Jerchel l Die kleine Alyshia wünscht sich eine Nixenbarbie, Kayli Puppengeschirr und vielleicht einen Spielcomputer. Milena hätte so gern einen kuscheligen Schlafbär. Ihre Wunschzettel hängen seit Wochen an einer Wäscheleine im Korridor. Die Großen haben ihn schon selbst geschrieben, die Kleinen gemalt – so weit, so normal.

Ungewöhnlich ist vielleicht nur, dass es in diesem Haus die stattliche Zahl von 13 Wunschzetteln gibt, und nur einige der Kinder tatsächlich Geschwister sind – es sich bei ihnen aber nicht etwa um eine große fröhliche Patchworkfamilie handelt. Die kleinen Leute, die hier wohnen, haben schon viel erlebt, was Kinder in ihrem Alter noch nicht erlebt haben sollten. An einigen ist das auch nicht spurlos vorbei gegangen. Sie alle kommen aus Familien, die Probleme haben. Und die Gründe dafür sind so unterschiedlich, wie die Kinder selbst.

Sieben von ihnen haben aber trotz aller Probleme weiterhin Kontakt zu den Eltern, fahren regelmäßig und auch über die Feiertage nach Hause.

Kinder fragen oft nach Mama

Nur sechs Kinder werden auch am Heiligen Abend hier im Eulennest bleiben. „Es gibt Fälle, da sind die Kinder laut richterlichem Beschluss hier“, sagt Hausleiterin Kerstin Giffey. Bei den meisten allerdings haben die Eltern den Antrag auf Unterbringung ihrer Kinder gestellt. „Es gehört Mut dazu, zuzugeben, dass man überfordert ist“, macht Giffey dennoch klar. Hier wird niemand verurteilt. Auch wenn für Außenstehende nur sehr schwer nachzuvollziehen ist, dass Eltern ihre Kinder dann nicht mehr sehen möchten. Vermisst werden sie nämlich dennoch. „Gerade die Großen fragen oft nach Mama“, sagt Kerstin Giffey. Ihr und ihrem Team bleibt deshalb nur, den Kindern so gut es geht das Zuhause zu ersetzen. Und das geht ausgesprochen gut, wie man deutlich spürt, wenn man im Eulennest zu Gast ist. Hier geht es zu, wie in einer großen Familie. Es wird gelacht, auch mal gezankt, gemeinsam gegessen und viel geschmust.

Doch was macht man mit sechs Zweieinhalb- bis Siebenjährigen Kindern, die nicht die eigenen sind, am Heiligen Abend? Kerstin Giffey lächelt selbst wie ein Weihnachtsengel, wenn sie daran denkt. Denn sie ist schon gespannt, wie in diesem Jahr ihr Plan ankommt. Denn es geht mit Kollegin Linda Turek und den sechs kleinen Weihnachtswichteln nach Klötze ins Kaffee Glücklich. Dort hingen in den vergangenen Wochen Wunschzettel der Kinder. Kaffeegäste, also „für uns wildfremde Leute“ haben sie dort ausgesucht und dann die Geschenke besorgt, manche anonym, manche nicht – egal, die Kinder haben für alle Spender Dankeschönkarten gebastelt und mit ihren Fotos beklebt.

Kartoffelsalat und Würstchen

Mit den Geschenken von den bisher unbekannten Sponsoren werden die Kinder im Kaffee dann auch richtig vom Weihnachtsmann beschert. „Und anschließend geht‘s gegen 17  Uhr zurück und abends gibt es bei uns im Haus Kartoffelsalat und Würstchen“, verrät Giffey. Den macht Kollegin Linda Turek – nach einem Geheimrezept mit und von Oma – selbst. Dann dürfen alle noch ein bisschen spielen, bevor es ins Bett geht, Linda zu ihrer Familie nach Hause fährt und Kerstin Giffey – auch sie hat eine Familie, doch ihre Jungs sind schon groß – es sich mit einem Buch gemütlich machen wird. Es ist also alles so, wie es in vielen Familien sein wird. Und auch wenn die kleinen Eulen aus dem Eulennest nicht bei Mama und Papa feiern, wird es schön. So viel steht fest.

Weihnachten selbst kommen dann andere Kollegen aus dem siebenköpfigen Team, um die Kinder zu betreuen. Aber das ist okay. Die Kinder erleben selbst mit dem Wechsel ihrer Betreuer eine Kontinuität, wie sie sie bisher meist nicht kannten. Und vier ihrer kleinen Schützlinge erleben nun bereits zum zweiten Mal überhaupt erst ein Weihnachtsfest. „Als sie im vergangenen Jahr zu uns kamen, kannten sie keinen Weihnachtskalender, keinen Tannenbaum und nicht mal den Weihnachtsmann“, versichert Giffey. In diesem Jahr ist das nun schon fast normal. Und das ist auch schon das schönste Geschenk für Kerstin Giffey und ihr Team.