Gardelegen l Sie wollen wieder arbeiten und ihre Häuser öffnen. Sie wollen wieder Geld verdienen, um die Kosten zu decken, Mitarbeiter zu halten und vor allem zu bezahlen. Sie wollen wieder Gäste begrüßen und bewirten: Gardelegens Gastronomen haben genug. „Wir brauchen eine klare Perspektive, denn unsere Branche ist kurz vor dem Zusammenbruch“, stellte Kevin Schönemann, Chef des Café am Rathaus und des Hotels Reutter-Haus, im Volksstimme-Gespräch klar. Für alle anderen Branchen gebe es klare Ansagen.

Gastronomie bleibt im Ungewissen

Die Gastronomie indes sei in den Reden von Bundeskanzlerin Merkel und Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder nur am Rande erwähnt worden. „Wir wollen wissen, wie es weiter geht“, so Schönemann. Ein Großteil seiner 21 Mitarbeiter sei in Kurzarbeit. Das Kurzarbeitergeld mit 60, beziehungsweise 67 Prozent reiche für den Lebensunterhalt auf Dauer nicht aus. Den Mitarbeitern fehle auch das Trinkgeld als monatliche Einnahme. Das Hotel laufe auf Sparflamme. Für Touristen sei es geschlossen. „Ohne einen Rettungs- und Entschädigungsfonds, einen reduzierten Mehrwertsteuersatz und anderen Hilfsmaßnahmen werden wird das nicht schaffen“, machte Schönemann auch in einem Schreiben deutlich, das er bei Facebook eingestellt hat.

Es könne schließlich nicht sein, dass nur Großkonzerne mit dem sogenannten Wirtschaftsstabilisierungsfonds unterstützt werden und deutschlandweit 225 000 gastgewerbliche Betriebe mit 2,5 Millionen Beschäftigten das Nachsehen haben. „Ohne Rettungspakete wird es eine komplette Branche nach dieser Krise nicht mehr geben“, so Schönemann. „Wir wollen Klarheit“, betonte denn auch Doreen Gahrns vom Fischerhof Gahrns. Die Soforthilfe von 9000 habe sie zwar beantragt und auch erhalten. Das aber sei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Wir haben allein für unsere Forellen monatlich 18 000 Euro Futterkosten“, zählte Gahrns auf.

Ausgaben laufen weiter

Durch die Schließung des Restaurants werde der Fischbesatz nicht weniger, im Gegenteil. „Wir haben ungefähr 100 Tonnen Fisch in der Anlage“, so Gahrns. Wenngleich die Forellenzucht auch ein eigenständiges Unternehmen sei. Der Angelpark sei auch noch geöffnet, werde zurzeit aber nur minimal angenommen. Das Restaurant sei auf Null gefahren. Alle zwölf Mitarbeiter seien in Kurzarbeit. „Aber die Ausgaben laufen weiter. Und unsere Mitarbeiter sind am Verzweifeln“, schilderte Doreen Gahrns die Situation.

Die ist auch im Gastbetrieb von Maik Eulenberg nicht anders. Er biete zwar einen Lieferservice an, das werde aber relativ wenig angenommen. Von sieben Mitarbeitern seien sechs in Kurzarbeit. „Der Umsatz fehlt wie überall, um die laufenden Kosten zu decken“, betonte Eulenberg. Auch er habe die Soforthilfe beantragt. Bekommen hat er sie bisher noch nicht. Aber die „Soforthilfe wäre ohnehin auch sofort wieder weg. „9000 Euro, das wären für uns drei Monate Strom, Wasser und Gas“, so Eulenberg. Ebenso habe er Krankenkassenbeiträge und Steuern stunden lassen müssen. Aber das sei schließlich am Ende auch nur ein Aufschieben von Zahlungen.

Fachpersonal schwierig zu finden

„Ohne Einnahmen können wir das bald alles nicht mehr bezahlen“, sagte Andy Jahn, Betreiber der Alten Feuerwache und der Burgpension. Er habe nach fünf Wochen Schließung und ohne sichere Aussagen Existenzangst. „Es ist alles so aussichtslos für uns. Ich sehe schwarz für die Zukunft“, machte Jahn deutlich. „Das ist für uns ein Schlag ins Gesicht, dass wir nicht öffnen dürfen“, machte Kevin Schönemann deutlich. Es sei im Gastgewerbe schon schwer genug, Fachpersonal zu finden. Wenn die Schließungen noch länger aufrecht erhalten werden, dann werde man Mitarbeiter verlieren. „Wir brauchen einen Hilfsfonds wie seinerzeit die Landwirtschaft nach den Dürrejahren“, so Schönemann.

Und die Branche brauche eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes, machte Eulenberg deutlich. „Wenn ich im Supermarkt eine Pizza kaufe, dann zahle ich 7 Prozent Mehrwertsteuer. Wenn ich eine Pizza verkaufe, dann muss ich 19 Prozent verlangen“, schilderte Eulenberg die aktuelle Lage. An allererster Stelle stehe die Wiedereröffnung der Betriebe. Denn in der Gastronomie sei man sehr gut in der Lage, Hygieneregeln und Abstandsvorgaben einzuhalten. Darauf hat nach der Pressekonferenz der Bundesregierung erneut auch Sachsen-Anhalts Landesverband des Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) hingewiesen. Dieser Interessenvertretung des Gastgewerbes sind auch die Gardelegener Gastronomen angeschlossen.

Tägliche Hygieneanforderungen

Der Verband zeigte sich enttäuscht über die Corona-Maßnahmen. Denn betroffen sei eine Branche, „die als erstes geschlossen wurde und nun an letzter Stelle einer möglichen Öffnung in Betracht kommt“, heißt es in einer Pressemitteilung. Kein Unternehmer könne auf eine solange Zeit die enormen Umsatzausfälle kompensieren. Es treffe hier eine Branche, die tagtäglich mit Hygieneanforderungen arbeitet und durchaus in der Lage sei, Hygienepläne umzusetzen. Der DEHOGA fordert unter anderem eine Erhöhung des Kurzarbeitergeldes auf 80 Prozent, finanzielle Rettungspakete und eine dauerhafte Senkung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent für Speisen.

Auch in Salzwedel haben die Gastronomiebetriebe große Sorgen. Den Bericht dazu gibt es hier.