Gardelegen l „Hospiz macht Schule“ heißt das Projekt des ambulanten Hospizdienstes und der evangelischen Grundschule. Die Schüler der vierten Klasse diskutieren ausführlich über Tod und Sterben. Und Angst vor dem Thema, das Erwachsene oft und nur allzu gern verdrängen, haben die Jungen und Mädchen offensichtlich nicht. Als die Ärztin Dr. Urte Kreißl bei ihnen zu Gast war, prasselte ein wahres Trommelfeuer an Fragen auf die Medizinerin nieder. Rund eine Stunde lang gab die Gardeleger Fachärztin für Innere Medizin und spezialisierte Palliativmedizinerin Antworten und erzählte von ihren persönlichen Erfahrungen.

„Sind Sie traurig, wenn jemand stirbt?“, wollten die Schüler zum Beispiel wissen. „Ja und nein“, meinte die Ärztin. „Manchmal ist Sterben auch eine Erlösung. Einige, zum Beispiel sehr alte Menschen, sagen oft: ‚Oh, ich will nicht mehr.‘ Dann denke ich: Schön, dass sie gehen dürfen, und dass ihr Wunsch erfüllt wird. Am traurigsten bin ich, wenn ein junger Mensch stirbt.“

Aktive Sterbehilfe

„Gab es schon Menschen, die eingeschläfert wurden?“ – eine Frage, bei der die Erwachsenen zuerst schmunzelten, dann aber sehr ernst wurden. „Einschläfern sagt man bei Tieren“, sagte Urte Kreißl. „Bei Menschen spricht man von aktiver Sterbehilfe. So etwas gibt es in Deutschland nicht.“ Sie erzählte, wie in der Nazizeit viele Kranke getötet wurden und dass es wegen dieser Verbrechen in Deutschland voraussichtlich auch in Zukunft keine aktive Sterbehilfe geben werde. Aber sie sprach auch davon, dass bei schwer Kranken, beispielsweise bei Patienten die lange im Koma liegen, manchmal bestimmte Medikamente nicht mehr gegeben oder die Maschinen, die sie am Leben erhielten abgeschaltet würden. Auch dies sei eine Form von Sterbehilfe.

Die Kinder nahmen es neugierig und interessiert auf. Sie wollten wissen, was bei Krebs passiert, und lernten, wie die bösen Krebszellen Kinder – Metastasen – bekommen und sich vermehren, ob es Krankheiten gibt, von denen man auf jeden Fall stirbt, ob die Ärztin schon beim Tod eines Menschen dabei war und ob sie auch selbst schon mal krank gewesen sei.

Kindgerechte Antworten

Die Palliativmedizinerin Kreißl gab offen und kindgerecht Auskunft, zeigte auf Wunsch der Kinder auch, wie man Erste Hilfe leistet und einen Verletzten in die stabile Seitenlage bringt. Und sie fragte schließlich zurück, ob denn die Kinder schon einmal Erfahrung mit dem Tod gemacht haben. Einige Jungen und Mädchen hatten schon Großeltern oder Urgroßeltern verloren und erzählten, wie traurig sie waren. Aber für viele blieben doch die schönen Erinnerungen. An gemeinsame Urlaube, selbst gestrickte Socken oder Kartenspiele.

„Wisst ihr, was mein Opa gemacht hat? Der hat mir das Schummeln beigebracht, beim Würfeln und Kartenspielen, das kann ich heute noch“ – so die Erinnerung der Ärztin. Und was hält sie von der Fernsehwerbung für Medikamente und den darin gemachten Versprechungen? „Da lache ich mich oft tot“, sagt Kreißl.

„Hospiz macht Schule“ läuft eine Woche lang. Jeder Tag steht unter einem anderen Thema, symbolisiert durch einen Koffer mit Aufkleber. „Werden und Vergehen“, war am Montag das Motto, „Krankheit und Leid“ gestern. Weitere Themen: „Sterben und Tod“, „Traurigsein“ und zum Schluss – sehr wichtig: „Trost und Trösten“.

Betreut wird das Projekt von einem fünfköpfigen Team um Thomas Rehbein, den Koordinator des ambulanten Hospizdienstes. Er ist begeistert, wie gut die Kinder mitmachen und wie interessiert sie sind. „Es ist ein besonders schönes Projekt“, sagt er.

Eine Besonderheit sei, dass der Hospizdienst so „prophylaktisch“ arbeite. Gewöhnlich würden die Mitarbeiter ja erst gerufen, wenn ein Patient schwer krank sei. Aber wenn man Kinder schon früh an das Thema heranführe, können sie im Ernstfall sogar eine Stütze für die Eltern werden.