Jerichow l Die am 1. April beschlossene Düngemittelverordnung ist eine davon und treibt auch den Bauern in der Jerichower Region die Zornesfalten auf die Stirn. „Wenn aus einer Pflanzkartoffel zehn Knollen wachsen sollen – dann muss ich die Pflanzen ernähren und das geschieht mit Mist, Gülle und Mineraldünger“, erklärt der Klietznicker Landwirt Henk Heringa. Der Boden halte das nicht oder zu wenig Düngen ein paar Jahre aus, doch die Pflanzen zehren dann von der Substanz und der Boden lauge regelrecht aus. Das führt unter anderem dazu, dass bestimmte Getreidesorten, wie Brotweizen, nicht mehr angebaut werden können. Das geerntete Getreide, so der Landwirt, wird auf Eiweißgehalt, Korngröße und noch andere Parameter geprüft. „Dann erfolgt die Einstufung – ist es Brotgetreide oder kann es nur für die Tierfütterung verwendet werden. Und so setzt sich der Preis fest.“ Werden aus hochwertigen, Ertrag führenden Böden nach und nach minderwertige Flächen, gleiche das einer schleichenden Enteignung.

Niels Wrogemann bewirtschaftet zusammen mit Steffen und Dieter Northe aus Fischbeck die Klosterdomäne in Jerichow. Auch er sieht sich ständig von der Politik in die Pflicht genommen und das ohne Grund. Die neuen Gesetze stellen die Landwirte vor neue Probleme: „Erstens fehlt uns die Investitionssicherheit, zweitens müssen wir jetzt noch mehr Nachweise führen und drittens wollen wir doch einfach nur unsere Äcker bestellen und zur Versorgungssicherheit mit heimischen Lebensmitteln beitragen.“ Das trotz der Corona-Pandemie mit all ihren Auswirkungen, wie geschlossene Grenzen, Unterbrechung der Lieferketten und fehlende Arbeitskräften in der Landwirtschaft, dennoch die neue Düngemittelverordnung fast unbemerkt von der Öffentlichkeit beschlossen wurde, können sie nicht verstehen. Gerade jetzt müssten die Politiker und auch die Menschen, die Landwirtschaft nur aus dem Supermarkt kennen, darauf dringen, in der einheimischen Lebensmittelproduktion ein gewisses Maß an Autarkie zurückzugewinnen, heißt es unter den Bauern. Wrogemann sagt, dass alle zwei, drei Jahre neue Grenzwerte und Höchstmengenvorgaben jegliche Planung in Frage stellen. Für die Lagerung der Rindergülle muss er Silos bauen lassen. Jetzt neue zu errichten mache keinen Sinn, wenn sie sich schon in der Bauzeit als zu klein herausstellen, weil in der Planungs- und Bauzeit wieder Gesetze geändert werden. Menschen, die solche Bestimmungen ausarbeiten und dann beschließen, wissen nicht, „wie wir Bauern wirtschaften“, sagt der Klietznicker Heringa. „Doch auch wir können und müssen rechnen!“

Denn viel hilft nicht viel und Dünger, egal woraus er besteht, kostet Geld und das Aufbringen auf die Felder Zeit. Den Bauern werde unterstellt, falsch und zu viel zu düngen. Doch die Landwirte sind im Umgang mit den verschiedenen Düngerarten ausgebildet und wissen, was auf dem Feld zu tun ist und was nicht. „Bevor gedüngt wird, muss berechnet werden“, sagt Heringa. Zur Düngemittel-Bedarfsberechnung werde auch die Düngung der letzten Jahre hinzugezählt, Bodengüte und Nährstoffverbrauch der jeweiligen Pflanzen komme dazu. Es werden Bodenproben entnommen und dessen Aufnahmefähigkeit festgestellt. „Daraus ergebe sich die Menge, die wir einbringen dürfen und daran halten wir uns auch.“ Schließlich habe man als Landwirt Verantwortung für die Natur und die nehmen Wrogemann, Northe und Heringa wahr.

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Bauern denken langfristig, in Generationen, und wissen den Umgang ihrer Ahnen mit dem Boden zu schätzen, „und die Flächen wollen wir an unsere Nachkommen weitergeben, damit sie selbst auch sähen und ernten können.“

Den Bauern wird vieles angelastet, so die Nutzung von Schädlingsbekämpfungsmitteln oder die Nitratbelastung des Grundwassers. Willkürlich festgelegte Messstellen, so zur Nitratmessung, sollen Vorwürfe untermauern und die verschärften Gesetze rechtfertigen. Da passieren dann solche Schildbürgerstreiche, so erzählt ein Landwirt, dass Messstellen ausgerechnet neben Mistlagerstätten eingerichtet werden. Dieser örtlich begrenzten Wert wird dann als Maßstab für den Düngereintag eines größeren Areals genutzt, „obwohl die Werte schon 20 Meter daneben unterhalb des Grenzwertes liegen.“

Heringa spricht auch die letzten Jahre an – Dürrejahre, wie nicht nur er sagt. Wenn Bauern zwei Jahre hintereinander Einbußen von 50 Prozent ihrer Erträge verkraften müssen, machen das auch keine Beihilfen und Fördermittel wieder wett. Wichtig ist den Landwirten, dass ihre Arbeit wertgeschätzt wird, und das geschieht über den Preis. Er bekomme für einen Liter Milch 33 Cent. Darin verstecken sich Futter, Tierarzt, das Melken und der Transport der Milch. Kein realer Preis, gemessen an den Aufwendungen. In der Direktvermarktung setzt Heringa den wirklichen Erzeugerpreis an, und weil die Kunden um den Wert dieses regionalen Produktes wissen, bezahlen sie ihn auch. „Wir sind mit unserem vor Ort produziertem Fleisch, Getreide und Milch ökologischer als die Lebensmittel, die um die halbe Welt transportiert werden.“ Er wünscht sich, dass das Bewusstsein für gute regionale Grundnahrungsmittel wieder mehr wächst und die Menschen vor Ort kaufen: „Dann bleiben Geld, Arbeitsplätze und Menschen in der Region.“

Niels Wrogemann, Henk Heringa und viele anderen Bauern aus dem Elbe-Havel-Winkel sind bereit, für ihren Berufsstand zu kämpfen, deshalb beteiligen sie sich auch an Bauern-Demonstrationen. Jetzt, in der Ausnahmesituation der Pandemie, sehen sie von weiteren Demos ab, obwohl es genug Gründe dafür gebe. „Wir sind uns hier alle einig, dass wir jetzt erstmal unsere Arbeit machen müssen“, so die Landwirte.

Ersichtlich ist, dass sich die Bauern täglich mühen – auf den Feldern, in den Ställen und im Büro. Im Gegenzug werden sie von der Politik ständig behindert, wie Heringa sagt, und er hofft, dass sich die Ansichten ändern „und die Systemrelevanz des Landwirtes anerkannt wird“.