass sich dies fortsetzen lässt. „Bei dem Treffen möchte man nicht nur unter sich sein, um Gedanken auszutauschen, sondern auch mit ehemaligen Erziehern und Ausbildern. Gern würden sich die Ehemaligen auch mit Vertretern von Stadt und Land unterhalten wollen im Hinblick auf die Schritte in die Öffentlichkeit. Viele Bürger der Stadt haben eine falsche Vorstellung davon, wer und warum er oder sie einst auf Gut Lüben leben mussten.“

Erinnerungstafel entsteht

Im Auftrag des Corneliuswerkes entsteht eine Erinnerungstafel, die der Geschichte von Gut Lüben in all seinen Facetten und Widersprüchlichkeiten Rechnung tragen soll, erklärt Stefan Böhme, Corneliuswerk-Geschäftsführer für den Bereich Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Weil dies keine leichte Aufgabe ist, hat sich das Corneliuswerk dafür wissenschaftlichen Beistand und Rat eingeholt. Dr. Steffen Meyer, bei der Dachstiftung Diakonie auch für geschichtliche Aufarbeitung zuständig, hat die Geschichte von Gut Lüben dafür erforscht.

Dass Kinder und Jugendliche auf Gut Lüben untergebracht waren, hat eine mehr als 100-jährige Geschichte. Am 1. Februar 1913 eröffnete hier die „staatliche Landeserziehungsanstalt Gut Lüben für zwangseingewiesene, schulentlassene männliche Jugendliche evangelischer Konfession“. Von 1933 bis 1945 steht das Handeln im Heim unter nationalsozialistischen Prämissen. Dazu gehören paramilitärische und körperliche Ertüchtigung. Es gab Zwangssterilisationen, weiß Dr. Steffen Meyer. Viele Insassen gehen nach ihrer Entlassung ab 1939 an die Front.

Nach der Wende

1945 besetzt die Rote Armee Gut Lüben, richtet hier ein Lazarett und eine TBC-Heilstation ein. Ab 1949 bis 1989 folgt der Jugendwerkhof.

Nach der Wende übernimmt das Land Sachsen-Anhalt den Jugendwerkhof August Bebel und wandelt ihn in ein Landesjugendheim um. Das am 27. Juni 1991 gegründete Corneliuswerk Burg, das sich neben der Altenhilfe auch der Jugendhilfe verschrieben hat, übernimmt Teile von Gut Lüben.

„In der mehr als 100-jährigen Geschichte vom Gut Lüben sind in der Zeit von 1949 bis 1989 viele Kinderseelen gebrochen worden“, sagt Volkmar Jenig. „Dabei wollten sie doch nur aufwachsen wie die Kinder und Jugend von heute, frei und ohne Zwang.“