Auszüge aus dem offenen Brief der Genthiner Vereine

Stellen sie sich vor, in Genthin gäbe es keine Möglichkeiten, sich kulturell zu betätigen und auch keine derartigen Veranstaltungen. Keine Blasmusikkonzerte, keinen Karneval beim CCW und GCC, kein Weihnachtsmärchen von gat, keine Programme zum Valentinstag oder Frauentag, keine Veranstaltungen vom Schützenverein oder auch vom Tanz- und Turnschuppen.

Diese Vorstellung ist kein böser Traum, das ist jetzt die bittere Realität!

Zum 1. September 2019 wurden die bestehenden Nutzungsvereinbarungen gekündigt und die Vereine können das Stadtkulturhaus nicht mehr nutzen. Plötzlich gibt es keine Bühne mehr, keine Räume für Proben und andere kulturelle Betätigungen. Das kulturelle Leben in Genthin ist gelähmt, doch diesen Zustand können und wollen wir nicht akzeptieren.

Ab 2014 wurde zwischen der Stadt Genthin und der QSG mbH eine jährlich zu erneuernde Fördervereinbarung abgeschlossen, auf deren Grundlage die Stadt Genthin einen Festbetragszuschuss zahlt.

Im November 2018 wurde diese Fördervereinbarung nicht erneuert bzw. für 2019 nicht abgeschlossen. Als Anfang 2019 das Thema erneut auf der Tagesordnung stand, war es bereits zu spät, denn aufgrund des fehlenden Haushaltes der Stadt Genthin dürfen diese Mittel für freiwillige Leistungen nicht gezahlt werden. Doch ohne den Zuschuss der Stadt lässt sich das Stadtkulturhaus nicht betreiben. Somit verliert das kulturelle Leben in Genthin seine Basis.

Stirbt die Kultur – stirbt die Stadt.

Wir appellieren an alle, die sich mit der Kultur und den Vereinen in Genthin verbunden fühlen, sich gemeinsam mit uns für den Erhalt der lebenswerten Seite unserer Stadt und Region einzusetzen.

Genthin l In Genthin wird Roulette um das Stadtkulturhaus gespielt. Die Kugel rollt und gerät immer mehr außer Kontrolle. Verlierer sind schon jetzt die Vereine, die sich im Stadtkulturhaus eingemietet haben. Sie werden der Kündigung, die die QSG (Qualifizierungs- und Strukturförderungsgesellschaft) zum 1. September ausgesprochen hat, Folge leisten. Auch nachdem sie mehrheitlich gegen die Kündigung in Widerspruch gegangen sind. Es wird allerdings ein Abgang mit einem lauten Knall. Ein sicheres Indiz dafür ist ein Offener Brief unter dem Titel „Stirbt die Kultur – stirbt die Stadt“, den die Vereine am Montag an die Öffentlichkeit und an den Stadtrat gerichtet haben, um letzteren zum Handeln zu drängen.

Pikant: Der Offene Brief folgt auf einen glücklosen Dialog zwischen Vereinsvertretern und Bürgermeister Matthias Günther (parteilos) am Freitag, bei dem Gastronomen und Parchens Ortsbürgermeister Hubert Schwandt den Gekündigten Ausweich-Alternativen unterbreiteten. Genthins Bürgermeister wollte den Termin in seinem Krisenmanagement als „Kapital, das die Stadt in die Waagschale werfen kann“, verstanden wissen. Dieser Einsatz verfing jedoch nicht, die Vereine hörten sich zwar höflich die Angebote der Gastronomen an - mehr aber auch nicht. Der vom Bürgermeister erhoffte Befreiungsschlag blieb aus. Sebastian Haas (Lindenhof), Carsten Spitschan (Lehnshof), Birgit Buchmann und Torsten Wolter (Gleis 1) sowie Hubert Schwandt (Klapperhalle) unterbreiteten Angebote für eine unentgeltliche Raumnutzung mit der Option, Einnahmen bei Vereins-Veranstaltungen generieren zu können.

