Gardelegen l Voll war es in der Bibliothek in Gardelegen. Rund 70 Interessenten waren gekommen, um den Vortrag von Torsten Haarseim, Buchautor und Heimatforscher aus Gardelegen, zu erleben. Im Rahmen der Wanderausstellung „Einige waren Nachbarn – Täterschaft, Mitläufertum und Widerstand während des Holocaust“ des United States Holocaust Memorial Museum, referierte Haarseim unter dem Titel „Gardelegen im Nationalsozialismus“.

Nationalsozialismus in Gardelegen

Anhand von Fotomaterial, das er zum Teil auch bei Ebay ersteigert hatte und ihm aus Russland geliefert wurde, zeigte er das Gesicht des Nationalsozialismus in Gardelegen. Er zeigte Fotos von jubelnden Mengen auf geschmückten Straßen, von einem mit Hakenkreuzfahnen festlich geschmückten Raum im Volkshaus für eine Firmenfeier, von stolzen Reitern der Remonteschule und vom Fliegerhorst. Haarseim zeigt auch einen Brief, „Mit deutschem Gruß“ von Adolf Hitler unterzeichnet. Darin bedankt er sich für die Verleihung des Ehrenbürgerrechts von Gardelegen. Dies erfülle ihn „mit aufrichtiger Freude“. Weiterhin heißt es in dem Schreiben, dass er die Ehrenbürgerschaft annehme. Für das „Blühen und Gedeihen von Gardelegen“ sprach er die „besten Glückwünsche“ aus.

Jubelbilder auch aus der Kriegszeit: 1941 eroberte die deutsche Wehrmacht das von griechischen Truppen verteidigte Kreta und besetzte anschließend den Westteil der Insel. Trotz vieler Verluste wurde dieser Sieg, bei dem auch Fallschirmjäger aus dem Gardelegener Fliegerhorst dabei waren, in Gardelegen als heroischer Sieg gefeiert. „Wahrscheinlich war niemand in Gardelegen nicht dabei“, mutmaßte der Referent. Er schilderte aber auch, dass die Parade der Fallschirmjäger – etliche waren im Einsatz gefallen – mit Soldaten aus Stendal „aufgefüllt“ wurde.

Bilder

Judenhetze öffentlich praktiziert

Haarseim zeigte mit Bildern und Zeitungsartikeln aber auch die andere Seite jener Zeit, die „Fratze des Nationalsozialismus“. So etwa ein Foto vom Luftschutzschulungsraum im Eckhaus am Rathausplatz gegenüber dem Deutschen Haus. Und auch Judenhetze wurde in Gardelegen öffentlich praktiziert. „Was die Gardeleger über den Holocaust gewusst haben können? Alles. Es stand ja in der Zeitung“, betonte Haarseim. Er verwies auf Artikel aus „Der Mitteldeutsche“ und aus der „Gardeleger Tagespost“, die Tageszeitung für nationalsozialistische Weltanschauung, wie sie sich selbst nannte.

So erschien im Juni 1936 unter der Überschrift „Im Denken und Handeln sei deutsch“ ein Beitrag, der dazu aufrief, nichtjüdische Geschäftsleute zu unterstützen. Es wurde aufgefordert, nur in deutschen Läden und Kaufhäusern seine Besorgungen zu machen. Abgedruckt wurde auch ein Wegweiser deutscher Geschäfte, eine Art Anzeige. Auch dass Zwangssterilisationen im Gardelegener Krankenhaus durchgeführt wurden, habe in der Zeitung gestanden, so Haarseim.

Vortrag machte nachdenklich

Als „Verbrechen am deutschen Volke“ wurde die Heirat eines Juden mit einer deutschen Frau im Zeitungsbericht vom 10. März 1935 beschrieben. Die Schlagzeile: „Rassenschande in Gardelegen“. Berichtet wird vom Juden Louis Marcus, der „Fräulein Schernikau“ geheiratet haben soll. Dem Bräutigam wurde in diesem Artikel unterstellt, die Ehe eingegangen zu sein, um mit Verweis auf seine deutsche Frau bessere Geschäfte machen zu können. Aus Aufzeichnungen von Gisela Bunge über das Leben der Juden in Gardelegen zur NS-Zeit konnte Haarseim belegen, dass der gesamte Artikel eine Zeitungsente war. Den Kaufmann Louis Marcus habe es in Gardelegen zwar gegeben – sein Kaufhaus befand sich am Marcuseck, heute als Wollbrandseck bekannt – , er war zu diesem Zeitpunkt aber bereits 68 Jahre alt. Vielmehr handelte es sich um seinen Sohn Siegbert, der im I. Weltkrieg für Deutschland kämpfte. Seit 1931 war er bereits mit der Zahnarzthelferin Lotte Schernikau verlobt. Eine Hochzeit war am 17. März in Magdeburg geplant. Eine Woche zuvor gab es eine jüdische Beerdigung in Gardelegen. Bei dieser traten die Männer mit Frack und Zylinder auf die Straße. Ein Zeitungsmitarbeiter hielt dies für die Hochzeit und verfasste den Artikel, bei dem er auch noch die Namen verwechselte.

Auswirkungen hatte dieser Artikel aber enorme. Bereits am folgenden Tag war das Kaufhaus mit „Hier wohnt ein Rassenschänder“ beschmiert. Am Tor der Schernikaus stand „Hier wohnt eine Judenhure“. Die Tochter wurde aus der Stadt gebracht, das Geschäft von Louis Marcus war ruiniert. Er erhielt keine Aufträge mehr. Die Hochzeit kam nicht mehr zustande. Als Lotte Schernikau nach einiger Zeit zurückkehrte, arbeitete sie wieder bei Zahnarzt Weiß, dem daraufhin die kassenärztliche Zulassung entzogen wurde. Siegbert Marcus ging nach Nürnberg, heiratete eine Jüdin. Beide wurden später deportiert und ermordet. Haarseims Vortrag machte nachdenklich. Den Besuchern werden seine Ausführungen noch lange im Gedächtnis bleiben.