Gardelegen l Anita sitzt im Rollstuhl und lässt sich von ihrer großen Schwester Anna (14) im Eiltempo die Rollstuhlrampe im Volkssolidaritätszentrum hoch- und runterfahren. Die Zehnjährige hat sichtlich Spaß dabei. Sie lacht und juchzt und kann gar nicht genug von dieser Wettfahrt bekommen. „Vor einem Jahr war vieles noch undenkbar“, sagt ihre Mama Alexandra Eichner, die ganz viel Lebensmut und Optimismus mit ihrer fröhlichen, freundlichen und offenen Art ausstrahlt. Und dabei hat das Schicksal in ihrer Familie hart zugeschlagen. Anita kommt 2008 als Frühchen mit nur 810 Gramm Körpergewicht zur Welt. Bei der Geburt erleidet sie Hirnschädigungen, ist seitdem körperlich und geistig behindert. Ihre Zwillingsschwester Amelie ist glücklicherweise gesund, ebenso die große Schwester Anna. Die Ärzte machen der jungen Mutter nach der Geburt Anitas wenig Hoffnung. Doch die Familie gibt nicht auf. Und Anita auch nicht.

Die Eltern erfahren von einer speziellen Therapie, die im Adeli Medical Center in Pieštany (Slowakei) angeboten wird. Im September 2017 fährt Alexandra Eichner mit ihrer Tochter das erste Mal dorthin – drei Wochen Therapie am Stück. „Sie konnte damals fast gar nicht sprechen, nur Mama und Papa, und laufen auch nicht“, erinnert sich die Mutter.

Spezielle Therapie in Slowenien

Unterdessen hat Anita schon weitere Therapien erhalten. Dreimal im Jahr jeweils 14 Tage – sechs Therapietage am Stück mit intensivem Training und sechs Therapeuten. Für daheim gibt es dann jeweils Hausaufgaben und weitere Therapieanwendungen. Der Erfolg ist sichtbar. Die kognitiven und motorischen Fähigkeiten konnten sichtbar verbessert werden. „Sie erzählt uns jetzt, dass sie essen oder trinken möchte, dass sie eine Geschichte vorgelesen haben will oder dass sie fernsehen möchte. Sie kann jetzt Wünsche aussprechen“, erzählt Alexandra Eichner. Anita, die eine Förderschule in Wernigerode besucht, überrasche ihre Eltern jetzt jeden Tag mit ihren Antworten. „Sie fordert uns jetzt auf, mehr für sie zu machen. Und das war, wie gesagt, vor einem Jahr undenkbar“, zeigt sich Alexandra Eichner erfreut und glücklich über die Fortschritte, die die spezielle Therapie in Slowenien gebracht hat. Die nächste Therapie steht am 27. Mai an. Dann will sie mit ihrer Tochter wieder nach Slowenien fahren. Die Krankenkasse hat allerdings nur die erste Therapie übernommen. In Deutschland wird diese Form nicht angeboten. Geplant sei es wohl. „Man steht aber hier noch in den Startlöchern“, weiß Alexandra Eichner.

Bis dahin muss die Familie für die Therapien in Slowenien allein aufkommen. Für Mutter und Tochter jedesmal knapp 5000 Euro. Im Februar 2018 entdeckt die Familie eine Möglichkeit, mittels Spenden einen Teil der Kosten abzudecken. Sie sammelt Kulis und Stifte. Die werden zu einem Recyclingunternehmen geschickt. Pro Stück erhalten Eichners einen Cent.

Gardelegener sammeln weiter

Und diese Aktion für die kranke Anita unterstützt seit dem vorigen Jahr auch die Gardelegener Volkssolidarität und sammelt seither Kulis und Stifte. Mitte Dezember des vorigen Jahres konnte die Volkssolidarität 32.436 Stifte übergeben. Nun sind Eichners wieder zu Gast in Gardelegen. Brunhild Deutsch, die Leiterin der Volkssolidaritätsbegegnungsstätte, überreicht erneut eine Kuli-Spende. Dieses Mal sind es 16.000 Kugelschreiber.

„Und wir sammeln weiter“, versichert Brunhild Deutsch. Wer helfen möchte, kann ausgediente Kugelschreiber, Faserstifte, Textmarker oder Ölstifte bei der Volkssolidarität abgeben (weitere Hilfsmöglichkeiten siehe Info-Kasten).

Laufen ist das große Ziel

Familie Eichner ist dankbar für die Hilfe. „Die Gardelegener haben fleißig gesammelt“, zeigt sich Alexandra Eichner erfreut.

Sie hat große Hoffnung, dass Anita irgendwann einmal ein selbstbestimmteres Leben führen und vor allem laufen kann. Bei der Therapie habe sie ähnlich gehandicapte Kinder kennengelernt, die laufen können und sprechen wie ein Buch. „Unser großes Ziel ist es, dass Anita aufstehen und laufen kann“, sagt Alexandra Eichner. Denn Anita werde älter, größer und schwerer. Und die Chance, dass das Ziel erreicht werden kann, sehen die Eltern. „Sie kann für kurze Zeit schon stehen.“ Und Alexandra Eichner, die derzeit vor allem Hausfrau ist und einen Minijob hat, hofft dabei auch, irgendwann wieder in ihrem Beruf als Zahnarzthelferin arbeiten zu können.