Gardelegen l Das Gebäude Sandstraße 63 wird derzeit saniert. Erneuert werden durch die Wohnungsbaugesellschaft (Wobau) die Fassade und die Hausflure. Außerdem erfolgt eine Veränderung des Daches. Zwischen dem Gebäude und dem Nachbargebäude, ein Neubau aus den 1960-er Jahren, gibt es einen sehr schmalen Zwischenraum. „Dieser tote Raum wird überdacht“, berichtete Wobau-Geschäftsführer Wolfgang Oelze. Notwendig wurde diese Maßnahme, weil sich an dieser Stelle Feuchtigkeit im Mauerwerk beider Häuser bildete. Der Renaissance-Giebel der Sandstraße 63 wurde bereits 1967 bei Abrissarbeiten des angrenzenden Hauses zum „Weißen Ross“ beschädigt und seither auch nicht wieder aufgebaut.

Ein Aufbau im Zuge der derzeitigen Maßnahme sei nicht möglich, so Oelze. Aufgrund des sehr schmalen Zwischenraumes komme man nicht an den Giebel heran. „Das Wichtigste ist aber, dass wir die Feuchtigkeit bekämpfen.“ Am Nachbargebäude sei im Zuge der Sanierung aber der Verlauf des Giebels mittels Holz- und Blechelementen angedeutet und somit für Passanten ersichtlich geworden. Das sei mit der zuständigen denkmalschutzbehörde abgestimmt.

Massive Häuser waren nur Adligen gestattet

Das Gebäude Sandstraße 63 ist ein bedeutendes Haus in Gardelegen. Jürgen Bajerski, der sich mit der Historie der Stadt befasst, weiß Interessantes zu berichten. So gilt das historische Gebäude , das 1591 als zweistöckiges Wohnhaus errichtet wurde, als eines der architektonisch wertvollsten Häuser der Stadt. Laut Hausstein waren die Bauherren Hans Lange und Anna Wileig. Das Gebäude hatte nicht nur beidseitig Brandmauern mit Renaissancegiebeln, sondern die Straßenseite wurde von Grund auf in Mauerwerk errichtet. So sind das Sitznischenportal, der Torbogen und die Einfassungen für die Fenster aus Sandstein. Da es rund um Gardelegen keine Sandsteinvorkommen gibt, ist anzunehmen, dass der Sandstein aus den Steinbrüchen des Elm bei Königslutter angeliefert wurde, wie es bereits Wally Schulz 1988 im „Altmärkischen Heimatkalender“ aufführte.

Laut Bauordnung war es in der Mark Brandenburg, und somit auch in Gardelegen, nur Adligen gestattet, massive Häuser zu bauen. Im 16. Jahrhundert kamen viele Einwohner der Stadt zu Wohlstand. Diesen wollten sie durch ein repräsentatives Wohnhaus auch darstellen und das vor allem an der Sandstraße, durch die der gesamte Durchgangsverkehr in Richtung Salzwedel, Magdeburg, Stendal und Lüneburg verlief. Der plattdeutsche Spruch: „Die Gardeleger wollen Junker sein“ (Herrmann Dietrich und Ludolf Parisius, Bilder aus der Altmark 1883, Reprint 1994) beziehe sich wohl auf diese Tatsache.

Das Wappen des Fürsten

Bajerski vermutet, dass die Gardelegener damals mit viel Ideenreichtum an der Umgehung der Vorschrift herangingen. So sei die Rückfront des Hauses an der Sandstraße 63 aus Fachwerk, und nur die Vorderfront ist massiv mit den bereits erwähnten Sandsteinelementen gebaut worden.

Aber auch aus einem anderen Grund ist dieses Haus bedeutend. Ab 1703 wurde Gardelegen zur Garnisonsstadt. Das in den Häusern einquartierte Regiment wurde von Leopold I., Fürst von Dessau (auch der Alte Dessauer genannt) geführt. Nach Auskunft des Chronisten David Bauke war das Haus Sandstraße 63, „das dem Fürsten eigentümlich gehörende Wohnhaus und führte noch 1832 das Wappen des Fürsten von Anhalt.“ Da in dem Wappen ein Bär zu sehen war, wurde der Gasthof auch „Zum schwarzen Bär“ genannt.

Gesimskanten abgeschlagen

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden bei einer Instandsetzung die waagerechten Gesimskanten unter den Fensterreihen der oberen Etagen abgeschlagen. Seit den Erneuerungsarbeiten 1968 fehlt der Schriftzug „Zum schwarzen Bär“, wie in „Unsere Heimat“ (Heimatblatt für Altmärker in der BRD, Nr. 06/1968) zu lesen war.