Burg l Kati Fischer sitzt auf der Besucher-Couch, schlürft Sekt und lächelt voller Vorfreude. Sie hat ihren Schützlingen Charlotte Pilat (17) und Yusuf Demir (21) einen Termin organisiert, der sie zu Kandidaten für Burgs Next Topmodels macht. Falls Heidi Klum eines Tages nach Burg kommt, sind die beiden Schüler bestens vorbereitet.

Sie gehören zu "Stand Up"

Charlotte und Yusuf gehören zu den 75 Sportlern des Burger Stand-Up-Projekts (deutsch: aufstehen). Gründerin dieser Initiative ist Kati Fischer, die auf der Couch noch immer an ihrem Sektglas nippt. Vor acht Jahren hat die frühere Streetworkerin dieses Projekt aus der Taufe gehoben. Sie sagt: „Boxen ist der perfekte Sport für junge Menschen, deren Biografie nicht immer die Sonnenseite des Lebens zeigt.“ Sie sagt auch: „Boxen ist Strategie, Boxtraining ist Disziplin und Willenskraft.“

Ihr Projekt nennt sich Boxen für ein gewaltfreies Miteinander. Zweimal pro Woche arbeiten die Trainer Ernst Patze (ein früherer DDR-Meister) und Vinay Schröder mit den jungen Leuten. Im Boxring stehen Leute aus zwölf Nationen. Das Training harmoniert nur dann, wenn sich alle einordnen können. Wenn Sie niemals den Respekt voreinander verlieren.

Bilder

Auch Flüchtlinge sind in den vergangenen Monaten zu den Stand-up-Boxern gestoßen. Einige haben hier ihre ersten Kontakte geknüpft, noch bevor sie einen Sprachkurs belegt hatten.

Kati Fischer hat alles im Blick

Von ihrer Besucher-Couch aus kann Kati Fischer Friseurmeisterin Beatrice Georgiew bei der Arbeit zusehen. Sie steht hinter der jungen Boxerin, macht ihr glattes Haar mit einem Lockenstab wellig. Nur die Meisterin weiß, wie Charlotte Pilat nach einer 20-minütigen Behandlung aussehen wird: „Sie bekommt eine edle Flechtfrisur.“ Viele einzelne Zöpfe werden zu einem eleganten Ensemble zusammenfügt: „Ich muss dabei auch auf die Proportionen ihres Gesichts achten“, erzählt Beatrice Georgiew, die ihr La Vida Hair Studio an der Brüderstraße betreibt. Schon seit fast acht Jahren. Sie sagt: „Es war immer mein Ziel, mich mit einem Friseurgeschäft selbständig zu machen. Ich lebe meinen Traum.“

Ein Traum ist das Make up von Charlotte Pilat. Während die Meisterin die Steckfrisur fast vollendet hat, kümmert sich Expertin Sandy Arndt um Wimperntusche, Lidschatten und Rouge.

Eine Prinzessin

Voila – aus der Boxerin wird eine Prinzessin.

Irgendetwas fehlt noch.

Ach ja, ein weißes Kleid.

Und was noch?

Ein Prinz!

Charlotte huscht mit ihrer Sporttasche in den Nebenraum. Muss ja nicht jeder zuschauen, wenn sie sich in das schneeweiße Kleid hüllt.

Der Prinz ist auch schon da. Yusuf bekommt seine männliche Spezialbehandlung vor dem Spiegel von Beatrice Georgiews neuesten Mitarbeiter Waad Butrus: „Wir leben hier Integration“, sagt die Chefin und hat schnell erklärt, warum sie das Stand-up-Boxprojekt von Kati Fischer unterstützen möchte: „Da gibt es Leute, die sich um junge Menschen kümmern, die es nicht immer leicht hatten.“

Spendenaktion

Das Projekt soll von den Spendengeldern profitieren, die Friseurin Georgiew am 9. Mai ab 15 Uhr in ihrem Geschäft an der Brüderstraße einsammeln möchte. Die Einnahmen aus dem Haare schneiden und frisieren kommen ohne Umwege dem Stand-up-Projekt zu. Georgiew: „Wir machen diese Aktion schon seit einigen Jahren immer im Mai. In der Vergangenheit haben unter anderem das Pionierhaus oder ein Mutter-Kind-Haus davon profitiert.“

Charlotte kommt aus dem Nebenraum. Ein Raunen geht durch den Salon: Wunderschön! Eben noch Boxerin – jetzt märchenhafte Schönheit.

Naja... fast: Die Prinzessin im weißen Traumkleid kommt in Turnschuhen daher. Egal, das anschließende Volksstimme-Fotoshooting findet oberhalb der Gürtellinie statt.

Charlotte Pilat hat viele Talente. Nur eines kann sie nicht: Stillsitzen. Nach ihrem Fachabitur für Gesundheit- und Soziales möchte sie sich beruflich in der Psychologie etablieren: „Das liegt mir.“

Seit drei Jahren geht sie regelmäßig zum Boxen. Nicht nur das: Sie hat die Jugendleitercard, wird derzeit zur Trainerin ausgebildet. Kati Fischer sagt: „Wir schauen uns die Kandidaten für die Trainerausbildung ganz genau an. Charlotte wird eine gute Trainerin sein.“

Tanzclub Vilando

Doch mit dem Boxen ist ihre Freizeit längst nicht ausgefüllt. Sie gehört auch zu den Akteuren des Burger Tanzclubs Vilando. Auch hier erscheint sie mehrmals pro Woche zu den Proben. Und auch hier arbeitet sie als Co-Trainerin der kleinen Tänzerinnen im Alter von sechs bis acht Jahren: „Ich bin kein Wettkampf-Typ, mir geht es in beiden Sportarten um das intensive Training.“

Yusuf ist fertig. Der 21-jährige Burger erzählt gern von seinen Zukunftsplänen: „Wenn ich das Abi in der Tasche habe, will ich Wirtschaftswissenschaft studieren.“

Sein großer Traum: „Irgendwann will ich mein eigener Chef sein.“ Auch ihm geht es nicht um die großen Boxwettkämpfe: „Ich will trainieren.“ Das macht er nicht nur im Boxring, sondern auch beim Kraftsport oder auf dem Fußballplatz.

Yusuf ist perfekt gestylt. Er gibt zu: „Ich bin eitel, wenn es um mein Äußeres geht.“

Prima, dann kann das Fotoshooting beginnen. Anfangs ist das Paar schüchtern, doch mit jedem Blitzlicht legt sich die Nervosität, die Körpersprache wird professioneller, auch die Blicke. Zehn Minuten später ist das perfekte Foto im Kasten.

Gerade zur rechten Zeit, denn jetzt ist Kati Fischers Sektglas leer.