Genthin l An hohen Feiertagen wie zuletzt Pfingsten finden sich viele Gläubige in den Kirchen ein. Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahl der Kirchenmitglieder zurückgeht. Das „Forschungszentrum Generationenverträge“ an der Universität Freiburg hat kürzlich Zahlen einer Studie vorgestellt, wonach die Zahl der Mitglieder bis zum Jahr 2035 um 22 Prozent und bis zum Jahr 2060 sogar um 49 Prozent zurückgeht.

Gründe dafür liegen darin, dass die Zahl der Sterbefälle deutlich über den Geburtenraten der getauften Kinder liegt. Daneben treten immer mehr Erwachsene aus der Kirche aus. „An den Zahlen ist etwas dran“, sagt Susanne Sperling, Sprecherin des Bistums Magdeburg. Der Rückgang in der Region Genthin liege im Schnitt bei 18 Prozent. „Uns beschäftigt der Rückgang schon lange, wir werden aber keine größeren Bereiche schaffen“, sagt Sperling. Bereits jetzt umfasse die katholische St. Mariengemeinde einen Bereich zwischen Genthin, Kirchmöser und Ziesar.

Bereits in der Vergangenheit habe man sich diesbezüglich angepasst. Im Bistum Magdeburg gibt es heute nur noch 44 Pfarreien. 1990 waren es noch 170. Bereits dies sei eine Folge der rückläufigen Mitgliederzahlen gewesen. Allerdings sei die Kirchengemeinde unverzichtbar für die Stadt Genthin. Als Träger der Caritas-Sozialstation, des Jugendhauses „Thomas Morus“ und der Kindertagesstätte „Sonnenschein“ sei die Gemeinde in der Gesellschaft verankert. Kirche sei Glaube und Gottesdienst, müsse sich aber auch neuen Formen des Gemeindelebens öffnen. „Wir müssen schauen, was die Menschen vor Ort an Angeboten haben möchten.“

140 Austritte

Auch in der evangelischen Kirche ist man aktiv. „Wir haben die Probleme des Mitgliederschwundes nicht in 40 Jahren, sondern bereits jetzt“, macht Ute Mertens, Superintendentin des Kirchenkreises Elbe-Fläming, deutlich. Im Vergleich von 2017 zu 2018 seien 500 Gemeindeglieder verloren gegangen, davon 140 durch Austritt. Insbesondere die Jüngeren würden der Kirche den Rücken kehren. „Das sind junge Erwachsene, die nach Ausbildung oder Studium zum ersten mal Geld verdienen und sehen, dass sie Kirchensteuer bezahlen“, bestätigt Mertens einen Fakt, der sich auch in der Freiburger Studie findet. Das evangelische Kirchspiel erstreckt sich heute von Genthin über Parchen, Mützel und Altenplathow bis zu den Jerichower Orten Brettin, Kade und Karow.

Fest steht, dass Veränderungen auf die Gemeinden zukommen. „Es wird nicht mehr überall wöchentlich einen Gottesdienst geben können.“ Stattdessen wird ein zentraler Gottesdienst, auch auf den Dörfern, für die ganze Gemeinde angeboten. „Es gibt Fahrdienste, mit denen die Menschen in die Kirchen gebracht werden.“

Wie sehr sich der Zuschnitt verändern wird, mochte Mertens noch nicht sagen. „Unser Bestreben ist es, die Menschen von uns zu überzeugen, in Genthin und den Orten gibt es viele Engagierte, durch die ein Gemeindeleben sehr umfänglich gestaltet wird“, lobt die Superintendentin. Sie müssten mit eingebunden werden, um künftig mit ungewöhnlichen und neuen Veranstaltungen Menschen zu erreichen.

Keine Ehrenamtler

Auch die Freikirchen sind betroffen. So hat etwa die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Genthin drastische Veränderungen hinter sich. Die Kinderfreizeitstube, Aussiedler- und Jugend-Treff, Jugend-Band und Familienhilfe seien bereits eingestellt worden, berichtet Pastor Karsten Wilke. „Der Pfadfinder- und Sprachunterricht für Aussiedler konnte nicht weiter betrieben werden, weil die Mittel aus öffentlicher Hand drastisch gekürzt wurden und auch, weil unsere kleine Gemeinde nicht die notwendige Anzahl an ehrenamtlichen Kräften stellen konnte.“ Die Freikirchen mit geringeren Mitgliederzahlen wie auch die Genthiner würden das Gemeindesterben schneller durchleben müssen.

„Eine Folge ist, dass sich Freikirchen nur noch auf Ballungsregionen konzentrieren können und so die kirchliche Vielfalt in ländlichen Regionen verloren geht.“ Auch schreite die Säkularisierung schneller voran, weil der pastorale Nachwuchs fehle und somit die Pfarreien immer größer würden.

Die Menschen wollten einen Glauben und seien auf der Suche. „Auf alle Fälle aber nach einem anderen Glauben als den althergebrachten. Verschwörungstheorien sind dabei in, Jesus ist out“, meint Wilke etwas provokativ. Wilke hofft, dass sich das Blatt vor 2060 wendet. „Bis dahin sind es oft unsere alten Geschwister in den Kirchengemeinden, die bis ins höchste Alter all ihre Kraft zum Wohle ihrer Mitmenschen geben.“