Gardelegen l „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“, so lautet ein Sprichwort, das auf der ersten und letzten Zeile des Gedichts „Die Gesänge“ von Johann Gottfried Seume basiert. Leider gab es ein halbes Jahr lang keine Gelegenheit, Live-Gesang auf Bühnen oder in Kirchen zu lauschen. Denn gemeinsames Singen war aufgrund der Eindämmungsverordnungen zur Corona-Pandemie verboten, was auch den Chören und Gesangvereinen der hiesigen Region schwer zu schaffen machte. Wie sind sie durch diese Zeit gekommen? Die Volksstimme fragte nach.

„Seit dem 13. März können wir nicht mehr singen.“ Dieses einschneidende Datum ist Klaus Bernstein, zweiter Vorsitzende des Gardelegener Männerchores Eintracht, fest im Gedächtnis geblieben. Da kam nämlich Corona im Altmarkkreis Salzwedel an. Alle sozialen Kontakte waren untersagt oder auf ein Minimum beschränkt. Und auch mit den Lockerungen nach dem Lockdown, der das öffentliche Leben lahm gelegt hatte, war an gemeinsames Singen natürlich nicht zu denken. „Aber die Kontakte untereinander sollten aufrecht erhalten bleiben“, so Bernstein, „und so haben wir und im Vorstand überlegt, einen Einracht-Stammtisch ins Leben zu rufen.“

Stammtisch ins Leben gerufen

Als im Mai die Gaststätten wieder öffnen durften, wurde zum ersten seiner Art in das Schützenhaus eingeladen, wo auch die notwendigen Abstände eingehalten werden konnten. Und die Resonanz habe gezeigt, dass die Idee sehr gut ankam und „dass sich die Sänger in der Gemeinschaft gut aufgehoben fühlen“. Dieser Donnerstag alle 14 Tage war fest im Kalender von vielen Eintrachtlern eingetragen. Es kamen immer so zwischen 20 und 25 Mitglieder.

Sie tauschten sich über Alltägliches aus, denn Singen wäre nur unter bestimmten Bedingungen möglich. „Zwei Meter Abstand und höchstens zehn Mann“, fasste Ralf Kubaink vom Vorstand zusammen. Da hätte nur eine Stimme üben können. Auch sei das Singen mit Abstand schwierig, da man seinen Nebenmann nicht höre. „Jeder singt für sich.“ Deshalb habe man erst einmal darauf verzichtet, aber mit dem Stammtisch Kontakt untereinander gehalten.

Zwei Auftritte geplant

Mittlerweile hat der Männerchor nach Absprache mit dem Gesundheitsamt des Altmarkkreises Salzwedel mit den Proben wieder begonnen und nutzt dafür den großen Saal des Schützenhauses, das seit 1991 Heimat der Sänger ist. „Wir singen auf drei Ebenen, auf der Bühne, auf der Empore und unten auf der Tanzfläche“, erklärt Vorstandsvorsitzender Geert Weber-Jaenicke. Und auf dem Plan stehen mit Blick auf das schönste Fest des Jahres Weihnachtslieder. Denn an zwei Auftritten in diesem Jahr möchte der Männerchor festhalten.

So wollen sie am 23. Dezember um 19 Uhr auf der neuen Empore in der Nikolaikirche und am 24. Dezember für die Patienten im Krankenhaus singen. Dafür werden sie nicht ins Haus gehen, so Weber-Jaenicke, sondern von der Parkfläche hinter dem Haupthaus die gesanglichen Weihnachtsgrüße senden. An dieser jahrelangen Tradition soll festgehalten werden. Und die Sänger hoffen, dass die Bedingungen sich im nächsten Jahr bessern, da sie dann ihr 140-jähriges Bestehen feiern möchten.

Jubiläen stehen an

Diese Hoffnung hegen auch die Herren des Männergesangvereines 1876 Letzlingen, die ihren 145. Geburtstag in 2021 begehen können, wie Vorsitzender Andreas Bartsch erzählte. Auch die Letzlinger haben ein halbes Jahr nicht gesungen, nun aber wieder damit begonnen. Sie nutzen den großen Kulturhaussaal, in dem die geforderten Abstände eingehalten können und der entsprechend gelüftet werden kann. Geübt werde derzeit für das Gedenken am Volkstrauertag, 15. November, das auf dem Friedhof, also unter freiem Himmel stattfindet.

Ihr Jubiläum hätte in diesem Jahr stattfinden sollen, aber Corona machte dem Männergesangverein Lindstedt eine dicken Strich durch die Rechnung. Er wurde nämlich vor 185 Jahren anno 1835 gegründet. Natürlich soll das Jubiläum nachgeholt werden, erklärte Chorvorsitzender Bernd Richter auf Nachfrage.

Weihnachten erster Auftritt

Ob jedoch 2021 oder 2022 – das hänge von der dann herrschenden Situation ab. In diesem Jahr seien noch drei Auftritte zur Weihnachtszeit in Kirchen geplant. Ob diese möglich sein werden, ist noch offen. Es werde dafür jedoch seit Mitte August in der ehemaligen Schulspeisung in Lindstedt wieder geprobt.

Auch der Miester Männerchor übt Weihnachtslieder, und zwar gruppenweise, um den Abstand zu wahren. Das berichtete der Vorsitzende Thomas Göhring im Volksstimmegespräch. Diese sollen zum Weihnachtsgottesdienst erklingen, den Pfarrer Hagen Mewes wohl im Freien abhalten möchte. Das wäre der erste und einzige Auftritt in diesem Jahr. Auch über den Sommer habe man sich getroffen, draußen an der frischen Luft. „Die Leute haben das gebraucht“, so Göhring, denn das Vereinsleben lag komplett am Boden.

Suche nach Lösungen

„Wir lassen uns nicht unterkriegen“, gibt sich Anne Preuß, die musikalische Leiterin vom Gardelegener Postchor, kämpferisch. Auch dieser Klangkörper hat in der vergangenen Woche wieder mit dem Proben begonnen und nutzt dazu ebenfalls den großen Saal des Schützenhauses. „Es ist sehr aufwendig“, erklärte Preuß, „und gewaltig schwierig, denn die Sängerinnen und Sänger sitzen weit auseinander. Das ist schon ziemlich ungewohnt, aber alle wollen.“ Der Postchor würde gern, wie Preuß sagte, das traditionelle Weihnachtssingen mit dem Männerchor Eintracht in der Marienkirche stattfinden lassen. Man sei dabei, dafür eine Lösung zu finden. Die Hoffnung stirbt zuletzt.