Gardelegen l Sie geht arbeiten – manchmal bis zu 14 Stunden täglich. Ihr Ex kümmert sich währenddessen um Sohn und Tochter. Weil er als Erwerbsunfähigkeitsrentner mit nur gut 1000 Euro Rente keinen Unterhalt zahlen kann, leistet er seinen Beitrag eben auf diese Weise. Eine ziemlich erwachsene Lösung hatte ein ehemaliges Paar aus einem großen Gardeleger Ortsteil offenbar auch nach seiner Trennung gefunden. Nicht viele Paare können so entspannt miteinander umgehen – zum Wohle ihrer Kinder ...

Doch der Schein trügt: Denn während sie als Freiberuflerin Geld verdient, greift er der Mutter seiner beiden Kinder heimlich und immer wieder in die Geschäftskasse. Kontinuierlich räumt er mit ihrer EC-Karte das Betriebskonto leer, bringt die selbstständige Geschäftsfrau damit fast an den Rand einer Insolvenz und lügt ihr monatelang frech ins Gesicht.

Rund 5000 Euro entwendet

Eigentlich ist die Geschichte kaum vorstellbar. Doch wer den Angeklagten vor wenigen Tagen im Gardeleger Amtsgericht erlebt, versteht sie besser. Denn der 38-Jährige wirkt tatsächlich, als ob er kein Wässerchen trüben kann – schuldbewusst jedenfalls nicht. Eher ein bisschen ängstlich. Aber immerhin sitzt er auch vor dem Schöffengericht. Das wird nur einberufen, wenn die Straferwartung zwischen zwei und vier Jahren Freiheitsstrafe liegt. Möglicherweise hat er also eine Gefängnisstrafe vor sich. Und das weiß der junge Mann offensichtlich auch.

Und so schaut er betreten nach unten, als der Staatsanwalt die Anklage vorliest: Zwischen Anfang Dezember 2015 und Mitte Januar 2013 soll er seiner ehemaligen Lebenspartnerin immer wieder Geld vom Konto abgehoben haben. Zwölf Mal insgesamt. Zwischen 30 und 1000 Euro, insgesamt gut 5000 Euro.

Immer wieder die Hand gereicht

Wie hoch die Summe in Wirklichkeit ist, die er seiner Familie schuldet – in der Verhandlung wird das allerdings nicht ganz klar. Mal spricht Richter Axel Bormann von einer „mittleren sechsstelligen Summe“, Nebenklageanwalt Enrico Besecke beziffert ein anderes Mal einen offenen Betrag von „rund 40.000 Euro“. Offenbar ist auch noch das Geld für ein geplantes gemeinsames Haus spurlos verschwunden.

Doch diese Vorwürfe stünden schließlich nicht in der Anklage, betont Pflichtverteidiger Norbert Zepig mehrfach. Damit hat er recht. Und so geht es in der Verhandlung an diesem Tag auch „nur“ um 5075 Euro. Und dass er die heimlich vom Konto seiner Expartnerin mit ihrer Bankkarte abgehoben habe, gibt der gelernte Handwerker auch offen zu. Leugnen wäre aber ohnehin zwecklos. Die Kamera in der Bankfiliale hat ihn wohl gut getroffen. Viel mehr zu den Vorwürfen sagt der zweifache Vater nicht.

Abhebungen am frühen Morgen

Wie das Ganze geschehen konnte, erzählt dafür die Bestohlene im Zeugenstand: Sie sei morgens meist früh aus dem Haus gegangen, er sei dann gekommen, um die Kinder in die Schule und die Kita zu bringen. Mittags habe er die beiden dann abgeholt, sich um sie gekümmert und zuweilen sogar schon ins Bett gebracht. „Manchmal bin ich erst gegen 21 Uhr zu Hause gewesen“, erzählt die junge Frau. Als selbstständige Unternehmerin hat sie viel zu tun. Ihre Firma ist noch jung. Deshalb sei sie froh gewesen, dass er da war – „auch wenn er mich vorher schon oft belogen hat. Ich hab ihm immer wieder die Hand gereicht. Ich war einfach darauf angewiesen“, gibt sie weinend zu.

Wie er an ihre EC-Karte kam, kann auch sie allerdings nur vermuten. Offenbar habe er sie abends aus ihrem Büro geholt und morgens, wenn er wiederkam, zurückgelegt, glaubt sie. Dafür sprechen auch die Zeiten der Abhebungen, oft morgens gegen 5 oder 6 Uhr. Die PIN habe er möglicherweise ausgespäht, als sie in seinem Beisein mal Geld abgehoben hat, glaubt sie.

Kontoauszüge verschwinden lassen

Besonders perfide: Damit sie die Abhebungen nicht bemerkt, zieht ihr Ex auch die Kontoauszüge und lässt sie verschwinden. „Ich konnte jedenfalls plötzlich selbst keine mehr holen“, erzählt sie. Und auch Post verschwindet. Bis sich alles aufklärt, vergehen Wochen. Doch ein Anruf der Bank wegen ihres völlig ausgereizten Dispokredites lässt den Betrug auffliegen. Völlig fassungslos geht die junge Frau direkt von der Bank zur Polizei. Noch im Gerichtssaal bricht sie immer wieder in Tränen aus.

Dagegen bleibt der Angeklagte ungerührt. Sogar das emotionale Plädoyer des Nebenklageanwalts lässt ihn kalt. „Sie haben ja nicht nur der Mutter Ihrer Kinder geschadet, sondern auch die Existenz Ihrer Kinder gefährdet“, betont der und erinnert an die hohen Abhebungen gerade um die Weihnachtszeit.

Mehrfach Geld zurückgezahlt

Pflichtverteidiger Norbert Zepig hebt hingegen hervor, welch „guter Vater“ sein Mandant stets gewesen sei. Bis heute sei das Verhältnis zu beiden Kindern gut, die Tat sei auch schon lange her. Zudem habe sein Mandant bereits mehrfach Geld zurückgezahlt. Und das beeindruckt dann offenbar auch Richter Axel Bormann.

Ein Jahr und acht Monate Freiheitsstrafe lautet am Ende sein Urteil. Entgegen dem Antrag der Nebenklage setzt er diese Strafe allerdings noch einmal zur Bewährung aus. Die zweite übrigens. Auch 2012 war der Familienvater nämlich schon einmal wegen Betruges verurteilt worden.