Tradition

Erinnerungen in Reimen

Ihre Blütezeit erlebten Poesie-Alben im 19. Jahrhundert. Das Kreismuseum bewahrt Alben aus dem Jerichower Land auf.

Von Susanne Christmann

Genthin l „Edel sei der Mensch. Hilfreich und gut.“ Das ist höchstwahrscheinlich der meist verwendete Spruch in (deutschen) Poesie-Alben. In die meist fest eingebundenen, oft quadratischen Bücher mit weißen Seiten tragen Mitmenschen, auf die die Alben-Besitzer jeweils wert legen, üblicherweise zur Erinnerung auf die rechten Seiten Zitate in Form von Reimen und Versen ein und auf die linken Seiten Illustrationen in Form von Zeichnungen, Ornamenten oder speziellen Stammbuchbildern.

Auch in den beiden Poesie-Alben von Holger Teukes Eltern findet sich der Vers aus der Feder des deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe, mit dem dieser im Jahre 1783 seine Hymne „Das Göttliche“ beginnen lässt. „Mit diesem Spruch“, erklärt sich der leidenschaftliche Sammler alles dessen, was mit der Stadt Genthin und seiner Geschichte zu tun hat, die Beliebtheit dieses Verses „geht das Eintragen halt schnell.“ Und man kann mit ihm seit Goethes Zeiten kaum etwas falsch machen.

Denn obwohl ja in den Alben jene ihre Spur hinterlassen (sollen), die dem Inhaber oder der Inhaberin am Herzen liegen, kann es bei manchen Sprüchen auch Anlass für Verstimmung geben. Jedenfalls bei Antonia Beran, der Leiterin des Kreismuseums Jerichower Land. Frei nach Wilhelm Busch hatte ihr einst jemand mal diesen Spruch ins Büchlein geschrieben: „Mein Vater war schon öfter krank, jetzt raucht er wieder, Gott sei dank!“ Darüber, bekennt sie in einem Gespräch mit der Volksstimme, kann sie sich bis heute ärgern.

Beruflich hegt und pflegt sie im Kreismuseum Poesiealben, die zumeist aus Nachlässen von Personen aus dem Jerichower Land in den Fundus gelangt sind. Und die sind Anlass zur Freude, nicht für Ärger. Zum Beispiel ein Album aus dem Jahre 1873, in dem, wie Antonia Beran sagt, noch „wirkliche Poesie“ drinsteckt. Also in feinster Schönschrift notierte, selbst gedichtete, lange Verse, in denen es um den Pfad der Tugend und die moralischen Werte geht.

In einem anderen aus dieser Zeit finden sich neben den Eintragungen von Freunden und Freundinnen auch ein Pfefferkuchenrezept und andere handschriftliche Notizen. Schreibpapier war in diesem Haushalt offensichtlich Mangelware und durch verschiedene Hände ist es dabei auch gegangen.

Entgegen der Annahme, die politischen Verhältnisse oder Ideologien würden sich in Poesiealben kaum widerspiegeln, finden sich in Alben, die im Kreismuseum liegen, aus der Zeit der Naziherrschaft auch solche Sprüche wie „Du bist nichts, das Volk ist alles.“ Gleich neben Allerweltssprüchen wie „Gesundheit, Glück, Zufriedenheit erfreuen Dich zu jeder Zeit“, die bis heute gern für Eintragungen genommen werden.

Entstanden ist laut dem Internetlexikon Wikipedia der Brauch, guten Freunden Namen, Wappen und Wahlspruch in ein Büchlein zu schreiben, bereits im 16. Jahrhundert, vornehmlich unter Studenten. Im 18. Jahrhundert kamen zu den Sprüchen Widmungen und Zeichnungen dazu. Ihre Hochzeit erlebten die Poesiealben im 19. Jahrhundert. Vor allem Mitglieder von literarischen Zirkeln trugen sich gegenseitig mit Versen und künstlerisch anmutenden Beiträgen ein. Oft illustrierten getrockneten Blumen, geflochtene Haarsträhnen oder romantische Landschaftszeichnungen die Sinn- und Wahlsprüche. Im 20. Jahrhundert begannen Kinder bereits in der Grundschulzeit, solche Alben zu führen. Heute sind so genannte Freundschaftsbücher im Trend, in denen vorformulierte Fragen zur Person wie Spitzname, Hobbys oder Was kannst du am besten?, Das mag ich/mag ich nicht das Eintragen leicht machen.

Zur privaten Erinnerungskultur zählen für Antonia Beran auch die in der Blütezeit des Freundschaftskultes im 19. Jahrhundert üblichen Gedenkkärtchen zu den verschiedensten Anlässen und die Gedenkbilder. Zu einer Hochzeit wurde zum Beispiel aus einzelnen Haarlocken von den Schöpfen der Freunde ein kunstvoller Blumenstrauß gestaltet und hinter Glas gerahmt.

Die Altenplathowerin Burghild Koch kann ein weit verbreitetes Klischee widerlegen. Dass vor allem Mädchen die Poesiealbum-Tradition pflegen und die eingetragenen Sprüche bunt illustrieren und verschönern würden. Die 76-Jährige, deren Poesie-Album in Hamburg bei ihrem Enkel gelandet ist, erinnert sich zwar nicht mehr genau an die Sprüche, die ihre einstigen Schulkameradinnen und -kameraden dort einmal eingetragen haben. Dafür aber an drei befreundete Jungen, die zu den Sprüchen nach ihrer Erinnerung auch „wunderbare Zeichnungen“ gestellt haben. Der eine habe eine tolle Rose gezeichnet, der zweite Schneeglöckchen und der dritte ein lustige Zeichnung mit einer Schnatterente und dem Spruch „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“. Was sich auf Burghild Kochs schon damals ziemlich flottes Mundwerk bezogen hat.

Holger Teuke indes, der in der Schulzeit selbst kein eigenes Poesiealbum angelegt und geführt hat, freut sich heute darüber, dass die beiden Alben aus dem Nachlass seiner Eltern bei ihm gelandet sind. Weil sie für den 57-Jährigen schöne, persönliche Erinnerung an die beiden sind. Am besten gefällt ihm übrigens folgender Spruch, den ein Günther Mücke aus Frose seinem Vater Heinz am 30. Januar 1951 ins Album geschrieben hat: „Wer nicht zufrieden ist, mit dem, was er hat, der wäre auch nicht mit dem zufrieden, was er haben möchte.“