Kämkerhorst/Mannhausen l Aufsehen erregten jüngst sechs junge Turmfalken bei den Besuchern des Geländes des Informationshauses in Kämkerhorst. Die jungen Falken kreisten immer wieder über den Köpfen der Naturfreunde, die sich über den Erlebnispfad führen ließen. Die Besucher rätselten, warum die Vögel scheinbar furchtlos immer wieder ganz in der Nähe des Info-Hauses landeten.

Thomas Klöber, Mitarbeiter des Biosphärenreservates Drömling, lüftete das Geheimnis. „Das Verhalten der Falken erweckt bei manchen Leuten den Eindruck, dass die Vögel zahm werden sollen. Aber im Gegenteil – wir halten Abstand. Vor zwei Wochen haben wir die jungen Turmfalken freigelassen. Zwei von ihnen kommen immer noch und betteln. Aber das wird immer seltener. Manchmal müssen wir die Vögel auch wegscheuchen. Sie müssen lernen, dass Menschen nicht die Futtergeber sind. Es ist an der Zeit, selbst zu jagen“, weiß Klöber.

Zwei Falken mitsamt Nest abgestürzt

Das Auswildern hat gut funktioniert. Drei der Turmfalken sind aus der Obhut des Tierarztes Andres Pohl aus Haldensleben. Die Ranger arbeiten seit vielen Jahren eng mit dem Tierarzt, der ein großes Herz gerade für die Greifvögel hat, zusammen. Pohl hatte die Turmfalken zum Auswildern nach Kämkerhorst gegeben.

Zwei weitere Falken waren samt Nest abgestürzt. Der sechste im Bunde war ein Falke, der noch nicht ganz flugfähig war und nur noch ein wenig Starthilfe brauchte. „Die sechs waren vom Alter her ziemlich gleich“, erzählte Klöber. Die Findelkinder saßen drei oder vier Tage zusammen. Dann öffnete der Naturwächter die Tür der Voliere. Die Falken konnten hinein und hinaus fliegen. „So ist es in der Natur auch. Die Jungvögel halten sich noch einige Zeit in der Nähe des Elternnestes auf und suchen sich ihr Futter selbst. Wir haben beobachtet, wie sie sich selbst Regenwürmer aus der Erde ziehen“, schilderte Klöber.

Eltern sind meist in der Nähe

Die Falken haben – nach den Ausführungen des Rangers – einen Jagd­instinkt und würden sich die Jagdtechniken vonein- ander abschauen. „Sie werden in den ersten Wochen immer fluggewandter.“ Auch mit einer Maus in den Fängen kamen die jungen Wilden angeflogen. Futter vom Menschen gibt es jetzt also nicht mehr. „Nur einer brauchte länger. Aber jetzt scheint auch er den Abflug geschafft zu haben“, erzählte Klöber über den letzten seiner Schützlinge. Alls seien flügge.

Was tun, wenn ich einem scheinbar hilfsbedürftigen Tier begegne? Mit dieser Frage von Tier- und Naturfreunden werden die Ranger der Naturwacht häufig konfrontiert. Das ist auch gut so, wenn die Frage rechtzeitig gestellt wird und den „Rettern“ aus unwissender Tierliebe noch kein tödlicher Fehler unterlaufen ist. Die Natur ist so, wie sie ist. Und das Fressen und gefressen werden rangiert dabei ganz oben unter den Gesetzen.

Vogelkinder auf dem Boden sitzen lassen

Sabine Wieter, Mitarbeiterin des Biosphärenreservates, appellierte, nicht sofort scheinbar hilflose Vogeljunge, die am Boden sitzen, einzusammeln. „Die Vogeljungen fliegen aus dem Nest und sitzen erst einmal unten. Sie werden aber von den Eltern weiter gefüttert“, versicherte Sabine Wieter. Vor allem bei Eulen und Käuzen ist das zu beobachten.

Sind die Jungvögel alt genug, um außerhalb des Nestes ihre Flugfähigkeit und die eigenständige Nahrungsaufnahme zu trainieren, werden sie zu sogenannten Ästlingen. Zwar können die meisten von ihnen bereits kurze Strecken fliegen oder stehen kurz davor, ihre Flugkünste zu erlernen, aber sie sind noch nicht dazu in der Lage, sich vollständig selbst zu ernähren. Dennoch verlassen sie ihr Nest, bleiben aber in der Nähe. Unter Anleitung ihrer Eltern erkunden sie die Umgebung und werden je nach Vogelart noch einige Tage bis Wochen von ihnen mit Futter versorgt. Sie seien also nicht die hilflosen Vögel, die gerettet werden müssten.

Finger weg und Abstand halten!

„Bei den Waldohreulen oder bei den Waldkauzen ist das so, die können noch nicht fliegen, aber die Alten sind in der Nähe. Wenn man das Junge wegträgt, ist es zu spät“, sagte Thomas Klöber. Und Sabine Wieter ergänzt: „Die Leute haben uns so viele Eulenküken gebracht. Sie hätten sicher auch in der Natur überlebt. Wenn die Eltern ihre Jungen weiter füttern, sind sie auch ganz schnell flugfähig.“

Aus diesem Grund sei das oberste Gebot stets: Finger weg und Abstand halten, kurz beobachten und nachdenken, betonte die Naturschützerin. Die Jungtiere sollten an Ort und Stelle gelassen und die Untere Naturschutzbehörde oder die Biosphärenratsverwaltung informiert werden. Die Fachleute können dann entscheiden, ob eingegriffen werden muss.

Fachleute päppeln Tiere auf

Und das gelte nicht nur für Greifvögel, für die die Aufnahmestation in Kämkerhorst ausgerichtet sei. Bei Schwalben sei es nämlich schwierig, die Jungen per Hand großzuziehen. „Wir wissen ja gar nicht, wie viele Mücken oder andere Insekten die Kleinen wirklich brauchen“, beschreibt Wieter die Probleme. Es sei besser – wenn nicht gerade Katzen in der Nähe seien – die Vogelkinder am Erdboden sitzen zu lassen. Auch bei den Jungen der Mauersegler sei das so.

Anders sei das bei verletzten Vögeln, die könnten die Menschen weiterhin zur Aufnahmestation in Kämkerhorst bringen, erklärte Naturwächter Klöber. Die Fachleute versuchen dann alles, um die Vögel aufzupäppeln und auszuwildern. Dabei werde auch Tierarzt Andres Pohl hinzugezogen, der einschätze, ob eine vollständige Heilung möglich sei. Schließlich müssten die ausgewachsenen Vögel selbst jagen können, um sich zu ernähren. Und in Zoos oder Tierparks können jagdunfähige Greifvögel nicht vermittelt werden, denn die haben genug eigenes Personal auf den Stangen sitzen.

Auch Seeadler und Uhu schon zu Gast

Die Aufnahmestation für verletzte Tiere gibt es seit Anfang der 1990er Jahren. Die Auslastung sei laut Klöber in den Jahren sehr unterschiedlich: „Wenn wir fünf Turmfalken, drei Bussarde, zwei Rotmilane und zwei Käuze betreuen, ist das schon viel.“ Dennoch bleiben einige Kurzzeitbewohner in Erinnerung. Denn auch die beiden größten Greifvögel des Biosphärenreservates, Seeadler und Uhu, wurden dort schon aufgepäppelt und erfolgreich wieder ausgewildert.