Knackpunkt Diagnostik

Der Notarzt im Jerichower Land muss nicht selten viel wegen eines freien Krankenhausbettes telefonieren

Bei Christa Tilse hat das Schicksal zugeschlagen. Erst eine Krebsdiagnose, dann eine Corona-Infektion. Ihr Mann ruft nun öfter den Notarzt. Der muss viel telefonieren, um für sie ein freies Krankenhausbett zu finden.

Von Susanne Christmann
Zwei Rettungstransportwagen sind in der DRK-Rettungswache in Genthin stationiert.
Zwei Rettungstransportwagen sind in der DRK-Rettungswache in Genthin stationiert. Foto: Susanne Christmann

Genthin - Erst Krebsdiagnose für Christa Tilse, dann die Corona-Infektion, die auch ihren Mann erfasst hat - das Schicksal hat, wie Joachim Tilse es formuliert, zugeschlagen und „alles bisherige auf den Kopf“ gestellt. Am 3. Juli, gegen 20 Uhr, war es wieder soweit: Joachim Tilse musste einmal mehr den Notarzt rufen, weil es seiner Frau Christa sehr schlecht ging, sie nicht mehr ansprechbar war. Der Notarzt war schnell vor Ort. Das Problem, schildert Joachim Tilse seine Sicht in einer ersten Mail an die Volksstimme-Redaktion, hätte mit dem doch so notwendigen schnellen Transport seiner Frau in ein Krankenhaus begonnen.

Da Genthin es geschafft habe, keine Notaufnahme beziehungsweise Krankenhaus mehr zu haben, hätte es hier Probleme gegeben. „In meinem konkreten Fall dauerte es ca. 30 Minuten, bis sich ein Krankenhaus fand, meine Frau als Notfallpatientin aufzunehmen“, schreibt er wörtlich. „Ich stand am Krankenwagen neben dem Notarzt und bekam mit, wie viele Telefonate geführt werden mussten, um ein freies Krankenbett zu finden. Obwohl der Leitstelle freie Kapazität gemeldet wurden, wollte kein Krankenhaus die Notfallpatientin aufnehmen. Erst nach einer Intervention durch den Notarzt erklärte sich das Asklepios-Fachklinikum in Brandenburg zur Aufnahme bereit“.

Trotz Viel-Telefoniererei zeitlich im Normbereich

Die Schuld für diese „Misere“, wie Joachim Tilse es nennt, sieht er unter anderem hierin: „ Durch die Privatisierung des Gesundheitswesens und dem damit verbundenen Gewinnstreben wurden viele kleine, in den Augen der Privatwirtschaft nicht rentable Krankenhäuser geschlossen.“ Doch so einfach scheint es im Notfall Christa Tilse nicht zu sein. Frank Ruth, Vorstand des Regionalverbandes Magdeburg - Jerichower Land des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), der auch in Genthin für den Rettungsdienst verantwortlich zeichnet, vollzieht den zeitlichen Ablauf im Gespräch mit der Volksstimme nach. „Um 20.03 Uhr klingelt es in der Rettungswache, um 20.08 Uhr war der Notdienst vor Ort. 20.38 Uhr fährt der Rettungswagen los und um 20.55 Uhr übergibt der Notarzt die Patientin an das Krankenhaus.“ An diesem zeitlichen Ablauf gebe es nichts auszusetzen, der liege auch in Anbetracht der Verdachtsdiagnose Schlaganfall im guten Normbereich.

Bei solchen wirklichen Notfällen, wie eben Verdacht auf Schlaganfall oder Herzinfarkt, brauche es aber eine entsprechend spezialisierte Diagnostik, so Ruth. Die halte nicht jedes (kleine) Krankenhaus vor, auch das Genthiner Krankenhaus habe die nicht gehabt. Auch eine Portalklinik oder eine 24-Stunden-Notversorgung, wie sie in Genthin begrüßenswerterweise wieder eingerichtet werden solle, könne eine solche Diagnostik ebenfalls nicht vorhalten. Würde aber sehr dabei helfen, den Genthinern dann eine Anlaufstelle zu geben, wenn kein Arzt in der Praxis mehr zu erreichen sei und sie auch beruhigen zu können, wenn dann wie nicht selten doch kein so schlimmer medizinischer Notfall vorliege.

Verdacht Schlaganfall nicht bestätigt

In Christa Tilses Fall habe das Nicht-Lockerlassen des Notarztes am Telefon dazu geführt, dass sie in die für ihren Fall geeignetste Klinik gekommen sei, in das Asklepios-Fachklinikum in Brandenburg. Die dortige Neurologie ist eine spezialisierte Fachabteilung mit eigenständiger Intensivstation und zertifizierter Schlaganfallstation (Stroke Unit), verfügt also über die besagten speziellen Diagnosemöglichkeiten. Der Verdacht auf Schlaganfall hat sich, so berichtet Joachim Tilse, glücklicherweise nicht bestätigt. Es sei ein Krampfanfall gewesen. Zwar sei man in Brandenburg zunächst davon ausgegangen, dass Christa Tilse ein Pflegefall bleiben werde, aber auch hier habe sich das Blatt gewendet. Jetzt soll sie in einer Rehabilitationsmaßnahme wieder so weit mobilisiert werden, dass sie danach weiter daheim bei ihrem Mann bleiben könne.

Warum die Krankenhäuser sich mitunter so schwer tun, dem Notarzt gleich beim ersten Anruf ein Bett für den Notfall zu bestätigen, haben die Volksstimme über die Kassenärztliche Vereinigung, über die die Notarzteinsätze koordiniert werden, angefragt. Die Antwort darauf steht aus.