Gardelegen l In der Keksdose ihrer verstorbenen Mutter fand Catherine Augereau (53) aus Toulon ein Stück Familiengeschichte. Das hängt eng mit dem Kriegsgefangenenlager Zienau und der französischen Soldatenstatue zusammen, die am Freitag bei einer feierlichen Gedenkstunde zusammen mit den 197 umgebetteten Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges offiziell ihren Platz auf dem Gardeleger Friedhof erhielt. Ihr Opa Paul Richou kam am 15. November 1914 ins Kriegsgefangenenlager nach Zienau. Am Sonntag ist das genau 101 Jahre her.

Richou Kriegsgefangener in Zienau

Nachdem Richou erst im Kriegsgefangenenlager arbeiten musste, war er von November 1915 bis Mai 1917 als Kriegsgefangener bei einer Familie Steffen in Berge und arbeitete dort. „Die Kriegsgefangenen schliefen in einem großen, beheizten Saal“, berichtete Augeraeau. Und sie fügte hinzu: „Die Familie hat ihn gut behandelt. Er bekam Taschengeld, konnte Weihnachtsgeschenke kaufen und durfte auch welche erhalten.“ Mit Blick auf die von Thomas Groll und Marcus Iden restaurierte Soldatenstatue (wir berichteten) sagte Augereau: „Ich bin sehr berührt, wenn ich das Denkmal sehe.“ Das kenne sie von Fotos und Briefen ihres Großvaters.

Kontakt zur Familie nach Frankreich

Während der ganzen Zeit habe ihr Großvater Kontakt zur Familie gehalten. Und er kam schließlich auch wieder nach Hause. Nachdem er ab Juni 1917 zunächst noch bei einer Familie Drebenstedt in Potzehne arbeitete, kam er in ein Lager nach Münster. Dann war er in einer Zuckerfabrik in Weferlingen tätig. Im August 1918 kam ins Lager nach Münster und kehrte von dort 1919 im März in seine Heimatstadt Angers in Frankreich. Richou hatte – anders als die 197 Kriegsgefangenen des Zienauer Friedhofes – den Krieg und auch eine Typhuserkrankung überlebt. Der Franzose starb 1946.

Bilder

Seine Enkelin hat das Schicksal ihres Großvaters viele Jahre recherchiert, über einen Verwandten von Torsten Haarseim war der Kontakt nach Gardelegen entstanden. Fast alle 197 umgebetteten Toten stammen aus Osteuropa. Dr. Hans-Joachim Becker, Vorsitzender des Kreisverbandes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, berichtete, dass es auf dem Friedhof Zienau insgesamt 425 Bestattungen gegeben hatte.

Zienauer Friedhof bis 1945 gepflegt

Viele Opfer aus Italien, England und Belgien wurden von ihren Familien nach Hause geholt. Bis 1945 sei der Friedhof gepflegt worden, danach verfiel er. „Die Existenz des Friedhofs war auch vielen Gardelegern nicht bekannt“, so Becker.

Mit dem neuen Gräberfeld und der restaurierten Soldatenstatue, die zusammen mit einem Monument 1915 zunächst auf dem Gardeleger und wenig später auf dem Zienauer Friedhof aufgestellt worden war, „hat sich eine Lücke im historischen Gedächtnis der Stadt geschlossen“.

Beginn auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof

Rosen auf den Särgen, dazu Musik von Andrea Wölkert (Violine) und Eva Reuschel (E-Piano) und zahlreiche Gedenkworte. Sehr feierlich begann die Gedenkveranstaltung am Freitag auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof an der Bismarker Straße. Dorthin wurden 27 sowjetische Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, die ebenfalls auf dem Friedhof des Kriegsgefangenenlagers Zienau begraben waren, umgebettet.

Dank an viele Engagierte

Bürgermeisterin Mandy Zepig dankte allen Beteiligten, die dazu beigetragen hatten, dass die Umbettung der Toten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie die Sanierung der Statue möglich gemacht und finanziert wurden. Sie nannte dabei unter anderem die Besitzer des Zienauer Waldstückes, „die die gesamte Anpflanzung haben umgraben lassen“, die Finder der Statue, die sich unermüdlich für die Restaurierung eingesetzt hatten, den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit dem Team des hauptamtlichen Umbetters, den Kultur- und Denkmalpflegeverein Gardelegen, die Restauratoren, die Bundeswehr, die „unbürokratisch die Skulptur geborgen und die Grabungswälle eingeebnet hat“ und Birgit Matthies, die Fachbereichsleiterin des Ordnungsamtes, die sich weit über das normale Maß engagiert habe, wie die Bürgermeisterin betonte.

Das Gedenken an die sowjetischen Soldaten, das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland stellte Nikolay Avramov, Sekretär der Botschaft der russischen Föderation in Berlin, in den Mittelpunkt seiner kurzen Ansprache. Es habe viel Kraft gekostet, wieder Vertrauen aufzubauen. Er mahnte mit Blick auf aktuelle Konflikte: „Wir dürfen nicht zulassen, die unvergleichliche Nähe zwischen Deutschland und Russland zu gefährden.“ Die Wahrheit zu bewahren, ist historische Pflicht.

Einen Dank richtete Dr. Beate Bettecken vom Landesinnenministerium an die zahlreichen Ehrenamtlichen, die sich bei der Pflege von Gräbern engagieren. Allein in Sachsen-Anhalt gebe es 5500 Gräber aus dem Ersten Weltkrieg. Für die musikalische Umrahmung der Gedenkveranstaltung sorgte auch der Männerchor Eintracht. Außerdem lasen die Gymnasiasten Martin Schulze und Robert Thiele Texte und Auszüge aus Feldpostbriefen.