Gardelegen l Mittlerweile kann man es schon sehen, wenn man hereinkommt: Die Regale lichten sich. „Seit gut drei Wochen läuft unser Ausverkauf“, sagt Sabine Weichert, und man sieht es ihr an: Ein bisschen leid tut ihr der Abschied von diesem Ort doch, an dem sie und Ehemann Peter im vergangenen Vierteljahrhundert fast täglich zu finden waren.

Doch ab dem kommenden Februar soll damit Schluss sein. Dann wollen die beiden Buchhändler zu Hause bleiben, oder wandern gehen – vielleicht sogar den Jakobsweg entlang – oder auch mit dem Rad fahren. „Eigentlich wollen wir noch mal so richtig aufdrehen“, verrät Sabine Weichert schmunzelnd. Und in dem Moment sieht man mehr als deutlich, dass die Freude auf den Ruhestand mittlerweile doch überwiegt. Immerhin ist Ehemann Peter ja auch schon Rentner, müsste also gar nicht mehr täglich in den Laden kommen. Dennoch ist er morgens um 9 Uhr stets derjenige, der das Geschäft aufschließt. „Er ist der Pünktliche von uns, ich komme immer ein bisschen später“, verrät sie. Dafür schließt sie abends meist ab – und das seit mehr als 25 Jahren.

Hobby zum Beruf gemacht

Ihr heutiges Geschäft gleich gegenüber der Sparkasse haben die Weicherts 1990 bezogen. Zuvor befand es sich im gegenüberliegenden Buchladen Manger (heute ein Friseurgeschäft). Von Werner Manger hatte Sabine Weichert das Unternehmen 1988 als Nachfolgerin übernommen. Damals war sie Mitarbeiterin dort – zwischen uralten dunklen Holzregalen „und Dielen, die man noch mit geölten Sägespänen bohnern musste“, erinnert sie sich lachend. Doch für sie hatte der Laden Charme. Und außerdem zogen Bücher die Bergbauingenieurin immer schon magisch an. „Deshalb habe ich einfach mein Hobby zum Beruf gemacht“, gibt sie zu.

Ab 1990 wird das schließlich auch zum Lebensinhalt von Ehemann Peter. Denn beide sind sich nach der Wende einig, dass sie den Sprung in die Selbstständigkeit gemeinsam wagen werden. Und so gibt er seinen Beruf als Montageschlosser auf. Beide bauen die einstigen Wohnräume um – in einen schmucken und freundlichen kleinen Laden mit zwei großen Schaufenstern – füllen ihn mit Büchern und dazu mit Bildern, Kalendern, Stiften und Heften, die ebenfalls zum Sortiment gehören sollen.

Internet wurde zur Konkurrenz

In den ersten Jahren werden Weicherts dann sogar zu Arbeitgebern, beschäftigen einige Mitarbeiter. In jüngster Zeit schmeißt das Paar den Laden allerdings nur noch allein. Es ist wie in den meisten Einzelhandelsbranchen: Das Internet wird zur großen Konkurrenz. Wenn es auch im Buchhandel mit seinen festen Preisen weniger deutlich auffällt, „ist es doch zu merken“, gibt Sabine Weichert unumwunden zu.

Dennoch halten ihnen die Kunden seit Jahrzehnten die Treue. Besonders zu Weihnachten ist Hochsaison. „Bücher sind für viele die letzte Rettung. Ein Buch als Geschenk geht schließlich immer“, weiß Sabine Weichert. Sie selbst und auch Ehemann Peter machen es ja auch nicht anders: „Bei uns bekommen alle Bücher. Wir schenken unseren Kindern welche und uns gegenseitig ebenfalls“, auch wenn das mit der Geheimhaltung zu Weihnachten manchmal nicht so leicht zu händeln ist, wenn man im selben Geschäft arbeitet. „Aber wir glauben ja beide nicht mehr an den Weihnachtsmann...“

Viele Gutscheine noch offen

Übrigens: Das tägliche Zusammenarbeiten hat bei ihnen von Anfang an gut funktioniert. Vielleicht, weil beide echte Bücherwürmer sind und in ihrer Arbeit aufgingen. So waren sogar die Besuche der Leipziger Buchmesse immer mehr ein gemeinsames Vergnügen als eine Pflicht. Spaß hatten beide schließlich auch, wenn sie sich am Organisieren von Lesungen beteiligt haben – Sabine Weichert ist nämlich Mitglied im Bibliotheksförderverein.

Das alles wird das Unternehmerpaar wohl auch ein bisschen vermissen. Und noch einen anderen Wermutstropfen gibt es. Beide finden es schade, dass sich kein Nachfolger für ihren Buchladen gefunden hat und ihr Geschäft sich zunächst wohl in die Reihen leerstehender Ladenlokale einreihen wird. Und weil sie ohne Nachfolge schließen werden, appellieren Weicherts an alle Kunden, die noch einen Gutschein haben. „Die müssen unbedingt eingelöst werden, wir wollen schließlich nicht mit Schulden in den Ruhestand gehen.“ Wer in den lichter gewordenen Regalen nichts findet, kann bis zum 25. Januar selbstverständlich auch noch etwas bestellen.

Übrigens: Was sie machen, wenn sie am 1. Februar nicht mehr in ihren kleinen Laden der großen Worte gehen müssen, wissen Weicherts heute schon: „Ausschlafen“, sagen sie unisono. Klar, wenn man abends jetzt immer bis in die Puppen lesen kann.