Biederitz l „Als ich das positive Testergebnis gesehen habe, war das erst einmal ein Schock.“ Anke Reppin aus Biederitz erinnert sich mit Unbehagen an diesen dramatischen Moment. Der Schock wich Unsicherheit. Was würde nun auf sie und ihre Familie zukommen? Würden sie erkranken und falls ja, wie schwer?

Anke Reppin macht eine Pause. Bevor sie von der Krankheit erzählt, ist ihr besonders wichtig zu erklären, wie es zu der Infektion kam. „Es gab Menschen, die davon ausgingen, meine Familie müsse sich irgendwie falsch verhalten haben, dass wir unnötige Risiken eingegangen sind. Im Nachbarort Gerwisch kam es ja zu einem größeren Ausbruch, deswegen wurden wir gefragt, ob wir denn an diesem Klassentreffen teilgenommen haben.“ Aber so war es eben nicht. Deswegen ist ihr so wichtig, das zu betonen: Es bedarf keiner Feier, um sich zu infizieren. „Ich habe meinen Vater aus dem Krankenhaus abgeholt. Sein Zimmernachbar war infiziert und hat meinen Vater angesteckt. Und ich habe mich dann wohl bei der Heimfahrt im Auto angesteckt.“ Ihr Vater kam mit einem schweren Verlauf sogar wieder ins Krankenhaus, während Anke Reppin und ihr Mann einen milden Verlauf hatten. Ihr Sohn steckte sich, obwohl im selben Haushalt, nicht an.

Typische Symptome wie Halsschmerzen, Husten oder Fieber hatte sie nicht. „Das Symptom, mit dem ich am meisten zu kämpfen hatte, war eine bleierne Müdigkeit, die etwa eine Woche anhielt. Teilweise war ich so erschöpft, dass ich beim Sprechen mitten im Satz abgebrochen habe, weil ich einfach zu kraftlos war, um ihn noch zu Ende zu sprechen“, berichtet sie. Hinzu kamen Konzentrationsschwierigkeiten und Kopfschmerzen. „Insgesamt gesehen war die Krankheit im akuten Stadium nicht die schlimmste, die ich je hatte. Da hatte ich schon mal eine Grippe, die schlimmer war. Aber die Begleiterscheinungen sind belastend. Es gibt Momente, in denen man da sitzt und denkt ‚Mist, ich habe das Coronavirus. Was ist, wenn sich das plötzlich abrupt verschlechtert?‘ Die begleitende Angst ist schon krass. Dazu kam die Sorge um meinen Vater, der mit dem Virus auf der Intensivstation lag.“ Obwohl sie die Krankheit überstanden hat, lässt sich die Besorgnis deutlich aus ihrer Stimme heraushören.

Kranke bleiben ohne ärztliche Betreuung

Inzwischen ist sie wieder gesund, doch ein wenig immer noch von der Infektion beeinflusst. „Ich merke, dass ich rascher erschöpft bin als vor der Erkrankung. Wenn ich mit dem Hund eine große Runde gehe, bin ich deutlich schneller außer Atem.“ Laut ihrer Hausärztin kann sie diese Folgeerscheinung noch eine Weile begleiten. „Sie hat mir auch gesagt, dass ich in den Wochen nach der Erkrankung deutlich anfälliger für andere Infektionen bin.“

Zu Beginn der Infektion wurde sie vom Gesundheitsamt des Jerichower Landes kontaktiert. „Das war ein sehr angenehmer Kontakt, auch immer zu demselben Mitarbeiter. Es waren längere Gespräche, zum Teil auch ein wenig mit Humor. Das war recht aufbauend und gut zu wissen, dass wir einen Ansprechpartner hatten. Ich konnte alles nachfragen, und es gab auch das Angebot, sich zu melden, wenn ich Fragen habe oder es mir nicht gut geht.“

