Tucheim/Paplitz l Das Einmaleins der Fangjagd gehört zwar zum Grünen Abitur, praktiziert wird sie jedoch von verhältnismäßig wenigen Weidmännern. Etwa 1000 sind es bei dieser Größenordnung in Deutschland, weiß Marcus Stingl zu berichten. Rings um den Fiener, auch in Karow und Tucheim, ginge man wie in Paplitz der Fangjagd nach.

Täglich unterwegs

In anderen Bundesländern bereits üblich, brauchen Weidmänner für die Fangjagd in Sachsen-Anhalt bisher noch keine gesonderte Befähigung nachzuweisen. Wenn die eines Tages abverlangt würde, würde sie für den Paplitzer Fangjagd-Experten, wie es Marcus Stingl mittlerweile ist, sicherlich keine allzu hohe Hürde darstellen. Dass er mit seinem Caddy und dem Wachtel-Rüden Ronny täglich in der Paplitzer Gemarkung unterwegs ist, gehört mittlerweile irgendwie zum Puls des Fieners dazu. Seit mittlerweile neun Jahren übt Stingl die Jagd aus. Aus Interesse an der Natur, merkt der junge Mann nur kurz an. Familiär sei er jagdlich nicht vorbelastet.

Statt Trophäen 24-Stunden-Dienst

„Natürlich ist es für einen Weidmann ein großes Gefühl, einen sauberen Schuss einem Stück Wild anzutragen, doch die Fangjagd gehöre nunmal zum jagdlichen Handwerk dazu“, sagt Stingl konsequent. Nichts mit stattlichen Trophäen und Keilergewaff, dafür 24-Stunden-Dienst an allen Wochen-, Sonn- und Feiertagen. Alles für eine Hege mit Mehrwert. Sie kommt den Wiesenvögeln, dem Niederwild und den Trappen zu Gute, dient der Biotopverbesserung und trägt dazu bei, dass das ökologische Gleichgewicht im Fiener Bruch gewahrt wird. Stingl bringt das Prinzip dieser Hege für die schützenswerten Arten scherzhaft auf den Punkt: „Nicht gefressen werden und dann kommt schöner Wohnen.“

Die Fangjagd hat damit längst das jahrhundertealte Image der Wilddieberei abgestreift. Völlig out und gesetzlich verboten sind beispielsweise Tellereisen und alles, was nicht sofort tötet. Selbstgebaute sind strengen, nach Maßgaben des Tierschutzes entwickelte Fallen gewichen. „Lebend unversehrt“, wie Marcus Stingl es weidmännisch ausdrückt, müssen die tierischen Räuber in die Falle gehen.

30 mit Funkmeldern ausgestattete Fallen sind in der Paplitzer Gemarkung aufgestellt, an deren Finanzierung sich der Förderverein Großtrappenschutz über EU-Fördermittel beteiligt hat. Sitzt ein Räuber in der Falle, wird der Jäger elektronisch benachrichtigt, um das Tier umgehend aus der Falle zu befreien. Steht solch hochmoderne Technik der Fangjagd nicht zur Verfügung, ist der Jäger von gesetzeswegen verpflichtet, zweimal täglich die Fallen zu kontrollieren.

Kein Stress für den Räuber

„In einer Betonwipprohrfalle, die wir in der Gemarkung Paplitz verwenden, sitzt das Raubwild in totaler Finsternis, so dass es fest schläft und keinen Stress hat, bevor die Falle geöffnet wird“, erklärt Stingl. Später wird dem gefangenen Raubwild in einem Fangkorb weidgerecht, ohne dass das Tier lange leiden muss, der Fangschuss angetragen. Das erlegte Raubwild wird unter anderem in der Hundeausbildung für sogenannte Schleppen verwendet.

Gut erhaltenes Fell von Meister Reinecke, weidmännisch Balg genannt, geht zum Kürschner. Die Ergebnisse der Fangjagd dienen aber auch der Wildtierforschung. Wild, das nicht in die Falle gehört, wie zum Beispiel Hasen, entlässt Marcus Stingl wieder in die Freiheit. Mit wachem Jägerverstand haben Marcus Stingl und seine Mitpächter im vergangenen Jahr registriert, dass immer mehr männliche, junge Raubtiere bzw. Raubzeug in die Falle gegangen sind.

Sie kämen von außerhalb, seien sozusagen auf Wanderschaft, um sich neue Reviere zu suchen. „Es wandert deshalb mehr Raubwild zu, als im Revier reproduziert wird. Dann wird der Beutegreiferdruck auf die Wiesenvögel, Niederwild und auf die Trappen immer geringer“, gibt Marcus Stingl eine Situationsbeschreibung ab. Jäger wie Marcus Stingl, die der Fangjagd nachgehen, bleiben im Fiener nach diesem Urteil wohl weiter gefragt.