Stadt Genthin muss mehr liefern

Die Vertreter der Vereine machten allerdings sehr schnell klar, dass die Stadt mehr liefern müsse, als Ersatzkapzitäten anzubieten. Als der Bürgermeister nach einer Stunde das Treffen mit der Vorstellung der einzelnen Raumbedürfnisse beenden wollte, ignorierten dies ausnahmslos alle Anwesenden und setzten unaufgefordert die Runde fort.

Mit einem Umzug in andere Räume ist die Misere, in der die Vereine stecken, bei weitem nicht zu lösen. Ihre Verzweiflung ist groß. Günther wiederholte mehrfach, dass die Stadt bei einem nicht bestätigten Haushalt nicht für freiwillige Aufgaben aufkommen könne. Das überzeugt inzwischen nicht mehr. Es sei für den Bürgermeister und den Stadtrat an der Zeit, wie vor 30 Jahren zivilen Ungehorsam zu leisten, forderte Fritz Mund. Man sollte das Geld nehmen und ohne Haushalt der QSG überweisen.

Kündigung keine Option

Allein für die beiden Karnevalvereine, für das Amateurtheater, den Schützenverein und das Blasorchester, daran ließen deren Vertreter keinerlei Zweifel, gebe es keinen vollwertigen Ersatz für das Stadtkulturhaus. Das bringt dramatische Folgen für das Fortbestehen der kulturellen Landschaft mit sich. Die könnten sich bewegen zwischen komplettem Wegfall von Veranstaltungen und einer deutlichen Erhöhung der Ticketpreise. Eine Gemengelage, die nun eine Eigendymnamik erzeugt, deren Tempo die Vereine vorgeben. Das belegt der Offene Brief. Der Bürgermeister erhielt von Wolfgang Fleischer (GCC), Fritz Mund (CCW) und Jürgen Wagner (gat) die klare Ansage, dass die Vereine nicht bereit sind, sich als Spielball im Konflikt, den die QSG und die Stadt seit Monaten miteinander austragen, missbrauchen zu lassen. Die Kündigungen sind nicht der richtige Weg, die grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten auszuräumen, wurde Fleischer deutlich. „Wir erwarten jetzt von den Stadträten ein Bekenntnis für die Vereine“, forderte Jürgen Wagner. Der Stadtchef geriet in Bedrängnis, als Wolfgang Fleischer die Verwaltung anmahnte, zügig einen genehmigungsfähigen Haushalt auf den Weg zu bringen, um mit einer verspäteten Zahlung der ersten Zuschuss-Marge doch noch die QSG milde zu stimmen somit zum Einlenken zu bewegen. „Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll“, sagte Fleischer für den GCC. Nach der Sommerpause gibt es aus der Verwaltung bisher noch kein Signal, ob und wie es am Haushaltsentwurf einen Fortgang gibt. Gegenüber der Volksstimme wollte sich Günther aktuell dazu nicht äußern. Er wolle weder bestätigen noch dementieren, dass der Haushalt auf der nächsten Stadtratssitzung Ende September thematisiert werde. Vor den Vereinen versicherte er, dass jeden Tag an dem Haushalt gearbeitet werde. Gunnar Köppen vom Blasorchester stellte vor dem Hintergrund der Kündigung die Frage, ob die Stadt überhaupt finanziell in der Lage sein werde, die Bewirtschaftung des Stadtkulturhauses wie geplant ab 2022 zu übernehmen. Günther dazu: „Wir werden zur gegebene Zeit ein Bewirtschaftungskonzept vorlegen.“

Der Streit um die jährliche Zahlung eines Zuschusses für das Stadtkulturhaus, der in einer Vereinbarung festgeschrieben ist, nahm seinen Anfang, als der Bürgermeister Ende vergangenen Jahres den dazu notwendigen Stadtratsbeschluss ohne vorherige Absprache von der Tagesordnung nahm. Günther bezweifelt die Rechtmäßigkeit der von der QSG vorgelegten Betriebskosten-Verbräuche bis heute vehement. Als Kompromiss einigte sich der Stadtrat darauf, zunächst eine erste Rate in Höhe von 25 000 Euro zu überweisen, bis man sich auf einen tragfähigen Abrechnungsmodus geeinigt hat. Dazu kam es nicht.