Genthin/Berlin l Was für eine Überraschung für die Berliner Seniorin Renate Bergmann: „Bei der Bank haben die Aktien für mich gekauft. Ich war fix und fertig, da nuschelte der Bankmensch, dass die Papiere von 30 Euro auf 280 Euro das Stück gestiegen sind, und aus meinen 8000 Euro wären… Rechnen Se mal!..“

Alle reden von Banken- und Finanzkrise, Renate Bergmann kommt ganz unverhofft zu Geld. Nun gilt es den Reichtum vor Tochter Kirsten zu schützen, mit Gertrud, Ilse und Kurt zu feiern und mit Stefan und seinen Liebsten zu teilen. Das ist nur eine Geschichte, die den Lesern im heute erscheinenden sechsten Renate-Bergmann-Roman „Wer erbt, muss auch giessen“ die Lachtränen in die Augen treiben wird. Humorvoll, sarkastisch und mit einem Augenzwinkern wird der Alltag der 82-jährigen Rentnerin beschrieben. Auch andere Fragen treiben die findige Seniorin um: „Wer bekommt welche Dinge, wenn ich mal nicht mehr bin, wer kümmert sich um die Grabstelle“, sagt Autor Torsten Rohde, der aus Genthin stammt und mittlerweile nach Berlin gezogen ist.

Twitter-Oma wird Kultfigur

Er hat die Figur der Renate Bergmann vor einigen Jahren quasi über Nacht erschaffen und unter ihrem Namen einen Twitter-Account eingerichtet. Die regelmäßig veröffentlichten Tweets voller Hintersinn, Altersweisheit und kleinen Gehässigkeiten, wurden schnell zum Kult in der Internetgemeinde. 22 000 Follower fanden sich regelmäßig auf der Seite von Renate Bergmann ein um neues über „Händi“, „Fäßbuck“, Arztbesuche und Grabpflege zu erfahren. Vor zwei Jahren veröffentlichte der Rowohlt-Verlag den ersten Roman „Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker“, der prompt in der Spiegel-Bestsellerliste emporkletterte.

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In regelmäßigen Abständen gab es neue Publikationen in denen der Mikrokosmos der Ü-80-jährigen Berlinerin immer weiter ausgesponnen wurde. „Mittlerweile hat Renate Bergmann ein regelrechtes Eigenleben entwickelt“, sagt Autor Torsten Rohde, der sich für seine Romanfigur aus der Verwandtschaft, aber auch aus genauen Beobachtungen seiner Umwelt inspirieren lässt. Vielleicht sind die kleinen Verwerfungen im Alltag deshalb auch so treffend und liebenswürdig geschildert, dass sich letztlich niemand durch die Bergmannsche Kodderschnauze verletzt fühlt. „Die ist genau wie meine Oma“, sagen Besucher oft, meint Rohde. Man müsse nur die Augen und Ohren offen halten, überall gibt es Stoff für neue Werke. Eigene Erlebnisse oder Begebenheiten übersetzt der 41-Jährige auf „renatisch“, wie er selbst sagt. „Natürlich hat Renate Bergmann auch eine ganz eigene Art Fußball zu schauen und fragt sich, ob wir die Blauen oder die Weißen sind“, gibt Rohde schon einen Vorgeschmack auf künftige Werke.

Im Oktober Lesung in Genthin

Die bisherigen Veröffentlichungen sind bereits Inhalt unzähliger Lesungen, die Rohde selbst landauf landab veranstaltet hat. Auch ein Theaterstück mit Renate-Bergmann-Monologen ist entstanden und lief im vergangenen Jahr mit der Schauspielerin Anke Siefken in der Hauptrolle im Theater Ulm. Das Stück ist mittlerweile auch an das Theater Zürich verkauft worden. Siefken verkörpert die Figur auch in einer Lesereise, die sie gemeinsam mit Torsten Rohde auch nach Genthin führen wird. Anke Siefken geht in der Rolle auf. „Immer wollte ich schon eine starke Frauenfigur in einem Monolog auf die Bühne bringen, Renate Bergmann ist genau die Person, die diese Darstellung hergibt.“ Rohde selbst ist bis weit ins Jahr 2017 mit Lesungen ausgebucht. „Leider wird nicht mehr so viel Zeit für Lesungen in meiner Heimatregion sein“, bedauert er, freut sich aber auf den Auftritt im Stadtkulturhaus Genthin am 22. Oktober.

„Es ist fast eine Lesepremiere des neuen Romans, nur in Haldensleben sind wir damit zuvor.“ In der Bördestadt war Rohde mit einer Bergmann-Lesung innerhalb eines Jahres ganze drei Mal. Jedes Mal waren die Lesungen volle Erfolge. „Nach Genthin wollten wir aber unbedingt ebenfalls“, sagt Rohde. Zum ersten Mal wird Anke Siefken die Rolle der Twitter-Oma in der Kanalstadt spielen. Das Duo hofft nun auf großes Interesse. Ähnlich wie in der Bundeshauptstadt. Dort waren zwei Veranstaltungen im Berliner Kabarett „Diestel“ so schnell ausverkauft, dass eilig ein weiterer Termin anberaumt werden musste.

Das neue Werk wird, wie die Vorgänger auch als Hörbuch erscheinen. Wieder leiht die Schauspielerin Marie Gruber dem Berliner Original Renate ihre Stimme. In einem heute auf Rohdes YouTube-Kanal veröffentlichtem Video dürfen die Zuschauer hinter die Kulissen der Produktion schauen. Marie Gruber erzählt darin, dass sie gleich von der Twitter-Omi begeistert war. „Ich habe den ersten Roman gelesen und gedacht, Mensch was für eine tolle Frau, die will ich kennenlernen.“ Erst einige Zeit später eröffnete ihr eine Verlagsmitarbeiterin: „Die rüstige Oma ist ein Mann in den 40ern.“ Es seien einfach Geschichten aus dem Leben.