Kalbe l Ein kleiner Wohnwagen vor der Kalbenser Kirche. Davor eine Maschine, über der verheißungsvoll das Wort „Zuckerwatte“ prangt. Noch ist alles ruhig, die Chefin (Julia Knaust) ist noch nicht erwacht, und Kallo (Nils Wollschläger) genehmigt sich noch einen letzten heimlichen Schluck aus der letzten Sektflasche. Doch dann wacht die Chefin auf übernimmt das Kommando. In rasantem Tempo und mit turbulenten Szenen verwandelt sich das Gelände rund um den Wohnwagen in ein Café. Die Zuschauer erleben halsbrecherische Radfahrten zum Zuckerkauf, Jonglage mit den leider geleerten Sektflaschen, eine explodierende Zuckerwatte-Maschine, deren Gestell sich noch für beeindruckende Turndarbietungen verwenden lässt. Und als am Ende die Maschine repariert ist, erhalten die Besucher Sekt und Zuckerwatte, und alles löst sich auf in einer feuchtfröhlichen Walzerrunde auf dem Rasen. Das Café „Nagetusch“ ist eröffnet.

Wer alles sehen will, muss beide Tagen da sei

Das Programm war voll an den beiden Theaterfestival-Tagen in Kalbe. Und wer am Wochenende alle Darbietungen sehen wollte, musste schon etwas knobeln. Im Prinzip war es möglich, sich fast alle Stationen hintereinander anzuschauen, nur bei Station drei, dem Bewegungstheater von Norbert Busschers, gab es zeitliche Überschneidungen. Wer alles sehen wollte, musste sich also an beiden Tagen Zeit nehmen.

Ein sehr individuelles Angebot hatte Claudia Schnürer für die Besucher: Ihr „Vorlesezimmer“ im Garten neben der Kirche bestand aus einem Tisch voller Bücher und zwei Stühlen. Lyrikbände massenweise hatte die gelernte Artistin, die derzeit Dozentin für Körpertheater in Essen ist, um sich herum aufgetürmt, von Mascha Kaléko bis Erich Fried, von Hans Magnus Enzensberger bis Ulla Hahn. Das älteste Werk, das sie mitgebracht hatte, stammte von dem persischen Dichter Rumi (1207 – 1273). Wer Lust auf ein persönliches Gedicht hatte, konnte der Interpretin gegenüber Platz nehmen und bekam, je nach Wunsch, ein individuell für ihn ausgesuchtes Werk vorgesprochen.Ob Liebe oder Trauer, Lust oder Verlust, Angst, Freude, Sonnenschein, Urlaub – Claudia Schnürer hatte für jeden die passenden Verse zur Verfügung, die sie in eindringlicher Betonung vortrug.

Bilder

Persönliches Gedicht über das Meer

So erhielt eine Besucherin, die sich ein Gedicht über die Nordsee gewünscht hatte, Erich Frieds Gedicht „Meer“ mit auf den Weg: „Wenn man ans Meer kommt / soll man zu schweigen beginnen / bei den letzten Grashalmen / soll man den Faden verlieren ...“

Vollkommen ohne Worte dagegen kam Jana Korb aus. In ihrer Rolle als „Frau Vladusch“ erzählte sie pantomimisch und artistisch von der Geschichte und den Erinnerungen einer alten Frau. Eine traurige, berührende Geschichte, vorgetragen mit sehr ausdrucksstarker Mimik und bei aller beschwingten Musik aus den Lautsprechern – immer wieder drängte sich unnachgiebig und unbarmherzig das Ticken der Uhr in den Vordergrund. Ob Frau Vladusch nun stickte oder bügelte, ob sie vor Erschöpfung auf dem Stuhl einschlief und sich auf die höchsten Höhen des schwindelerregenden Trapezes hinaufträumte, das Ticken war allgegenwärtig, und die Zeit der alten Frau mit Kittelschürze und Kopftuch lief unwiderruflich ab.

Zusätzlich zu den Theateraufführungen gab es an den Abenden ein Musikprogramm in der Festscheune. Am Freitag waren Fleur Dikken und Marjet Spook aus den Niederlanden sowie Markus Siebert zu hören. Am Sonnabend gab es als Überrachungsbesuch einen Auftritt des Rainer-Trunk-Trios, und am Sonntag stand eine Reise durch die Regionen Osteuropas mit der Gruppe Ticvaniu Mare auf dem Programm.