Rehkitzrettung

Ricke Susi holt die Post mit rein, Rehbock Strolch ist etwas scheu: Ralf Läsecke aus Zichtau zieht zwei verwaiste Rehkitze groß

Sie heißen Susi und Strolch, haben auch ein Fell und vier Beine. Hunde wie in der gleichnamigen Disneyverfilmung sind es aber nicht. Ralf Läsecke aus Zichtau zieht zwei Rehkitze groß.

Von Elke Weisbach
Die beiden Rehkitze Susi (rechts) und Strolch sind mittlerweile aus dem Gröbsten raus und brauchen neben Milch, die sie breits aus der Schale saufen können,  auch  Grünes aus dem Wald. Zudem sind sie sehr neugierig und erkunden ihre Umgebung . Mit der Flasche aufgezogen hat sie Ralf Läsecke aus Zichtau.
Die beiden Rehkitze Susi (rechts) und Strolch sind mittlerweile aus dem Gröbsten raus und brauchen neben Milch, die sie breits aus der Schale saufen können, auch Grünes aus dem Wald. Zudem sind sie sehr neugierig und erkunden ihre Umgebung . Mit der Flasche aufgezogen hat sie Ralf Läsecke aus Zichtau. Foto: Elke Weisbach

Zichtau - Ralf Läsecke öffnet die Stalltür. Erst ist nur eine winzige schwarze Nasenspitze zu sehen, dann der schmale Kopf. Es folgt ein kleiner, schlanker Körper auf vier staksigen Beinen. Dann gibt es für Susi kein Halten mehr. Neugierig springt sie auf den Hof. Etwas zaghafter und vorsichtiger folgt ihr Strolch. Bei den beiden Vierbeinern handelt es sich aber nicht um Hunde, sondern um zwei Rehkitze. Diese rettete der Zichtauer vor dem sicheren Tod. „Meine Enkelkinder Johanna und Oskar haben die Namen ausgesucht“, erzählt der passionierte Jäger. Dem aber, betont Ehefrau Astrid, die Hege und Pflege sehr wichtig ist.

Die Miniricke ist mittlerweile sehr zutraulich. „Susi läuft mir immer hinterher, selbst ins Haus, die Treppe rauf und wieder runter. Und sie holt auch immer die Post mit rein“, erzählt Läsecke lachend. Rehböckchen Strolch ist dagegen mehr zurückhaltend, vorsichtig, fast ängstlich. Wenn er aber mit seiner „Schwester“ im Garten herumtollen kann, Erdbeeren, Tomaten und anderes Grünzeug nascht – „alles wird erst einmal probiert“ –, ist davon nichts zu merken.

Mittlerweile gibt es auch Grünes

Dass die beiden sich so gut entwickeln, war anfangs gar nicht so sicher, blickt Ralf Läsecke auf die vergangenen Wochen zurück. Susi wurde am ersten Mai-Wochenende vor der Garage von Familie Hampel in Zichtau gefunden, erzählt er. Die Familie habe ihn informiert. Mit mehreren Leuten wurde dann die Umgebung, der Gutspark und die Pferdewiese abgesucht. Leider ohne Erfolg. „Weit und breit haben wir aber keine Ricke gefunden“, berichtet Läsecke. Seine Vermutung: „Die hat wohl der liebe Wolf geholt.“

Daraufhin wurde er gefragt, ob er sich des Minirehs annehmen würde, was er bejahte. Erfahrung hatte er bisher zwar nicht mit Rehkitzen, zog allerdings schon einen Fuchs und einen Frischling groß. Aber er hatte einen guten Berater an seiner Seite. Sein Schwager, Detlef Täger aus Wenze, nimmt sich laut Läsecke schon seit Jahren verwaisten Kitzen an und zieht sie mit der Flasche groß. Von ihm, so Läsecke, habe er sich Ratschläge und Nuckelflaschen geholt. Zudem habe er im Internet recherchiert, was bei der Aufzucht von Rehkitzen zu beachten sei. Von der Landwirtsfamilie Becker in Wiepke konnte er sich Biestmilch holen. So wird die erste Milch bei Kühen nach dem Kalben genannt, die auch Kitze gut vertragen.

Schlaf war Mangelware

Dann hieß es: Alle drei Stunden füttern, was zunächst nicht ganz einfach war. Einfach so festhalten kann man ein Rehkitz nämlich nicht. Seine Schalen, wie die Klauen der Paarhufer genannt werden, sind ganz schön scharf und können einen auch verletzen, erläutert Läsecke. Aber er fand eine Lösung. Da das Kitz ja noch sehr klein war, passte es in den Ärmel seiner Jacke, den er mittels Reißverschluss abnehmen konnte. Da hinein kam Susi, so dass sie nicht mit den Beinen strampeln konnte.

Mit etwas Nachdruck und Übung lernte sie aus der Flasche zu trinken. Damit war die Arbeit allerdings noch nicht getan. Wie in der Natur musste die Verdauung angeregt werden. So gab es nach dem Trinken immer noch eine Massage. Schlaf war in dieser Zeit Mangelware und blieb sie auch. Denn zwei Wochen später war das nächste verwaiste Rehkitz da. „Das erste Kitz raus aus den Ärmel, das nächste rein“, lacht Läsecke. Allerdings stand es um den kleinen Rehbock Strolch anfangs nicht sehr gut. Groß war die Sorge, dass er nicht durchkommt.

Landwirt Florian Müller aus Engersen hatte ihn zu Läseckes gebracht. Er hatte das Kitz beim Heuwenden auf der Wiese gefunden. Und die Maschine, so wird vermutet, muss ihn irgendwie erwischt haben. Das Kitz konnte nicht laufen. „Wir hatten erst den Verdacht, dass die Wirbelsäule einen Knax hat“, so Läsecke. Zum Glück bestätigte sich das nicht. Heute stakst auch er neugierig umher.

Mit Jagdhund Celle ein Dreiergespann

Mittlerweile bekommen beide Kitze nicht mehr die Flasche, aber dennoch noch dreimal am Tag Milch. Die saufen sie selbstständig aus der Schale. Dazu gibt es Grünfutter, wie sie es auch im Wald finden würden. „Gekriegt habe ich sie mit vier Kilo, jetzt werden es schon sechs sein“, schätzt der Kitzvater ein. Und beide verstehen sich auch ausgezeichnet. „Sie lecken sich ab, liegen zusammen in der Nacht und machen Blödsinn im Garten.“

Und auch mit Celle, dem ausgebildeten Jagdhund Läseckes, verstehen sie sich. Wie der Zichtauer erzählt, habe er gleich zu Beginn die Kitze in dessen Zwinger gebracht und neben den Hund gelegt. „Das hat zum Glück funktioniert“, ist Läsecke froh.

Noch sollen und können die beiden Kitze das Familienglück bei Läseckes genießen. Allerdings sind es, wie der Zichtauer deutlich macht, Wildtiere und sollen es auch bleiben. Deshalb will er versuchen, sie im Herbst auszuwildern. Gelingt das nicht, wäre das Wildgehege des Gutes eine Option, wo sie weiterhin in Frieden leben könnten.