Wiepke l Auf dem Tisch liegt eine unscheinbare Pappschachtel. Als Friedrich-Wilhelm Gille sie öffnet, kommt ein Brautdiadem und das Hochzeitssträußchen des Bräutigams zum Vorschein, die auf Schleifen gebettet sind. Was allerdings verwirrt: „Die Farbe ist nicht zuzuordnen“, so Gille. Weder braun, noch grün sehen die beiden Fundstücke aus, die der Wiepker von einer Frau aus Kämeritz bekam.

Entdeckt auf dem Boden des Familienhauses

Warum sie so dunkel sind, kann sich Gille nicht erklären. Auch weiß er nichts über die beiden, die das Diadem und den Strauß vor Jahrzehnten getragen haben, denn es gibt weder Namen noch eine Datierung. Die Frau konnte auch nichts darüber erzählen. Sie hat die Schachtel in dem Haus in Kämeritz gefunden, nachdem sie es mit ihrem Lebensgefährten gekauft hatte. Und sie bekommt die Leihgabe natürlich zurück, wenn der Wiepker sie dokumentiert hat. Denn das hat sich Gille vor rund 13 Jahren zur Aufgabe gemacht, das Wissen über diese besondere Art der Erinnerungskultur vor der Entwicklung der Fotografie zu bewahren und für die Nachwelt zu dokumentieren.

Ebenfalls rätselhaft ist ein Silberkranz, den Gille zur Dokumentation aus Trüstedt erhalten hat. Er ist das Andenken an Friedrich und Elisabeth Michael, geborene Schröder, die am 22. November 1892 Silberhochzeit feierten. Er wurde auf dem Boden des Familienhauses entdeckt, und zwar unter einer Zeitung aus dem Jahr 1957. Wahrscheinlich hat ihn auch so lange niemand in der Hand gehabt.

Bilder

Rätselhafte Form eines Silberkranzes

Das besondere an diesem Kranz ist die ovale Form und die Größe, die nicht zum Tragen auf dem Kopf geeignet sind. Zudem ist er an einer Seite mit einer Art Grannen verziert, die ins Innere des Kranzes ragen. Auch hat der achteckige Aufbewahrungskasten über die Jahrzehnte arg gelitten. Die Seitenteile sind heruntergeklappt und an einigen Ecken fehlen die Schmuckornamente. Die allerdings können laut Gille, der den Kasten wieder restaurieren will, kopiert und wieder aufgesetzt werden. Mehr Kopfschmerzen bereitet ihn, wo er das Buntpapier in Preußisch-Blau herbekommen soll.

Ein weiteres Exemplar, das Rätsel aufgibt, hat Gille in Klein Garz dokumentiert. Dort hatte eine Frau ein kleines Privatmuseum eingerichtet, das mittlerweile aber geschlossen ist. Und unter den Ausstellungsstücken, die der Sohn der Frau für den Wiepker öffnete, befand sich ein Brautkranz in einem aufklappbaren Kasten, zu dem es nur die Daten der Frau gibt, die unter einem Sinnspruch stehen, der aber auch keinen Aufschluss gibt: Elisabeth Schulz, geborene Tornau, den 31. Juli 1855. Sehr ungewöhnlich. Ob die Frau mit der Sammlerin zu tun hat, wusste ihr Sohn nicht zu sagen. Vielleicht hatte ihr der Brautkranz einfach nur gefallen und sie hob ihn auf.

Sonnenlicht mit entscheidend für Zustand

Oft sind in den Brautkranzkästen auch die Schleier mit hinein drapiert. Gille hat zurzeit zwei davon zur Dokumentation in Wiepke, die gleich und doch unterschiedlich sind. Bei dem einen zur Erinnerung an die Hochzeit von Emma, geborene Wernecke, und Friedrich Bock am 11. Juni 1897 ist die künstliche Myrte noch wunderschön grün. Er war wohl vor intensivem Sonnenlicht geschützt. Diesen Brautkranzkasten hat ein Salzwedeler auf dem Sperrmüll in Kemnitz bei Salzwedel gefunden „und sofort an mich gedacht“, freut sich Gille.

Ein gegenteiliges Beispiel ist ein Brautkranz aus Algenstedt, den Luise Thies getragen hat, die am 6. Dezember 1907 Otto Bismark das Ja-Wort gab. Dessen Grün ist nämlich sehr verblast. Diesen hat er zur Dokumentation und Restauration von einer jungen Frau aus Kahrstedt erhalten, die die Urenkelin der beiden ist und sie nie persönlich kennengelernt hat. Dennoch bewahrt sie den gerahmten Brautkranz als Erinnerung auf, der auch wieder einen Platz in ihrem Haus erhalten wird, und zwar nun an einem schattigen Plätzchen. Und auch hier gibt es noch eine Besonderheit. Die Daten der Brautleute und der Hochzeit sind mit Hand auf einen herzförmigen Zettel geschrieben.

Ein Brautkranz aus Hessen

Auch wenn sich Gille auf die Dokumentation von altmärkischen Brautkränzen spezialisiert hat, so gab es diese Tradition auch in anderen Teilen Deutschlands. So hat er vor kurzem einen gut erhaltenen Brautkranz aus Hessen erhalten, auch mit einer Besonderheit. Die Daten sind auf ein Herzkissen gedruckt. Getragen wurde der Brautkranz von Maria Wiegand, die am 6. Juli 1902 Valentin Füller in Frankfurt am Main ehelichte. Die bisherigen Besitzer, Verwandte der Eheleute, boten ihn im Internet an, weil sie selbst keine Nachkommen haben und den Brautkranz in guten Händen wissen wollten.

Auch dieser Brautkranz soll mit vielen anderen beim traditionellen Mühlentag präsentiert werden, wenn er denn am zweiten Pfingstfeiertag gefeiert werden darf. An diesem Tag will auch das Ehepaar aus Hessen nach Wiepke kommen, erzählt Gille, und zum Brautkranz auch noch ein Reservistenbild des Bräutigams und einen Ehering mitbringen.

Dokumentation wird fortgesetzt

Und Friedrich-Wilhelm Gille ist weiterhin auf der Suche nach Brautkränzen, die er für die Nachwelt dokumentieren kann. Bei Bedarf restauriert er auch die Erinnerungsstücke. Wer so etwas in seinem Besitz hat, möchte sich bei ihm unter der Telefonnummer 039085/64 18 oder per Mail, gille.w@wiepke.de, melden.