Gardelegen l „Ich habe am Anfang über 700 Seiten geschrieben – damals hatte ich das Gefühl, mir platzt der Schädel.“ Wenn Tino Fellenberg über die Entstehung seines Buches „Das Jardonische Werk“ spricht, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Die ganze Nacht hellwach, dieser ungeheure Druck im Kopf, ein 17-Jähriger ohne Arbeit, ohne Hartz IV, dafür Depressionen, Selbstmordgedanken sogar … Und plötzlich beginnt er zu schreiben. Worte, Wortfetzen, ein Strom aus Worten, 700 Seiten innerhalb von wenigen Monaten. „Es war wie ein Ventil“, sagt der heute 25-Jährige zurückblickend.

Aber was war das eigentlich, was sich da Bahn gebrochen hatte? Ein Buch? Gedichte? Ein Epos? „Da waren viele Worte, von denen ich selbst nicht wusste, was sie bedeuteten. Ich habe später erst nachgeguckt, was die Bedeutung ist, erstmal habe ich einfach alles aufgeschrieben“, sprudelt es aus ihm heraus. Da ist noch immer viel Druck in dem jungen Mann, aber inzwischen ist es positiver Druck, er will erzählen, von sich und seinen inneren Erlebnissen, von der spirituellen Erfahrung und davon, wie er schreibend Heilung fand – und sich selbst. „Da war so viel Inhalt, und es war mein eigener Schreibstil, ich kam in Fluss …“

700 Seiten werden zu 60

Von dem ungeheuren Stapel Papier, der in langen Nächten und Schreibflüssen entstanden war, bis hin zu dem dünnen Taschenbuch, das unter dem Titel „Das Jardonische Werk“ erschienen ist, war es ein weiter Weg. „Es hat Jahre gedauert, das zu ordnen“, sagt er. „Da war so viel Chaos. Es war viel Arbeit, das alles zu kürzen, zu entscheiden, das ist jetzt wichtig, das nicht“, erzählt er. „Das hat richtig lange gedauert. Ich musste streng mit mir selber sein, habe ganz radikal weggekürzt. Manche Stellen, die ich jetzt nicht drin habe im Buch, gefallen mir besser als die, die ich reingenommen habe“, sagt er zurückblickend.

Das Buch selbst ist durch die radikale Bearbeitung nun recht kurz geworden. Auf rund 60 Seiten wird die Geschichte des Veil Severin erzählt. Der Held wird beschrieben als „gebrochener junger Mann, dem es nicht gelingt, sich mit der Stimme in seinem Kopf zu versöhnen. Seit jeher verspürt er dieses Gefühl von Mangel und Verlust. Ganz gleich, wie sehr er sich bemüht, dies mit äußeren Umständen zu kompensieren: Die innere Leere bleibt“, schreibt Fellenberg in seiner Einleitung. Eine innere und äußere Reise sollte es sein, die Geschichte von Fall, Aufschlag und Auferstehen des Protagonisten und „gänzlich mehr als Wort und Schrift“, wie es im Untertitel heißt. Dass eine ganze Menge von Tino Fellenberg in diesem Veil Severin steckt, lässt sich erahnen. Doch auch die Figur des Jardos, eine Art Begleiter, Gesprächspartner, vielleicht Versucher, hat durchaus seinen Platz in der Biographie des Autors. Jardos war der Name eines Charakters, den Fellenberg in seiner Jugend bei Rollenspielen verkörperte. Im „Jardonischen Werk“ kommt er zunächst ein wenig mephistophelisch daher, doch will er ihm offenbar nichts Böses, unterzieht ihn wohl eher einer Prüfung und ist beteiligt an seiner Wiederauferstehung in einem neuen bewussten Zustand.

Raus aus der Opferhaltung

Und der Autor selbst? Das Schreiben hat ihm auf alle Fälle geholfen. „Ich war früher sehr negativ, sehr in der Opferhaltung. Jetzt bin ich zu einem lebensbejahenden Menschen geworden“, sagt er. Er ist inzwischen Metallbauer geworden und baut gerade ein eigenes Haus. Wie sehr er die Erlebnisse des Veil Severin verinnerlicht hat, zeigt der Autor auch äußerlich: Denn das Symbol „7ign“, das er für den Titel des Buches entworfen hat, ließ er sich auf das Handgelenk tätowieren und hat es so immer bei sich: eine Kombination aus drei Siebenen, in sich gespiegelt und umgeben mit einer Darstellung der Mondphasen. „Dieser Weg war ein Segen, und es war gut, dass es so früh passiert ist“, glaubt er, „es war wie bei einem Knochen, der bricht. Wenn er wieder zusammenwächst, ist er an der Stelle viel härter als vorher.“

Inzwischen hat er viele positive Rückmeldungen über sein Buch erhalten. Meist von Menschen, denen es ähnlich ging wie ihm. Eine Frau schrieb, sie habe von einem Wesen namens „Jardon“ geträumt und sei dadurch auf sein Buch gestoßen. „Sie hat geschrieben, ich hätte ihr Leben gerettet“, erzählt Fellenberg. Ideen zu einem neuen Buch habe er zwar schon, meint er. „Aber es wäre zynisch, sich nicht erstmal um dieses Baby zu kümmern.“ Dazu sei nötig, „dass ich mich darstelle, mich zeige, zu meiner eigenen Wahrheit stehe.“ Darum will er nun den nächsten Schritt wagen und sich und sein Buch auf Lesungen präsentieren. Derzeit nimmt er Unterricht bei einer Sprach- trainerin und arbeitet an seiner Vortragstechnik. Eine erste Buchvorstellung gab es bereits in Gardelegen bei der Selbsthilfegruppe „Wege aus der Angst“. Im März ist eine Lesung in Halle geplant, das genaue Datum steht noch nicht fest.