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aus dem Jerichower Land DDR-Radsportlegende Täve Schur wird 95: "will nochmal aufs Rad steigen"

Gustav Adolf Schur feiert am Montag, 23. Februar, Geburtstag. Dass er nicht in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports aufgenommen wurde, dem weint er keine Träne nach.

Von Bernd Kaufholz Aktualisiert: 23.02.2026, 14:12
Täve Schur in seinem Haus in  Heyrothsberge.
Täve Schur in seinem Haus in Heyrothsberge. Kaufholz

Heyrothsberge - Ich sehe mich immer noch als Achtjähriger auf den Betonstufen des Magdeburger Ernst-Grube-Stadions stehen. Die Augen beschirmt mit einem grünen Plastiksonnenschutz und ein kleines Papierfähnchen – blau mit weißer Friedenstaube – schwenkend.

Und da kamen sie schon. 15. Mai 1960: Zielankunft der 13. Friedensfahrt (Leipzig-Magdeburg). Das vollbesetzte Rund schrie: „Täve! Täve! Täve!“ Ein Anfeuerungsruf, der zum geflügelten Wort geworden war. Und Gustav-Adolf Schur trat in seiner Bezirksstadt noch einmal kräftig in die Pedale, kam als erster durchs Ziel.

Der Gesamtchampion des Vorjahrs wurde einen Tag später 16. des Endklassements – Sieger: Mannschaftskamerad Erich Hagen. Die DDR stand als Team ganz oben auf dem Treppchen.

Der Mann, der vor 66 Jahren um das Stadionrund raste und der bekannteste Radsportler der DDR ist, wird am Montag 95 Jahre alt. Ernsthaft mit dem Radsport begonnen hat er 1951 mit 19 Jahren bei der BSG Grün-Rot Magdeburg, „Ein bisschen späte für heutige Verhältnisse“, sagt er dieser Tage in seinem Haus in Heyrothsberge im Jerichower Land.

Dass er mal in die Pedale treten würde, hatte er nicht gedacht. „Ich habe Fußball gespielt – aber keine Tore geschossen – und war Läufer. Mit dem Rad hatte ich nur zu tun, wenn ich zu meiner Lehrstelle als Maschinenmechaniker in Koblitz (8 km) gefahren bin – immer voll druff.“

Täve Schur: „Ich ging ab, wie ne Rakete“

Nach drei gewonnenen Tourenrennen erkannten die Trainer von Aufbau Börde Magdeburg das Riesentalent Schurs. Innerhalb weniger Jahre schaffte er es in die oberste Leistungsklasse des DDR-Radsports. „Ich ging ab, wie ne Rakete“, schmunzelt Täve.

Sein erster großer Erfolg war der Sieg beim Eintagesrennen „Rund um Berlin“ 1951. Ein Jahr später durfte er das erste Mal bei der Internationalen Friedensfahrt starten und wurde Zehnter von 98 Teilnehmern. Insgesamt nahm er an zwölf Friedensfahrten teil und wurde 1955 und 1859 Gesamtsieger.

Gustav-Adolf Schur (M) bei der Radweltmeisterschaft der Straßenamateure am 13. August 1960 auf dem Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal. Täve wurde Vize-Weltmeister.
Gustav-Adolf Schur (M) bei der Radweltmeisterschaft der Straßenamateure am 13. August 1960 auf dem Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal. Täve wurde Vize-Weltmeister.
picture alliance / dpa

Warum er 1960 nicht aufs Siegertreppchen kam, weiß er noch ganz genau. „Mein Mannschaftskamerad Egon Adler stürzte, und ich wartete, bis er sein Rad gewechselt hatte um ihn als aussichtsreichen Fahrer für den Gesamtsieg wieder ans Feld heranzufahren. Wieder auf dem Rad, übersah er ein Presseauto am Straßenrand und knallte dagegen – wieder Radwechsel, acht Minuten Rückstand.“ Schur und Manfred Weißleder versuchten gemeinsam, den Topfavoriten nach vorn zu bringen. „Ein Mannschaftskamerad sprang in die Bresche. Erich Hagen fuhr im Berliner ,Walter-Ulbricht-Stadion’ als erster über den Zielstrich und rettete den Gesamtsieg für die DDR.“

Überragende Radsportbilanz in der DDR

Die Bilanz der Radsportikone ist überragend- Seine größten Erfolge: zweimal Weltmeister im Straßenradsport (1958, 1959), Olympische Spiele: Silbermedaille 1960 in Rom (Mannschaftszeitfahren), Bronzemedaille: 1956 in Melbourne, Friedensfahrt: Gesamtsieger 1955, 1959, mehrfacher Etappensieger und Sieger mit der Mannschaft, sechsmal DDR-Meister Straße. Insgesamt gewann er 14 DDR-Titel auf der Straße und im Einzelzeitfahren. Siege bei Rundfahrten: DDR-Rundfahrt (1953, 1954, 1959, 1961), Harzrundfahrt (1955, 1956, 1959, 1960), Rund um Berlin (1951).

