Burg/Genthin l Natura 2000 erregt die Gemüter: Während Thomas Pleye, Präsident des Landesverwaltungsamtes, den vierjährigen Bearbeitungsprozess in der vergangenen Woche als abgeschlossen einstufte, schütteln hiesige Akteure – Landwirte, Grundbesitzer, Jäger und Angler – darüber nur wütend den Kopf. „Das können wir nicht glauben“, sagt Peter Deumelandt, Geschäftsführer des Bauernverbandes Jericho-wer Land. Der Fachmann, der selbst einen landwirtschaftlichen Betrieb unterhält, erinnert daran, dass kurz vor Weihnachten 17 Verbände in einem offenen Brief an Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) gefordert hatten, die Ausweisung aufzuschieben, bis die vielen offenen Probleme geklärt sind. Vergebens.

Elbaue bei Jerichow

Worum geht es? Das 800 Seiten starke Papier weist jetzt 298 bisherige Flora-Fauna-Habitat (FFH)- und Vogelschutzgebiete als europäische Schutzgebiete (Natura 2000) aus – darunter fallen beispielsweise der Fiener oder die Elbaue bei Jerichow. Ein Projekt, das in diesem Umfang seinesgleichen sucht und nach Ansicht zahlreicher Nutzer mit unverhältnismäßig vielen Restriktionen verbunden ist.

Olaf Feuerborn, Präsident des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt, ist entsetzt: „Statt Kooperation erleben wir, dass Bürger, die dafür gesorgt haben, dass diese Gebiete heute unter Schutz gestellt werden können, künftig mit Betretungsverboten belegt werden.“ Für die Schutzzone der Elbaue würde dies bedeuten, dass beispielsweise das Angeln nicht erlaubt wäre“, ergänzt Deumelandt. Für derlei Verbote gebe es keine Akzeptanz. Vielmehr müssten alle Beteiligten wegkommen von Verboten und hin zu einem „vertraglich geregelten Naturschutz“. Immerhin habe es mehr als 3500 Eingaben gegeben, „von denen nur wenige in die neue Verordnung aufgenommen wurden. Wozu haben wir denn so viele Gespräche geführt und Papier beschrieben?“, fragt Deumelandt.

Wertverlust befürchtet

Vor allem für den landwirtschaftlichen Raum werden unabsehbare Folgen erwartet. Das betont auch Sören Rawolle, Kreistagsmitglied der Ländlichen Wählergemeinschaft und Vorsitzender der Agrargenossenschaft Tucheim, mitten in der Kulturlandschaft Fiener Bruch gelegen. Er und viele seiner Berufskollegen halten die Ziele von Natura 2000 zwar für richtig, aber auf den Weg dahin seien die Betroffenen nicht ausreichend mitgenommen worden. Laut Rawolle handelt es sich im Jerichower Land um eine Fläche von rund 16 000 Hektar. „Bei einem durchschnittlichen Verkaufswert von aktuell 10.000 Euro reden wir hier von einem Wirtschaftswert von 160 Millionen Euro.“ Und: Die Bedingungen in den Gebieten würden sich mit Natura 2000 derart verschärfen, dass die Grundstücke dann gegenüber anderen Flächen weiter an Wert verlieren. „Etwa 25 bis 30 Prozent“, sagt Rawolle, der in Tucheim auch beheimatet ist. „Das bedeutet für die Eigentümer im Jerichower Land einen Wertverlust von 40 bis 50 Millionen Euro. Dieser soll mit der Verordnung nicht ausgeglichen werden.“

Darüber hinaus gebe es im Rahmen der Verordnung zu viele Unbestimmtheiten. So soll unter anderem ein „guter Erhaltungszustand“ erzielt werden. Rawolle: „Die Frage ist doch, welcher Erhaltungszustand? Der von heute, der von vor zehn Jahren oder der von vor 100 Jahren? Das heißt, die Ziele sind für die Menschen vor Ort nicht klar. Es ist zu befürchten, dass die Unbestimmtheit des Begriffes Erhaltungszustand in der jetzigen politischen Konstellation mit Sicherheit nie zu einer Erleichterung für die Menschen im Gebiet, sondern nur zu weiteren Verschärfungen führen wird.“

Lockerungen eingearbeitet

Das Landesverwaltungsamt hatte gegenüber der Volksstimme zahlreiche Kritiken zurückgewiesen. Präsident Pleye verwies auf Erleichterungen bei Nutzungsbeschränkungen in den Natura-2000-Gebieten. Einige von ihnen seien noch nach einer Anhörung von Verbänden Mitte Dezember im Landtag ins Regelwerk eingearbeitet worden: Lockerungen soll es demnach für zwingend nötige Investitionen in Straßen oder Firmen geben. Im Vergleich zu bisher geltendem EU-Recht seien hier keine Änderungen mehr vorgesehen, sagte Pleye.