Gardelegen l Die Corona-Krise weitet sich aus. Die westliche Altmark entwickelt sich zur Geisterregion. Die Innenstadt von Gardelegen (Altmarkkreis Salzwedel) war in dieser Woche fast menschenleer. Viele Geschäfte sind aufgrund der Verordnung des Landes geschlossen. Mit der Ankündigung der großen Automobilhersteller, die Produktion herunterzufahren und Werke zu schließen, trifft es nun auch die Zulieferer in Gardelegen. Und die gehören hier zu den großen Arbeitgebern. „Die Situation ist dramatisch. Das wird für uns nicht ohne Folgen bleiben“, sagte am Mittwoch (18. März) Elmar Stoffel, Geschäftsführer der Eldisy-Gruppe, zu der auch das Gardelegener Werk mit etwa 270 Beschäftigten gehört. Das Unternehmen liefere zu 95 Prozent an die VW-Gruppe. Damit sei deutlich, wie problematisch die Sachlage sei. Die Geschäftsführung habe schon vorab vorsorglich Gespräche mit dem Betriebsrat geführt. „Wir werden kurzfristig Kurzarbeit anmelden müssen“, betonte Stoffel. Denn es gelte jetzt, Schaden von den Mitarbeitern und vom Unternehmen abzuwenden. Wann die Kurzarbeiterregelung greifen werde, sei noch offen.

„Das Konzept baut sich auf Umsatz auf. Wenn die Kunden wegbrechen, haben wir keinen Umsatz“, so Stoffel. Aber die Ausgaben für Gas, Wasser, Strom, Leasing und Kreditraten laufen weiter. „Das ist alles ein riesen Problem. Wir hoffen, dass wir nicht zu lange schließen müssen“, sagte Stoffel. Derzeit gehe es bei VW um eine Schließung von zwei bis drei Wochen, BMW habe vier Wochen angekündigt. Auch bei der Wipag Nord GmbH & Co KG wird man nicht umhin kommen, Kurzarbeit für die 40 Mitarbeiter am Standort Gardelegen einzuführen. „Obwohl wir es uns eigentlich nicht leisten können zu schließen“, betonte Geschäftsführer Thomas Marquardt. Das Unternehmen, das Kunststoff aus der Automobilindustrie recycelt, hänge zu 90 Prozent am VW-Werk Wolfsburg. Vorsorglich sei die Kurzarbeiterregelung schon vorbereitet worden, sagte er. Allerdings seien die Arbeitsämter überlastet. Auch Marquardt hofft, dass die Schließung nicht länger als zwei bis drei Wochen erforderlich ist.

Live-Ticker bei NTN-Antriebstechnik

Auch bei der NTN-Antriebstechnik im Gardelegener Industriegebiet, ebenfalls ein Zulieferunternehmen für die Automobilindustrie, ist die Corona-Krise allgegenwärtig. Die Belegschaft sei auf entsprechende Hygienemaßnahmen hingewiesen worden. Ebenso stünde den Mitarbeitern umfassendes Informationsmaterial zur Verfügung. „Unsere Mitarbeiter werden täglich über einen Live-Ticker aktuell über unsere Situation informiert“, sagte Kerstin Schulze, zuständig für die Arbeitsvorbereitung, im Volksstimme-Gespräch. Unter anderem gehe es um aktuelle Kundeninformationen, um Produktionsdaten und interne Beschlüsse der Geschäftsführung. Bisher habe es im Unternehmen noch keinen nachgewiesenen Corona-Fall gegeben. „Unser Bestreben ist es, sachlich mit unserer Belegschaft durch diese turbulente Zeit zu kommen und die Gesundheit und Sicherheit unserer Mitarbeiter zu gewährleisten“, betonte Schulze.

Ob es auch bei der NTN-Antriebstechnik um Kurzarbeit gehen wird, konnte Schulze noch nicht sagen. Die aktuelle Lage werde täglich neu bewertet. Laut Homepage des Unternehmens sind 185 Mitarbeiter bei der NTN-Antriebstechnik beschäftigt. Bei der BA Glass Germany (Glaswerk) ist man auf die Krise vorbereitet. Es gebe einen Notfallplan für alle Werke, die zum BA-Konzern gehören, und das europaweit, informierte der Gardelegener Werksleiter, Oliver Meuter. „Wir sind gewappnet, hoffen aber, dass wir alles am Laufen halten können“, so Meuter.

Lebenshilfe-Werkstätten geschlossen

Seit Mittwoch (18. März) sind auch die Werkstätten der Lebenshilfe Altmark-West geschlossen, teilte Geschäftsführerin Beatrice Achtert mit. Betroffen sind 400 behinderte Menschen. Für sie gibt es vorerst bis zum 19. April ein Betretungsverbot. Geschlossen sind ebenfalls die Lebenshilfe-Kindergärten in Salzwedel und Kalbe. Dort wird, wie in anderen Kindereinrichtungen auch, nur eine Notbetreuung angeboten. Geschlossen sind zudem die Fördergruppe der Lebenshilfe und die Tagesförderstätten für Rentner. Die Wohneinrichtungen seien nicht betroffen, ebenso weitere Bereiche wie Wäscherei, Tiergehege am Wall und die Bewirtschaftung. Die Regelung gelte zunächst bis zum 19. April, so Achtert.

Keine Angaben gab es vom größten Arbeitgeber Gardelegens, dem Automobilzulieferer Boryszew Kunststofftechnik GmbH. „Leider können wir Ihnen keine Auskünfte geben. Vielen Dank für Ihr Verständnis“, hieß es per Mail aus dem Geschäftsführungsbüro auf eine entsprechende Volksstimme-Anfrage. Inoffiziellen Quellen zufolge geht man in der Belegschaft von einer Kurzarbeiterregelung aus. Trotz der Krise mit bisher noch ungeahnten Auswirkungen zeigten sich Eldisy-Geschäftsführer Stoffel und Wipag-Geschäftsführer Marquardt optimistisch. „Das Leben wird weitergehen. Wir müssen positiv nach vorne schauen“, betonte Elmar Stoffel. Den Krieg gegen einen unsichtbaren Feind – „den werden wir gewinnen“, zeigte sich auch Thomas Marquardt kämpferisch.