Schopsdorf l Dienstag, 9.30 Uhr in der oberen Etage des Schopsdorfer Feuerwehrgerätehauses. Gisela Böttcher und Erika Rehwagen, die beiden Chronistinnen des Dorfes, gehen, wie seit Jahrzehnten üblich, an diesem Wochentag ihrem Hobby und zugleich Ehrenamt nach. Die beiden erforschen die Historie des kleinen Dorfes, das in der großen Weltgeschichte in den vergangenen Jahrhunderten wohl nie eine größere Rolle gespielt hat.

Unerforschte Kapitel

Sie tun das mit voller Hingabe: Für ihr Dorf, im Verborgenen und akribisch. Stets neugierig, so manch unerforschtes Kapitel der Dorfgeschichte noch niederschreiben zu können. Dass die Zeit, die ihnen dafür bleibt, möglicherweise begrenzt sein könnte, dämpft die Begeisterung und Freude, mit der Gisela Böttcher (83) und Erika Rehwagen (80) am Werke sind, nicht.

Dabei sind schon mehr als zehn Jahre seit der Drucklegung der Schopsdorfer Chronik vergangenen – ein Ruhekissen sind die gesammelten „Episoden und Begebenheiten aus Schopsdorf“ deshalb noch lange nicht.

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Chronik wird nicht mehr verkauft

„Den Verkauf der Chronik haben wir inzwischen eingestellt, die verbleibenden Exemplare verschenken wir nur noch an Leute, die unsere Arbeit wertschätzen“, sagt Erika Rehwagen, als Ortsvorsteher Nils Rosenthal und sein Stellvertreter Jan Michelmann am Dienstag vorbeischauen.

In vergangener Zeit hätten sie eine öffentliche Wertschätzung ihrer Arbeit schon etwas vermisst, lassen sie gegenüber den Dorfchefs durchblicken. Aufgegeben haben sie trotzdem nicht, dazu bereite ihnen die Arbeit zu viel Spaß. Derzeit sind die beiden Ortschronistinnen auf der Suche nach alten Zeitungsausschnitten über ihr Heimatdorf. Die Dorfereignisse eines Jahres wollen sie anhand von Veröffentlichungen kompakt erfassen und zu einem Jahrhundertrückblick zusammenfügen.

Noch viele Ideen

An Ideen und Vorhaben mangelt es den beiden nicht. Beide brillieren im Gespräch mit Nils Rosenthal und Jan Michelmann mit detailreichen Kenntnissen der Schopsdorfer Heimatgeschichte, das einfach nur staunen lässt. „Man kann sich mit allen Zeiten unserer Dorfgeschichte beschäftigen. Eigentlich geht es immer nur um eins: Ums Geld“, kann Erika Rehwagen die beiden Dorfchefs erheitern.

In einer Sisyphusarbeit ist es Gisela Böttcher gelungen, nach einem alten fiscalischen Verwaltungsdokument aus der Kaiserzeit, einer sogenannten Summarischen Mutterrolle, einen Lageplan für Schopsdorf mit der namentlichen Benennung der Hauseigentümer zu entwerfen. Die alten Häuser Schopsdorfs bekommen somit einen Namen und eine Geschichte, die sich einige Generationen zurückverfolgen lässt.

Schwer entzifferbare Unterlagen

Auf dem Tisch liegen am Dienstag etliche Kopien von historischen, schwer zu entziffernden Unterlagen, die sie bei ihrem jüngsten Besuch im Landesarchiv Magdeburg für eine Aufarbeitung organisiert haben. Ohne Lupe geht hier gar nichts. Arbeiten im Archiv, die Nutzung von Lesesälen, das Studieren von alten Kirchenbüchern – Erika Rehwagen und Gisela Böttcher setzen neben mündlichen Überlieferungen von Altvorderen auf ein fundiertes Quellenstudium in Archiven Sachsen-Anhalts und Brandenburgs.

„Aber“, gibt Gisela Böttcher zu bedenken, „wir sind beide nicht mobil und sind bei Archivbesuchen immer auf jemand angewiesen, der uns mit dem Pkw beispielsweise nach Magdeburg fährt.“ Finanziell unterstützt werden die beiden Seniorinnen vom Schopsdorfer Heimatverein, der unter anderem für Materialkosten oder Kosten für Kopien aufkommt. „Wenn es nicht reicht, greifen wir schon mal in die eigene Geldbörse“, sagt Erika Rehwagen.

Ersterwähnung umstritten

Die Erforschung der Schopsdorfer Heimatgeschichte wird garantiert nicht ein Auslaufmodell, da sind sich die beiden Damen sicher. Dringender Klärungsbedarf bestünde nach Meinung der Ortschronisten beispielsweise bei der ersten urkundlichen Erwähnung des Dorfes Scrapstorf, die für das Jahr 1329 festgeschrieben ist. Die Urkunde könnte auch aber auch auf ein Dorf gleichen Namens bei Berlin beziehen.

Und dann ist das ja noch das 300-jährige Bestehen des „Dorfkruges“ und der Nachweis, dass in Schopsdorf einst eine Kirche stand, die vermutlich in den Wirren des 30-jährigen Krieges Schaden genommen hat ...