Würgereiz beim Testen

Den Test stuft sie dagegen eher als unangenehm ein. „Bei uns wurden die Teststäbchen so weit wie möglich in den Rachen gesteckt. Da hat man dann schon einen Würgereiz.“ Nach rund zwölf Stunden hatte dann die Familie ihre Ergebnisse über die Corona-Warn-App bekommen, die sie sehr erschreckten. „Man stellt sich zwar irgendwie schon darauf ein, da wir wussten, dass wir Kontaktpersonen waren und getestet wurden. Ich war mir bewusst, dass es eine gewisse Wahrscheinlichkeit gab, dass ich mich angesteckt habe, und dennoch war es in dem Moment ein Schock.“ In ihrer Stimme klingt der Nachhall dieses Schrecks mit. „Monatelang hört man etwas über dieses Virus, von schweren Verläufen, von milden Verläufen, von Verschwörungstheorien und von Verstorbenen. Das macht dann schon Angst.“

Ihre komplette Familie musste in Quarantäne. Ihr Mann und sie als Infizierte. Ihr Sohn als so genannte Kontaktperson der Kategorie I. Leicht war diese Zeit nicht. „Es ist schon anstrengend, wenn man in der Zeit praktisch aufeinander hockt. Da kann schon mal ein Lagerkoller entstehen. Aber ich denke, das ist auch eine psychische Sache. Weil man einfach weiß, dass man nicht raus darf“, meint sie seufzend. Auch ein vierbeiniges Familienmitglied war betroffen. „Unser Hund fand das nicht witzig. Er kennt morgens und nachmittags große Runden und er hat uns schon sehr verwundert angeschaut, dass wir mit ihm nur durch den Garten getobt sind. Aber da hatten wir ja noch Glück, dass wir einen Garten haben.“

Verunsichert in beschwerlicher Zeit

Mit dem Gesundheitsamt kam es auch zu Gesprächen wegen Kontaktpersonen, die sich möglicherweise infiziert haben könnten. Eine ärztliche Untersuchung gab es aber nicht. „Das fand ich als Patientin merkwürdig.“ Anke Reppin klingt nachdenklich. „Ich verstehe, dass das schlecht zu organisieren ist, und ich habe es in dem Sinne ja auch nicht gebraucht, weil sich meine Symptome in Grenzen hielten. Aber im Grunde ist es so, dass man in Quarantäne geschickt wird und dann mit seinen Symptomen alleine ist. Bei jeder Erkältung wird man abgehört, ob die Lunge frei ist, und es wird in den Hals geleuchtet und beim Coronavirus sitzt Du da und denkst: Höre ich da was? Ist das jetzt Kurzatmigkeit? Was mach ich nur, wenn es schlimmer wird?“ Sie wirkt verunsichert im Rückblick auf diese beschwerliche Zeit.

Aus dem persönlichen Umfeld kam es zu unterschiedlichen Reaktionen, als bekannt wurde, dass die Reppins mit dem Coronavirus infiziert sind. „Unheimlich viele haben sich gemeldet und haben sich nach unserem Befinden erkundigt, haben sich angeboten, Erledigungen für uns zu machen. Wir hatten wirklich mehr Angebote, als wir annehmen konnten. Das war schön zu sehen, wie viele Menschen man kennt, die in so einem Moment für einen da sind“. Über diese Unterstützung ist sie dankbar. Es habe aber auch viele neugierige Nachfragen gewesen. „Und auch lustige Reaktionen. Manche meinten, dass es ja aufregend sei, jetzt jemanden mit Corona zu kennen“, lacht sie. „Dann ist mir aber auch aufgefallen, dass viele wissen wollten, wie wir uns angesteckt haben. Und deswegen habe ich inzwischen das Bedürfnis, das zu erklären, wie es dazu gekommen ist. Mir ist aufgefallen, dass immer mal wieder die vorwurfsvolle Nachfrage kommt, ob wir feiern oder im Ausland waren. Dabei kann man sich auch in anderen Situationen anstecken, zum Beispiel ausgerechnet im Krankenhaus.“

Weniger Verständnis für Maskenmuffel

Seit der Infektion hat Anke Reppin deutlich weniger Verständnis für „Maskenmuffel“. „Vorher habe ich darauf weniger geachtet, wenn jemand im Supermarkt ohne Maske herumgelaufen ist oder sie unter Nase oder Kinn gezogen hat. Inzwischen macht mich so etwas regelrecht wütend, weil die andere damit gefährden. Da hat sich bei mir durch die Erkrankung etwas verändert in meiner Wahrnehmung.“ Sie vermutet, dass in vielen Fällen erst die persönliche Betroffenheit ein Umdenken herbeiführen könnte.