Gardelegen l Mit einer Zange greift sich Ricardo Lenk eine der Flaschen, die gerade aus einem Tropfen flüssigen Glases geformt wurde und in die später Wodka gefüllt werden soll. Der 30-Jährige trägt die Flasche zu einer kleinen Waage. Solche Gewichtskontrollen gehören zur täglichen Arbeit des Maschinenanlagenfahrers am „Heißen Ende“, wie dieser Produktionsabschnitt im Gardeleger Glaswerk heißt. Seit Mai 2010 gehört der Mann aus Beese zur Belegschaft, die aktuell 143 Mitarbeiter stark ist. „Und recht jung ist“, erklärt Wolfram Seidensticker, Geschäftsführer der HNO Global GmbH. Denn das Durchschnittsalter der Mitarbeiter liegt bei 42,7 Jahren.

Dazu trägt mit seinen 31 Lenzen auch Andy Sauer bei, der seit einigen Wochen im Unternehmen beschäftigt ist als Anlagenbediener. Seine Anlage fertigt an diesem Vormittag Flaschen für Scotch Whisky. „Ich bin froh, hier vor Ort Arbeit gefunden zu haben“, sagt der Gardeleger und fährt fort, die Qualität der gerade herstellten Flaschen zu prüfen. Etwa 1130 bis 1150 Grad Celsius hat das flüssige Glas, bevor Tropfen für Tropfen Flaschen daraus werden. Kein Wunder also, dass es in der Werkhalle recht warm ist: 37,5 Grad Celsius an diesem Vormittag. „Das geht doch, im Sommer wird es noch wärmer“, sagt Ricardo Lenk.

Jede einzelne Flasche wird kontrolliert

Eine dritte Anlage produziert an diesem Vormittag Rum-Flaschen. Stehen sie auf dem Fließband, durchlaufen sie bis zur Verpackung 160 Prüfungen, viele davon hochmodern mit Sensoren. Einen sogenannten Bypass, mit dem zur Kon­trolle nur ausgewählte Flaschen herausgefiltert werden, gibt es im Gardeleger Werk nicht. „Bei uns wird jede Flasche kontrolliert“, versichert Wolfram Seidensticker. Und am Ende wird jede Flasche mit steriler Luft ausgeblasen, damit Staub oder kleine Fliegen keine Chance haben.

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Drei Flaschensorten sind es an diesem Tag, die Produktpalette der HNG Global umfasst aber zirka 85 verschiedene Sorten – für Spirituosen, Limonade, Öle, Joghurt, Sirup, Dressingsoßen und anderes. „Wir produzieren hier am Standort nur Flaschen in einem qualitativ hochwertigen Weißglas“, erklärt Katrin Bahr, kaufmännische Leiterin und Prokuristin. Recyclingglas wird nicht verarbeitet, „denn unsere Kunden legen Wert auf eine ansprechende Präsentation ihrer Produkte“. Heißt: Wenn in der Flasche Dressing oder Mayonaise ist, sollte das Glas keinen Grau- oder Gelbstich haben. Darum Weißglas, hergestellt aus Rohstoffen aus der Region. Sachsen-Anhalt sei „schon ein wichtiger Standort für die Glasindustrie“, sagt Katrin Bahr und zählt vier Glaswerke und ein Glasfaserwerk auf, die es im Land gibt. Die Entscheidung, sich hier in Gardelegen und nahe mehrerer Bundesstraßen anzusiedeln, sei die richtige gewesen, fügt Wolfram Seidensticker hinzu.

