Gardelegen l Es war ein ganz normaler Tag, der 19. Oktober. Ramona Weber schließt morgens ihr Blumengeschäft Zeitlos in der Fußgängerzone auf, stellt ihre Pflanzen und Deko auf den Gehweg und bedient ihre Kundschaft – so wie jeden Werktag. Am Nachmittag, so gegen 15 Uhr, öffnet sich die Ladentür. Ein Kunde kommt ins Geschäft. Sie steht hinter dem Tresen und ist allein. „Er hat nur Englisch gesprochen. Ich habe nichts verstanden“, erzählt die 45-Jährige. Irgendwie sei dann klar geworden, der Mann habe ein Geschenk haben wollen, Balkonpflanzen sollten es sein. Die hat Ramona Weber draußen vor dem Geschäft stehen. Beide gehen raus. Hinterher wird ihr klar. Der Typ hat sie in eine Position gelockt, wo sie nicht mitbekommen konnte, dass ein zweiter Mann in den Laden geht und sich dann in der Kasse bedient und sie leer räumt. Beide verschwinden dann zu Fuß in Richtung Sandstraße. Vermutlich steht dort das Fluchtauto.

Zeugin beobachtet das Geschehen

Das Geschehen wird unterdessen von Claudia Steffens beobachtet, Juniorchefin der gegenüberliegenden Buchhandlung von Eleonore Albrecht. „Das war wie im Krimi. Unglaublich.“ Die Buchhändlerin kann es gestern noch immer nicht glauben, dass so etwas am helllichten Tag mitten in Gardelegen passiert. Sie beobachtet das Gespräch zwischen dem Mann und Ramona Weber, wie beide mehrmals um die Auslagen gehen. Ein weiterer Mann, von Kopf bis Fuß sportlich gekleidet, geht am Fitnessstudio an der Ecke Sandstraße/Thälmannstraße auf und ab. „Es hätte ja sein können, dass der ins Fitnessstudio wollte“, meint Claudia Steffens zunächst. Doch dann sieht sie, wie der Mann plötzlich zügig ins Blumengeschäft geht. Sie ruft ihre Mutter, die den Verkauf übernimmt, und geht zu Ramona Weber, denn das ist ihr alles nicht mehr geheuer. Doch auch sie wird von dem Balkonpflanzen-Kunden gleich abgefangen und mit Beschlag belegt. „Ich sollte mit zu den Auslagen an der Straßenseite, also weit ab vom Schaufenster. Und da habe ich gesehen, dass der einen Knopf im Ohr hat“, erinnert sich Steffens. Und da klingelt es. Die beiden Männer haben sich auf diese Weise verständigt.

Claudia Steffens wehrt den Balkonpflanzen-Kunden ab und sagt, sie müsse jetzt ins Geschäft. Dort kommt ihr der andere Mann entgegen. „Der hat gar nicht reagiert und ist gleich raus aus dem Laden. In dem Moment hat sich auch der andere aus dem Staub gemacht“, schildert Claudia Steffens. Sie läuft gleich los und warnt ihre Geschäftskollegen in den Innenstadtläden. Umfangreiche Personenbeschreibungen kann Ramona Weber nicht liefern. „Deutsche waren es vermutlich nicht, hellhäutig, dunkle Haare“, erinnert sich Ramona Weber. Beide tragen eine Mundschutzmaske. Von daher kann man nicht viel vom Gesicht erkennen. „Damit haben solche Leute doch Narrenfreiheit“, sagt Weber. Auch Claudia Steffens kann die Betrüger nur vage beschreiben. Der Balkonpflanzen-Kunde, „ich kann kein Englisch. Ich weiß also nicht mal genau, ob das wirklich Englisch war“, habe eine auffällige rote Weste getragen, sei ansonsten elegant gekleidet gewesen. „Wie ein Geschäftsmann sah er aus. Das Alter würde ich auf Mitte 30 schätzen“, sagt Claudia Steffens.

Versicherung zahlt nicht

Der andere Mann habe eine Jogginghose und Stoffvans (Schuhe) getragen und ein Basecup aufgehabt. „Der war groß, so zwischen 1,85 und 1,90 Meter“, schildert Steffens. Und er sei sehr schlank und schnell gewesen. „Das passte alles zusammen: Das Rumgelaufe vor dem Fitnessstudio und die Suche nach den Blumen“, so Steffens. Das gezielte Weglocken und dann der Klau. „Wie im Film, das muss sowas von organisiert gewesen sein, einfach dreist“, meint die aufmerksame Buchhändlerin. Nicht zuletzt sei sie von einem Bericht ihrer Mutter sensibilisiert gewesen. Die habe nämlich am Freitag der vorigen Woche zwei Männer beobachtet, die in der Fußgängerzone offensichtlich jedes Haus begutachteten. „Eine Kundin kam wenig später in unseren Laden. Auch ihr waren die beiden Männer aufgefallen, die jedes Haus fotografiert haben sollen“, erinnert sich Eleonore Albrecht.

„Das hat mich stutzig gemacht. Da zwei Männer, hier bei Ramona auch zwei Männer“, so Steffens. Sie greift in diesem Zusammenhang ein Thema auf, das sie schon öfter angesprochen hat. Die Straßenbeleuchtung in der Fußgängerzone. Das orangefarbene Licht der Laternen sei viel zu dunkel. „Und jetzt kommt die dunkle Jahreszeit. Das spielt doch solchen Leuten in die Hände“, sagt Steffens. Für Ramona Weber hat das Geschehen Folgen. „Man wird jetzt noch misstrauischer, vor allem Fremden gegenüber. Das ist schon traurig“, sagt die 45-Jährige, die so etwas niemals geahnt hätte. Seit neun Jahren hat sie das Blumengeschäft. „In dieser Zeit ist mir nur einmal ein falscher 50-Euro-Schein untergejubelt worden“, erinnert sie sich. Der Schaden für sie beläuft sich im mittleren dreistelligen Bereich, aber der psychologische Aspekt sei eben nicht zu unterschätzen. Von der Versicherung bekommt sie nichts zurück. „Obwohl ich gegen Diebstahl versichert bin“, betont Weber. Aber es komme eben auf das Kleingedruckte an. Da es kein bewaffneter, räuberischer Überfall war und somit keine Gefahr für Leib und Leben bestanden habe, geht sie leer aus.

Obgleich das Claudia Steffens anders sieht. „Was wäre denn passiert, wenn ich den Mann hinter der Kasse erwischt hätte?“, fragt sie sich im Nachhinein. Ramona Weber hat bei der Gardelegener Polizei Anzeige erstattet.