Burg/Jerichow l Die Fachleute des Landeshochwasserbetriebs LHW hatten sich nach der Extremflut im Juni 2013 Gedanken gemacht, wie solch Jahrhunderthochwässern zukünftig begegnet werden könnte. Dabei untersuchten Experten rund um Direktor Burkhard Hennig die hydrologischen Verläufe an Hand eines flächendeckenden digitalen Geländemodell mit allen Höhenangaben. So konnten die Planer sehen, wo das Wasser im Extremfall hinläuft, gebe es keine Deiche, sagt Wasserbau-Experte Frank Friedrich vom LHW. „Wir sind nun mal kein Hochwasserentstehungsgebiet“, so der Ingenieur. Sachsen-Anhalt sei Transitgebiet für die Wassermassen und „da müssen wir Wege finden, die Gefahren so gut wie möglich durch unser Land zu leiten“. Deicherhöhungen werden auch in Zukunft nicht ausreichen, sind sich die Fachleute sicher und haben dabei die letzten Hochwasser im Blick.

Im Jerichower Land werden für mehrere Millionen Euro Deichsanierungen durchgeführt, aktuell auch in der Einheitsgemeinde Jerichow. Neben dem Deichbau, der die Erhöhung wie auch Erneuerung umfasst, müsse man den Flüssen wieder mehr Raum geben. „Das ist eine Generationenaufgabe“, so Hennig. Mehr Platz für Flüsse heißt: Deichrückverlegungen und das Schaffen von Überflutungsflächen. Die heißen in der Fachsprache der Wasserbau-Spezialisten Retentionsgebiete. Für Sachsen-Anhalt sind auf knapp 11 000 Hektar bis zu 23 Standorte für solche Baumaßnahmen vorgesehen: Fünf Hochwasserpolder und 18 Deichrückverlegungen. Davon wurden zwölf Projekte in das Nationale Hochwasserschutzprogramm „Mehr Raum für unsere Flüsse“ aufgenommen.

Flutflächen gesucht

Gesucht wurden Flutflächen an Elbe, Saale, Mulde und Weißer Elster. Fundament für eine weitere Betrachtung waren folgende Aspekte: So sollten möglichst keine Dörfer umgesiedelt, keine Autobahnen und Gleise verlegt und auch keine Naturschutzgebiete zu stark beschnitten werden. „Wir wollen uns auch nicht jahrelang vor Gerichten herumstreiten“, sagt Henning, „sondern schon in der Projektierungsphase mit den Betroffenen ins Gespräch kommen und sie in die Planungen mit einbeziehen.“

Nach Prüfung der drei Kriterien empfiehlt sich für das Jerichower Land die Errichtung eines Polders im Gebiet Schartau-Blumenthal. Der Polder wirkt wie eine riesige Badewanne. Damit würden elbabwärts gelegene Gemeinden wie Parey, Jerichow oder Fischbeck entlastet. Bei der Juniflut 2013 waren dort nach einem Deichbruch 150 Quadratkilometer Land untergegangen - eine Fläche, dreißigmal so groß wie der Arendsee. An die dramatischen Umstände in Fischbeck können sich noch viele erinnern. „Nach unseren Berechnungen würde sich durch die Überflutungsfläche bei Schartau die Flutspitze um zirka 20 Zentimeter reduzieren“, erklärt Henning. Das wäre vielleicht das entscheidende Stück Deichwall gewesen, um die Überflutung der Flächen nördlich von Jerichow zu verhindern. Vom Standpunkt des Polders werden diese Gebiete im Wasserrecht als Unterlieger bezeichnet. „Wir stehen durch die Flüsse in Verbindung miteinander und sind deshalb eine Solidargemeinschaft“, sagt Direktor Henning.

Schutz der Unterlieger

Deswegen kommen Hochwasserschutzmaßnahmen oft mehr den sogenannten Unterliegern zugute, wie etwa Wittenberge und sogar Hamburg. Sachsen-Anhalt profitiere unter anderem von Poldern und Deichrückverlegungen an der Mulde und Elbe im Bereich Sachsen und Tschechien. Hennig vergisst nicht, auf die Konsequenzen dieser Vorgehensweisen aufmerksam zu machen. Diese Freigabe, besser Rückgabe, von Arealen hat Auswirkungen auf Schutzzonen wie das Fauna-Flora-Habitat Elbaue Jerichow (FFH) und die Elbe bei Jerichow.

Noch kein Zeitplan

Landwirtschaftliche Nutzflächen müssen besonders beobachtet und überprüft werden, da durch Überflutungen erhöhte Giftstoffeintragungen erfolgen könnten. „Wir wissen um die zahlreichen Auswirkungen, die der Hochwasserschutz mit sich bringt“, sagt Burkhard Henning und wünscht sich ein Miteinander mit den betroffenen Anliegern. Um hier rechtzeitig Lösungen zu finden, habe sich im Land eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich mit den landwirtschaftlichen Problemen und eventuellen Ausgleichzahlungen beschäftige.

Einen Zeitplan gebe es konkret noch nicht. Aus diesem Grund stelle der Landesbetrieb das Projekt Polder vor, „lange bevor wir in die konkreten Planungen gehen“.