Gardelegen l Bei Patienten, die mit dem Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert werden, zählt jede Sekunde, denn „Time is brain“ (Zeit ist Gehirn), erklärte Hjalmar Koppatz, Chefarzt der Abteilung Akutneurologie in der Klinik für Innere Medizin. Deshalb ist ein schnellstmöglicher Behandlungsbeginn notwendig, um bleibende Schäden oder gar den Tod zu verhindern. Je früher die Therapie einsetze, um so besser seien die Chancen auf Rehabilitation und Erhalt von Lebensqualität.

Voraussetzung für eine zügige und adäquate Behandlung sei eine fundierte fachärztliche Diagnostik. Und die werde im Gardelegener Krankenhaus seit 15 Monaten über den neuen Telekonsildienst der Charité rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr gesichert – vor allem nachts, an Wochenenden und an Feiertagen, wenn die leitenden Oberärzte und Fachärzte für Neurologie, Olga Krieger und Dr. Dirk Berfelde, keinen Dienst haben.

Kommunikation via Video

So könne beispielsweise von den diensthabenden Ärzten jederzeit fundiert und schnell mit dem in Berlin sitzenden Facharzt-Kollegen, der den Patienten über Videoübertragung sehen und begutachten kann, entschieden werden, ob vor Ort behandelt werden kann oder der Patient umgehend in ein spezialisiertes Zentrum verlegt werden muss. Dadurch werden so manche Patientenverlegungen vermieden.

Seit November 2018 ist die Abteilung Akutneurologie im Gardelegener Krankenhaus Bestandteil des Netzwerkes ANNOTeM, was die Abkürzung für Akutneurologische Versorgung in Norddeutschland mit telemedizinischer Unterstützung ist. Das Netzwerk sei ein vom Bund finanziertes Projekt, das vom Universitätsklinikum wissenschaftlich begleitet wird, erklärte Dr. Hebun Erdur von der Charité, um den Herausforderungen der medizinischen Versorgung auf dem Land gerecht zu werden. Er war gestern bei seinen Gardelegener Kollegen Koppatz, Krieger und Berfelde vor Ort, um die bisherigen Ergebnisse des Innovationsprojektes zu besprechen und aufzuzeigen.

Und Koppatz schätzte ein: „Die Kooperation läuft sehr gut“ und „wir sind viel schneller geworden.“ Es habe sich sehr gut entwickelt, auch fachlich für die Ärzte. Man habe neurologisch dazu gelernt. Auch Krieger lobte die „bessere Diagnostik“. Der große Vorteil des bestehenden Netzwerkes, an dem sich derzeit elf Krankenhäuser in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt beteiligen, sei zudem, dass in der Charité ein Facharzt nur für die Telemedizin abgestellt und deshalb schnell verfügbar ist.

Erdur hatte auch Zahlen mitgebracht. Bis Ende Januar dieses Jahres wurden per telemedizinischer Unterstützung im Gardelegener Krankenhaus 276 Patienten mit neurologischen Erkrankungen – dazu gehören unter anderem auch Schädel-Hirn-Trauma, epileptische Anfälle, Schwindel und Bewusstseinsstörungen – untersucht, bei 148 von ihnen bestand der Verdacht auf Schlaganfall, die mit Hilfe des Facharztes in Berlin begutachtet wurden. Und Erdur stellte klar, dass „die Untersuchung per Video-Liveschaltung nicht schlechter ist, als ihn vor Ort zu sehen“. Im Schnitt seien es in Gardelegen zwischen 20 bis 25 Begutachtungen im Monat von Berlin aus. Insgesamt wurden laut Berfelde 372 Schlaganfallpatienten im vergangenen Jahr im Gardelegener Krankenhaus des Altmark-Klinikums behandelt.

Noch bis Ende Mai werde, wie Erdur mitteilte, der rund um die Uhr zur Verfügung stehende Facharzt für die Telemedizin in der Charité für das Netzwerk im Rahmen des Innovationsprojektes vom Bund bezahlt, der dann noch bis zum Jahresende für die wissenschaftliche Auswertung des Projektes aufkomme.

Das Netzwerk, über das unter anderem auch Fortbildungen für Ärzte und Fachpflegepersonal angeboten sowie Neuerungen aus Studien wie verbesserte Therapien schnellst möglich verbreitet werden, soll aber natürlich weiter arbeiten und auch ausgeweitet werden. Deshalb werde derzeit intensiv an der Organisation des Netzwerkes ANNOTeM ab 1. Juni gearbeitet. Und er freue sich, so Erdur gestern, mitteilen zu können, dass alle beteiligten Kliniken zugesagt haben, künftig die telemedizinische Unterstützung durch die Berliner Fachärzte zu finanzieren.

Für das Altmark-Klinikum unter dem Dach der Salus Altmark Holding werde nach Gardelegen nun auch das Salzwedeler Krankenhaus, das bisher noch nicht eingebunden war, in das Netzwerk mit aufgenommen.