Täglich werden 360 Tonnen Glas geschmolz

Gearbeitet wird an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr, im Vier-Schicht-System. „Die Glasschmelze darf nicht abgestellt werden“, erklärt der Geschäftsführer. Pro Tagesschicht sind – die Verwaltung nicht einbezogen – 17 Mitarbeiter im Einsatz. Einer von ihnen ist an diesem Freitagvormittag Uwe Biermann aus Kloster Neuendorf. Der 44-Jährige, der seit 2009 im Werk arbeitet, ist Abteilungsleiter im Bereich Instandhaltung/mechanische Betriebserhaltung. Sein Arbeitsbereich ist der gesamte Betrieb, denn er und seine Mitarbeiter haben die Instandhaltung sämtlicher Anlagen und Gebäude im Blick. „Das macht mir richtig Spaß, und natürlich ist es schön, Arbeit direkt vor Ort zu haben“, sagt der Handwerker. Seine Abteilung arbeitet tagsüber, für die Nacht gibt es eine Rufbereitschaft.

Am Tag werden 360 Tonnen Glas geschmolzen und daraus rund 1,1 Millionen Glasbehälter produziert. „Pro Tag fahren etwa 60 Lastwagen bei uns rein und raus“, nennt Wolfram Seidensticker eine weitere Zahl. Geliefert wird auch ins Ausland, die Export­rate liegt bei zirka 20 Prozent. Ab kommendem Jahr gehen Flaschen auch in die USA. Ein französischer Kunde bezieht schon länger seine Flaschen aus Gardelegen, und nun möchte er für den amerikanischen Markt unbedingt das altmärkische Produkt.

Selbst die Queen bekommt Gardeleger Flaschen

Auch bei Queen Elisabeth II. kommen Flaschen aus Gardelegen auf den Tisch. Denn die englische Firma Hildon Mineral Water füllt ihr Mineralwasser in Flaschen aus der Hansestadt ab – und eben dieses Hildon-Wasser trinkt die Monarchin. Mit dem Unternehmen realisieren die Gardeleger derzeit ein weiteres Projekt. „Wir haben zusammen eine Flasche entwickelt, die nur in Hilton-Hotels in England angeboten wird, zum Beispiel bei Meetings“, erklärt Wolfram Seidensticker.

Entwickelt und designt werden die individuellen Flaschenmodelle – immer in Abstimmung mit dem Kunden – in einer eigenen Abteilung im Gardeleger Unternehmen. „Dabei ist natürlich wichtig, welches Füllgut hineinkommt“, erklärt Katrin Bahr. In der Entwicklungsabteilung gab es 2015 genug zu tun, „denn wir haben viele neue Kunden hinzugewonnen“. Der Markt für Glasflaschen erfahre gerade einen Aufschwung. Einerseits, weil PET-Verpackungen vom Verbraucher zunehmend als schädlich angesehen würden, andererseits, weil immer mehr Bioprodukte nachgefragt werden, die in der Regel in Glasbehältern erhältlich sind.

 

Firma klein, aber sehr sehr flexibel

„Im Glassektor ist die Chance gerade gut, sich besonders hervorzutun“, sagt die Prokuristin, denn immer mehr Produzenten aus der Nahrungs- und Lebensmittelindustrie würden Glas als repräsentative und sichere Verpackung erkennen. „Und wenn es den Leuten gut geht, dann kaufen sie Produkte, die gut sind“, fügt sie mit optimistischem Blick in die Unternehmenszukunft hinzu. „Wir sind zwar jung und erst seit Februar 2010 am Markt, haben uns aber schon etabliert.“ Und Wolfram Seidensticker ergänzt: „Als Firma klein, flexibel, sehr speziell, bei vielen Kunden kommt das an.“ Nachdem in diesem Jahr das Hauptaugenmerk auf die Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität gelegt wurde, will HNG Global im

kommenden Jahr wieder mehr auf Messen präsent sein und weitere Kunden werben. „Um breiter aufgestellt zu sein“, erklärt der Geschäftsführer. Gut aufgestellt ist das Unternehmen in Sachen Fort- und Weiterbildung sowie Berufsausbildung. Derzeit gibt es vier Lehrlinge, sie werden Industrieglasfertiger und Verfahrensmechaniker, auch Industriekaufleute wurden schon ausgebildet. Die Chancen für eine Übernahme sind gut, sagt Katrin Bahr, denn Mitarbeiter werden immer gesucht, aktuell Elektriker.