Nach dem deutsch-deutschen Olympia-Qualifikationsturnier für Tokio (1964) beendete Täve mit 33 Jahren seine aktive Laufbahn und wurde bis 1973 Trainer, später Vizebezirkschef des Deutschen Turn und Sportbundes der DDR.

Zwei vergebliche Anläufe

Trotz seiner großen sportlichen Verdienste schaffte es Schur nach der Wende nicht, in die Ruhmeshalle des deutschen Sports aufgenommen zu werden. Zwei Nominierungsversuche lehnte die Stiftung Deutsche Sporthilfe ab. Hintergrund waren Vorwürfe der großen Staatsnähe und seinen Äußerungen zum Doping in der DDR.

Gustav Adolf Schur mit Lorbeerkranz und Blumenstrauß bei der Siegerehrung der sechsten DDR-Rundfahrt am 31. August 1954. Der spätere zweimalige Rad-Weltmeister der Amateure und Friedensfahrtsieger, den alle Radsportfans nur unter dem Namen "Täve" kennen, ist nicht nur wegen seiner großen sportlichen Erfolge zur Legende geworden, sondern auch wegen seiner Fairness und Bescheidenheit.
Gustav Adolf Schur mit Lorbeerkranz und Blumenstrauß bei der Siegerehrung der sechsten DDR-Rundfahrt am 31. August 1954. Der spätere zweimalige Rad-Weltmeister der Amateure und Friedensfahrtsieger, den alle Radsportfans nur unter dem Namen "Täve" kennen, ist nicht nur wegen seiner großen sportlichen Erfolge zur Legende geworden, sondern auch wegen seiner Fairness und Bescheidenheit.
picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

„Na klar war ich ein Aushängeschild der DDR, aber das sind ja Sportler grundsätzlich.“ Mit Blick auf seine Zeit als Volkskammerabgeordneter zwischen 1958 und 1990 – zuerst für die FDJ, dann für die SED und PDS – sagt der Heyrothsberger heute: „Das war nichts für mich. Sitzende Tätigkeiten, außer auf dem Rad, hat mir nie gefallen. Ich bin eher ein praktischer Mensch.“ Mitglied der PDS-Fraktion der ersten frei gewählten Volkskammer nach der politischen Wende zu werden, dagegen habe er sich lange gewehrt. „Der Parteivorsitzende Gregor Gysi hat mich viermal angerufen, dann erst habe ich zugesagt.“

Die Enttäuschung darüber, dass es seine sportlichen Erfolge 2011 und 2017 nicht in die virtuelle Stätte zur Ehrung deutscher Sportler geschafft haben, habe er längst abgehakt. Dass der Landessportbund Sachsen-Anhalt im September 2025 einen erneuten Anlauf genommen hat, sei zwar gut, doch er hänge nicht daran.

„Dass ich im Zentrum Magdeburgs unweit von Karstadt mit einer Messingplakette, die in den Gehweg eingelassen ist, neben anderen Sportskanonen der Stadt geehrt werde, freut mich natürlich. Und sogar im sächsischen Lichtenstein habe ich neben anderen Sportlern eine Ehren-Tafel bekommener, weil ich dort oft an Rennen teilgenommen habe.“

2023 hat Schur das vorerst letzte Mal auf dem Sattel gesessen. „Ich hatte Corona und dann dieser blöde Sturz vom Schuppendach, bei dem ich mir acht Rippen gebrochen habe und anschließend Notoperation. Aber meine Lebensgefährtin Karin (Ehefrau Renate starb 2020), die nur ein paar Schritte von meinem Haus entfernt wohnt, und ich laufen jeden Nachmittag etwa eineinhalb Stunden eine große Runde in Heyrothsberge.“ Bewegung müsse sein, sagt er und fügt an: „Man kann sich nicht mehr bewegen, weil man alt wird, sondern man wird alt, weil man sich nicht mehr bewegt.“

„Ich will 100 Jahre alt werden“

Sein Ziel für die Zukunft?: „Ich will nochmal aufs Rad steigen und 100 Jahre alt werden.“ Außerdem wünsche er sich, dass die Menschen mehr auf die Umwelt achten und lese viel über den Klimawandel. „Ich merke es doch selbst im Garten hinterm Haus, wo sonst viele Vögel waren, sieht am nur noch wenige. Das ist wohl dem Einsatz von Herbiziden geschuldet.“

Geburtstagsempfang am 28, Februar

Am 28. Februar findet von 13 bis 17 Uhr der öffentliche Geburtstagsempfang für Schur im Sportzentrum „Am Mühlberg“, Zenser Straße 1, Kleinmühlingen statt.

Angemeldet haben sich bisher mehr als 250 Gäste. Darunter viele ehemalige Sportgrößen, wie Marathon-Olympiasieger Waldemar Cierpinski und Radsportweltmeister Bernd Drogan.

Täves Wunsch: Bitte keine Geschenke - gern eine kleine Spende für das Friedensfahrtmuseum in Kleinmühlingen.