Genthin l „Die Russen lagen da drüben im Wald“, habe ihm eine ältere Zeitzeugin einmal erzählt. „Ich konnte das zunächst nicht glauben, doch die Funde beweisen, dass sie Recht hatte“, sagt Dr. Thomas Kersting.

Russische Erdhütten

Der Leiter der archäologischen Denkmalpflege in Brandenburg hat nun gemeinsam mit Museumsleiterin Antonia Beran und weiteren Kollegen eine Ausstellung im Kreismuseum Jerichower Land vorbereitet, die genau das zum Thema hat – die sogenannten „Semljanka“, russische Erdhütten, die die Rote Armee nach dem Zweiten Weltkrieg in den Wäldern Ostdeutschlands errichtet hat.

„Die sowjetische Armee wollte Konflikte mit der deutschen Zivilbevölkerung vermeiden“, benennt Thomas Kersting den Grund, warum sich die Soldaten außerhalb der Städte und Dörfer niedergelassen haben. Das sei aber keine neue Erfindung gewesen. „Was machen Armeen seit der Römerzeit?“, fragt Thomas Kersting und liefert die Antwort gleich hinterher: „Sie graben sich ein!“

Bilder

Hütten für zehn Soldaten

Die Rote Armee habe schon längere Zeit konkrete Bauanleitungen für die Erdhütten, in denen circa zehn Soldaten untergebracht waren, gehabt. „Der Witz ist: Die Deutschen haben sich das 1943 für ihren Russlandfeldzug abgeschaut“, sagt der Archäologe. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien dann rund 1,5 Millionen Rotarmisten im Osten Deutschlands gewesen.

„Die mussten ja irgendwo untergebracht und ernährt werden – ein großer Teil von ihnen in den Erdhütten der Waldlager“, sagt Antonia Beran, die sich freut, die neue Ausstellung in den Räumlichkeiten des Kreismuseums präsentieren zu dürfen.

Viele Exponate werden gezeigt

Sie sei etwas besonderes, denn lange war dieses Nachkriegskapitel unbekannt, bis ehrenamtliche Mitarbeiter des archäologischen Landesamtes in den Wäldern Brandenburgs Vertiefungen entdeckt haben. Dort haben sie Reste der Erdhütten sowie eine Vielzahl weiterer Funde zutage gefördert. „Rasierapparate, Ferngläser, Taschenuhren“, zählt Thomas Kersting einige Dinge auf, die auch als Exponate im Kreismuseum zu sehen sind. Diese seien zumeist aus zivilen Einrichtungen geplündert worden.

Auch Wasserhähne sind in der Ausstellung zu sehen. „Wasser aus der Wand war für viele Russen etwas bis dahin Unbekanntes“, erklärt Thomas Kersting den Grund für diese zunächst seltsam anmutenden Funde mitten im Wald.

Er zeigt weitere Funde, die etwas über die Ideologie der sowjetischen Soldaten aussagen. So seien beispielsweise auch sogenannte Koppelschlösser zuhauf entdeckt worden, deren Besitzer ursprünglich Wehrmachtssoldaten waren. „Die Hakenkreuze, die darauf waren, haben die Rotarmisten in Sowjetsterne umgearbeitet. Das war ein Statussymbol für sie.“ Weiterhin zeigt er ein „Propagandablech“. „Vorwärts! Mit Stalin zum Kommunismus!“, übersetzt er die kyrillischen Schriftzeichen darauf.

Aufsteller in deutscher und russischer Sprach

Übrigens sind auch die diversen Aufsteller sowohl in deutscher als auch russischer Sprache und bei letzterem deshalb auch in kyrillischer Schrift verfasst. „Vielleicht können wir die Ausstellung irgendwann auch in Russland zeigen. Ich bin mir sicher, dass auf russischen Dachböden noch viele Überbleibsel aus dieser Zeit liegen“, sagt Thomas Kersting, der noch Kontakt zu russischen Historikern, aber auch Zeitzeugen sucht. Dabei könnten auch die Soldatenkarteien helfen, die ebenso in den Waldlagern entdeckt wurden.

Circa 80 dieser Lager seien bislang bekannt, vor allem in Brandenburg, was der Archäologe mit dem „Sturm auf Berlin“ erklärt. „In Mecklenburg-Vorpommern gab es ebenfalls solche Waldlager. In Sachsen und Thüringen wurden sie bislang jedoch noch nicht entdeckt“, so Thomas Kersting.

Forschung noch am Anfang

Und wie sieht es in Sachsen-Anhalt und konkret im Jerichower Land aus? „Hier stehen wir mit der Forschung noch am Anfang. Aber auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Altengrabow und im Wald zwischen Gladau und Parchen gab es sie ebenfalls“, sagt Antonia Beran. „Die Nazi- und DDR-Zeit ist gut erforscht, aber aus der Zwischenzeit mangelt es noch an Kenntnissen“, resümiert Thomas Kersting. Unter anderem mit der Erforschung der Waldlager kommt man dieser Zeit nun allmählich auf die Schliche, vor allem durch diverse Materialfunde. Tausende seien schon zusammengetragen worden.

Rund 200 davon sind bald im Kreismuseum zu sehen. Zudem noch viele Aufsteller, die den derzeitigen Forschungsstand in all seinen Facetten zusammenfassen. Desweiteren wird diese Zeit und das entbehrungsreiche Leben der russischen Soldaten in den Waldlagern auf einem Videobildschirm erklärt.

Die Ausstellung ist ab Sonntag, 1. September, 14 Uhr, und danach bis zum 27. Oktober im Kreismuseum zu sehen. Die Einrichtung hat Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 8 bis 16 Uhr, Freitag von 8 bis 12 Uhr sowie Sonntag 14 bis 16 Uhr geöffnet.