„Geistig bin ich fit, nur die Beine sind nicht mehr ganz so frisch“, witzelt er einige Tage nach seinem Ehrentag am Schreibtisch seines Hauses in Altenplathow sitzend. „Der ganze Anrufbeantworter war voller Gratulationen, ich bin mit dem Abspielen gar nicht hinterher gekommen“, verrät er trotz seiner Bescheidenheit doch ein bisschen stolz auf die Anerkennung, die ihm zuteil wurde. Er ist bekannt in der Kanalstadt, schließlich war er lange berufstätig. Nach dem Krieg baute er unter anderem die Braunkohle-Benzin-AG (BRABAG) in Magdeburg-Rothensee mit auf. Nach der Fertigstellung durch die Firmen SSW, AEG und BBS, wurde der Betrieb von der damaligen Besatzungsmacht besetzt und anschließend demontiert. 1950 wurde in Kirchmöser, im ehemaligen RAW, das Walzwerk errichtet. Knieriem erinnert sich an seine Zeit dort: „Wir waren unter der neuen Firmierung VEM-Starkstrom-Anlagenbau Magdeburg mit einem Bauleiter und etwa 20 Monteuren vor Ort.“

Dann, eine folgenreiche Begegnung: „Bei einer turnusgemäßen Heimreise fiel mir im Bahnhof eine junge Frau auf. Später habe ich sie in Genthin wiedergetroffen und sie um einen Kennlern-Termin gebeten. Auch beruflich ging es voran. 1953 wurde in Kirchmöser am Wendsee ein Umspannwerk errichtet. „Die Ausführung der 35 - 15 kV Schaltanlage wurde mir von meiner Firma übertragen.“ 1955 übernahm Knieriem in der Zuckerfabrik Genthin die Bauleitung bei der Erneuerung der Energiezentrale und einiger Nebenobjekte. „Im selben Jahr habe ich meine liebe Frau in der Altenplathower Kirche geheiratet“, erinnert sich der 90-Jährige an einen für ihn unvergesslichen Tag. Dann brach eine Zeit der Veränderung an. „1956 hatte ich den Auftrag, die handbetriebene Vorstadt-Schleuse in Brandenburg zu elektrifizieren.“ Eine Arbeit, die nicht ohne war. „Bei der Verkabelung der Anlage erkrankte ich an einem Nierenleiden.“ Eine Operation im Johanniter-Krankenhaus war die Folge. Nach der Behandlung eines Leistenbruches sagte Knieriem der Montage ade. „Ich wurde seßhaft“, konstatiert er heute. „Durch persönliche Verbindungen landete ich im Weichenwerk der Deutschen Reichsbahn in Brandenburg-Kirchmöser und übernahm die Elektro-Werkstatt im Drei-Schicht-System.“

Kurz nach Knieriems Einstellung setzte sich sein Meister in den Westen ab und der Posten musste neu besetzt werden. Nun war Henning Knieriem gefragt. „Auf Drängen meiner Kollegen habe ich mich entschlossen, in der Betriebsakademie des RAW-Kirchmöser den Elektromeister für elektrische Anlagen und Hochspannungsanlagen zu erwerben.“ Ein Mammutprogramm stand dem damals 30-Jährigen bevor. „26 Fächer wurden durchgepaukt mit Zwischen- und Abschlussklausuren.“ Zur Halbzeit und zum Abschluss reiste gar die Prüfungskommision aus Berlin an, stand die Ausbildung doch unter der Leitung der Ingenieursschule für Maschinenbau und Elektrotechnik in Berlin-Lichtenberg. „Nach zwei Jahren war alles überstanden.“ Danach besuchte Knieriem die Meisterschule der Handwerkskammer. „1965 erhielt ich den Meisterbrief im Elektro-Installations-Handwerk mit dem Prädikat gut.“ Die Umstände seien seinerzeit für das private Handwerk in Genthin günstig gewesen, erinnert sich der Handwerksmeister heute, sodass er 1965 die Genehmigungsurkunde für einen Betrieb des Elektroinstallations- und Reparatur-Handwerks erhielt.

Wenig Freizeit

Jetzt machte sich Knieriem als Elektro-Meister einen Namen. „Zu meinem Kundenstamm gehörte in den Jahren der Berufstätigkeit als Meister bis 1996 der gesamte private Sektor mit Wohnungen, Gärten und Eigenheimen.“ Daneben betreute Knieriem zwei Wohnungsbau-Genossenschaften, die Verkaufseinrichtungen der KG, das Sägewerk Sporkenbach die Ziegeleien in Genthin und Parey und die GPG-Einigkeit mit ihren Hallen und Beregnungsanlagen. Aber damit nicht genug, auch Tischlereien, Bäckereien, Fleischereien, Schlossereien, Optikerwerkstätten, die Konsum-Großbäckereien und die Konsumfleischerei mit ihren Transformatoren-Stationen, die PGHen Motor, Orthoban, Freundschaft und die mechanischen Werkstätten H. Kaufmann mit ihren Trafo-Stationen, die Trafo-Station für das Fachkrankenhaus Jerichow mit Hochspannungsverkabelung, aber auch die Trafo-Station für die 144 Wohnungseinheiten im Hasenholztrift.

Daneben hatte Knieriem 14 Lehrlingen den Weg in das berufliche Leben geebnet. Der erste von ihnen war Klaus Josupeit. Ich habe viel bei Henning Knieriem gelernt“, blickt Josupeit, der heute in Bad Salzuflen lebt, zurück. Mit seinem alten Lehrherrn ist er immer noch verbunden, telefoniert mit ihm zu Feiertagen und zu Geburtstagen. Josupeid ist heute selbst ein gestandener Unternehmersenior, führte jahrzehntelang eine eigene Elektromeister-Werkstatt. „Ein Teil meines unternehmereischen Erfolges ist auf meinen alten Lehrmeister Knieriem zurückzuführen. Er hat mir beigebracht, was ich im Beruf wissen muss“, lobt der heute 66-Jährige, dessen Sohn mittlerweile das Geschäft übernommen hat. Für Knieriem kam das Familienleben und die Freizeit oft zu kurz. Kinder hatte er keine und adoptierte das Patenkind der Ehefrau Helga. Knieriems waren mehr als 50 Jahre verheiratet, als seine Frau 2007 starb. Doch einsam wurde es nie um den bekannten Genthiner. Ein großer Freundeskreis ist immer wieder zu Gast im Hause Knieriem, der Terminkalender ist voller als bei manch jungem Menschen. Denn auch mit 90 Jahren ist Henning Knieriem ein gefragter Ratgeber und Zeitzeuge der Geschichte Genthins.