Burg l Burg hat mit den Bauwerken an der Straße der Romanik kulturhistorische Stätten, die im Rahmen der „offenen Kirche“ jedes Jahr Tausende Gäste anziehen. Seit 1993 bereits knapp 40.000. Kirchen sind Orte des Gebetes, der Stille und des Innehaltens. Ihre Mächtigkeit ist so beeindruckend wie ihre Bauweise. Auch deshalb sind die Gotteshäuser an der knapp 1000 Kilometer langen Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt jedes Jahr Anziehungspunkt für Besucher aus der ganzen Welt. Nicht von ungefähr sprechen Touristiker gar von einer Ferienstraße. Und davon profitiert auch Burg mit den Kirchen St. Nicolai (Unterkirche) und Unser Lieben Frauen (Oberkirche). Fast etwas im Verborgenen und mit einer freundlichen Bescheidenheit engagiert sich der Arbeitskreis „Offene Kirche“ mittlerweile seit 1993 dafür, dass Besucher hier von Mai bis September jeden Tag zwei Stunden und sonnabends sechs Stunden auf ganz verschiedene Art verweilen können – still für sich auf der Bank oder mit Erklärungen und Führungen oder um eine Kerze anzuzünden.

Ein ehrenamtliches Projekt, das auch eine Art Werbung für die Stadt geworden ist „und eigentlich Pfarrer Joachim Gremmes und Erika Beinhof maßgeblich zu verdanken ist“, sagen Siegfried Lüer und Walter Bliß fast unisono. Die beiden Ruheständler sind von Anfang an dabei und haben neben ihrem enormen Fachwissen über Kirchen- und Stadtgeschichte auch ein besonderes Gespür dafür, was Besucher wissen wollen und wie sie ihnen begegnen. Zur „offenen Kirche“ gehört auch eine offene Herzlichkeit, damit sich ein Gast binnen kürzester Zeit gut aufgehoben fühlt.

Siegfried Lüer ist ein akkurater Mensch. Seit Beginn des Besucherprojektes wurden ganz genau 39 625 Gäste gezählt, sagt er. „Pro Jahr sind es bis zu 4000.“ Der beste Beweis, dass Kirchen nie an Bedeutung verlieren. Dafür wurde der Arbeitskreis, dem mehr als zehn Ehrenamtliche angehören, auch 2017 mit dem Romanikpreis in Silber ausgezeichnet. „Das Durchhaltevermögen hat sich gelohnt, auch wenn jeder Tag verschieden ist“, sagt Walter Bliß, der mit seinen 82 Jahren jede Bauetappe und nahezu jedes Detail der gotischen Oberkirche erläutern kann, während sich Siegfried Lüer mehr der Kirche St. Nicolai in der Unterstadt verschrieben hat. „Die Motivationen, unsere Kirchen aufzusuchen, sind völlig unterschiedlich“, sagt der 76-Jährige. Da sind zum Einen die Interessenten, die ganz gezielt die Straße der Romanik mit ihren knapp 90 Bauwerken bereisen und sich vorher oftmals schon belesen haben. Darunter sind in jedem Jahr zahlreiche Fahrradtouristen, die den Elberadweg oder andere touristische Routen nutzen. „Diesen besonders wissbegierigen Leuten geht es nicht nur um die Kirche, sondern auch um die Stadt und die Region“, sagt Lüer, der immer auch ein kleines Buch mit Tausenden Daten dabei hat und dabei auf das profunde Wissen des ehemaligen Heimatforschers Gerhard Mittendorf verweist. „Ich habe zwar schon vieles im Kopf abgespeichert, aber sicher ist sicher“, lacht der sympathische Kirchenführer.

Interessierten die Schwellenangst nehmen

Dann lernen Bliß und Lüer immer wieder die so genannten Erinnerungstouristen kennen. Solche, die vor Jahrzehnten hier beispielsweise ihre Taufe empfangen haben und den Lebenskreislauf für sich schließen wollen. Für diese Generationen sind sie oft und gern Ansprechpartner in der Heimat, „weil Gemeinsames wachgerufen wird“. Das gilt auch für Burger und Einwohner der Region, die noch nie in einer Kirche waren, aber irgendwann den Bezug dazu finden. „Ihnen muss man manchmal die Schwellenangst nehmen, wenn sie etwas verhalten die schwere Eingangstür öffnen und nur zaghaft eintreten“, sagt Walter Bliß.

Neben den Ahnenforschern begegnen die beiden Männer auch den „eiligen Besuchern“. Leute, die nur für sich kurz die Stille unterm Gewölbe spüren möchten, einfach nachdenken und für eine kurzen Moment Kraft tanken wollen. „Das ist dann der gestresste Manager, der allein sein möchte.“ Auch das wird ebenso respektiert wie quasi das Gegenteil – nämlich die musischen Gäste, die die Akustik testen, ein wenig Temperament in die Kirche bringen und ein Lied singen möchten. „Da machen wir auch gern mit, wenn es gewünscht ist“, sagt Lüer.

Auch ab Mai werden sie wie andere Mitglieder der Kirchengemeinde wieder völlig ehrenamtlich die Besucher begrüßen. So viele wie im vergangenen Jahr werden es sicher nicht werden. „Die Landesgartenschau war ein großer Gewinn für die Stadt. Dadurch haben viele Gäste auch die Kirchen aufgesucht“, bestätigen beide. Und: „Wir haben festgestellt, dass sich überraschend viele Auswärtige für die Altstadt interessieren und davon begeistert waren.“

Eine Erfahrung, die auch die Laga-Mitarbeiter immer wieder aufs Neue gemacht haben. „Wir haben darauf reagiert und bieten bereits jetzt spezielle Führungen an, die aber noch weiter ausgebaut werden“, sagt Laga-Geschäftsführerin Sonnhild Noack.