Burg l Mehr als 300 Personen sind im Jerichower Land vom Coronavirus befallen, zwei Menschen bislang verstorben. So unterschiedlich die Krankheitsverläufe und Folgen für den Einzelnen auch sind, die medizinische Behandlung ist heute gesichert. Es gibt Ärzte, Forschungseinrichtungen, Krankenhäuser mit Intensivstationen und Medikamente. Die Wissenschaft nimmt immer neue Hürden.

Von solchen Bedingungen hätten unsere Vorfahren vor Jahrhunderten nur geträumt. Ob in Burg oder anderswo. Kriege, Hunger und Leid ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Eines aber haben die Menschen von früher und heute gemeinsam: Sie hofften schon immer auf bessere Zeiten. Ein entsprechendes Schild mit diesem Wunsch stand vormals am so genannten Judenfriedhof in der Koloniestraße. „Der Grund dafür waren die vielen Elbehochwasser, die oftmals bis an die Stadtgrenzen reichten und viel Leid anrichteten“, sagt Burgs Stadthistoriker Paul Nüchterlein.

Pest verlangte viele Opfer

Und überhaupt: Neben Naturgewalten und Kriegen wurden die Einwohner der Stadt vor Jahrhunderten immer wieder aufs Neue von Krankheiten heimgesucht. „Seuchen, Pest, Cholera oder Tuberkulose konnten sich flächendeckend ausbreiten.“ Vor allem im 14. Jahrhundert wütete die Pest in ganz Europa. Woher sie kam, blieb vorerst ein Rätsel und ließ viel Raum für Theorien, die bis zu den Konstellationen am Sternenhimmel reichten. Bis schließlich auch erkannt wurde, dass die Lebensumstände maßgeblich dazu beitrugen. So steht es auch in den Chroniken Burgs geschrieben: „Unsauberes Trinkwasser, beengte Wohnverhältnisse mit vielen Kindern, schlechte hygienische Bedingungen, lange Arbeitswege auch für Kinder und mangelnde Ernährung waren ausschlaggebend“, weiß Nüchterlein. So ist heute gesichert, dass die Pest in den Jahren 994 und 995 sowie von 1349 bis 1351 wütete – mit einer großen Anzahl von Toten. Mehr als 800 Personen starben 1506 an einer Seuche. Und wieder war es wenige Jahre später die heimtückische Pest, die Burg lahm legte. 1533 erlagen etwa 700 Männer, Frauen und Kinder der Krankheit, etwas später dann, 1566, sogar 2200. Schlimm kommt es auch zwischen 1680 und 1682. Wieder war es zu dieser Zeit die Pest, die das Leben vieler Familien zerstörte und 1400 Opfer forderte. 1726 breitete sich dann die so genannte rote Ruhr aus, eine gefährliche Magen-Darm-Erkrankung, die in die Archive der Stadt einging.

Die Zahl der Erkrankten und Verstorbenen war schon deshalb für Stadt eine schwere Last, weil Burg beispielsweise im Jahr 1723 ungefähr 6000 Einwohner zählte, (bei offiziellen Zählungen wurden Frauen und Kinder nicht mitgerechnet wurden, sondern ausschließlich Männer.) Zudem mussten sich die Stadtoberen und Familien darüber den Kopf zerbrechen, wohin die Kranken verfrachtet werden. „Auch im 18. Jahrhundert gab es noch keine Krankenhäuser“, sagt Nüchterlein. So wurden die „Aussätzigen“, wie sie bezeichnet wurden, außerhalb der Stadtmauern untergebracht – in Burg vor dem Magdeburger Tor in kleinen Fachwerkhäusern in der Ackerstraße, später Kaiser-Wilhelm-Straße Nummer 3 und 4, heute August-Bebel-Straße. Die meisten Krankheiten konnten allerdings erst mit besseren Lebensverhältnissen eingedämmt werden – durch den Bau des Trinkwasser- und Kanalisationsnetzes 1903 und der Errichtung des Kreiskrankenhauses in den Jahren 1912/13. Um den Kampf gegen die Tuberkulose zu gewinnen, entstand bei Neuenzinnen (ehemals Fläminggaststätte) eine Tbc-Heilstätte. Und: Später diente auch die Diesterwegschule der medizinischen Versorgung, und zwar 1942 als Lazarett, dann 1945 als Krankenhaus. Dort ließen die Verantwortlichen einen Eisenbahnwagen als Quarantänestation für Flüchtlinge und Vertriebene aufstellen.

Schnell Massengräber errichtet

Ob gewollt oder aus der Not heraus: Um die Toten bei Seuchen möglichst schnell los zu werden, wurden neben Beisetzungen auf den kleinen innerstädtischen Kirchhöfen teilweise schnell Massengräber hergerichtet – möglichst außerhalb der Stadt und weit entfernt. In Burg geschah dies auf den Schindacker. Der genaue Ort ist nicht bekannt, möglich aber in der Nähe der Scheunenstraße. Für Salzwedel beispielsweise ist der Pestfriedhof überliefert – er befand sich im Sumpfgebiet der Jeetze.

„Gemessen an den erwähnten Zeiten mit all den Krankheiten können wir uns heute eher glücklich schätzen“, resümiert Paul Nüchterlein. Wenngleich selbst Experten erstaunt sind, mit welchem Tempo sich das Coronavirus ausbreitet und welche Einschränkungen damit verbunden sind. Kein Wunder, dass die Menschen auf bessere Zeiten hoffen.