Genthin l Wenn es eine Regentrude gibt, muss sie bei Genthin in einen Tiefschlaf gefallen sein. Der dicke Schlamm auf dem Grund des Mühlengrabens, seit mittlerweile gut drei Wochen von Wegesrändern und Straßen aus gut einsehbar, verkrustet nach und nach. Jegliches Leben scheint der Hitze gewichen zu sein.

Keine vergleichbare Situation

„Es ist ein Jammer, dem wir nahezu tatenlos zuschauen müssen“, sagt Lothar Koch, Geschäftsführer des Unterhaltungsverbands Stremme-Fiener Bruch. In der Obhut des Unterhaltungsverbandes liegt die Bewirtschaftung des insgesamt 6688 Meter langen Mühlengrabens als ein Gewässer II. Ordnung. Der Meliorations-Ingenieur ist ein alter Hase in seinem Metier, kennt sich aus, wenn es um die Unterhaltung des Mühlengrabens geht. Doch auch er habe in den knapp 30 Jahren seiner beruflichen Tätigkeit im Verband eine vergleichbare Gewässer-Situation wie sie aktuell besteht, nicht erlebt.

Selbst für die älteren Genthiner, für deren Generation Ingrid Kroll (77) steht, ist das ausgetrocknete Bett des Mühlengrabens ein Phänomen. „Ich las vor einigen Tagen, dass es vor 55 Jahren eine ähnliche Dürre wie jetzt gegeben habe. Damals hatten wir offensichtlich Glück. Ich habe in den 1940er Jahren meine Kindheit am damaligen Torfschifffahrtskanal verbracht. Ich kann mich an kein einziges Jahr erinnern, in dem der Graben ausgetrocknet war, wobei der Wasserstand seinerzeit viel höher als heute war.“

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Wasser fehlt weiterhin

Einen kleinen Vorgeschmack auf trockene Zeiten gab es allerdings schon im Jahr 2017. So sorgte der Biber mit seinen Burgen für einzelne trockene Abschnitte zwischen Mützel und Genthin.

Es gebe viele besorgte, aber auch aufgebrachte Anfragen von Bürgern. „Es hilft alles nichts“, sagt der Geschäftsführer, „es fehlen das Wasser und die Niederschläge“.

Kaum Niederschläge

Die Niederschlags-Aufzeichnungen, die im Unterhaltungsverband geführt werden, belegen dies. Demnach fielen im Mai im Zuständigkeitsbereich des Verbands am 16., 28. und 31. des Monats Niederschläge von insgesamt 9,2 Millimetern pro Quadratmeter.

Im Juni summierten sich die Niederschläge vom 4. und 22. des Monats auf magere 3,2 mm. Das Durchschnittsmittel der beiden Monate lag im Vorjahr bei 53 mm. Auch dieser Wert lag bereits unter den üblichen Niederschlagsmengen der Vorjahre, der sich bei 65 bis 70 mm für unsere Region eingepegelt hat.

Wasser abgeleitet

Um den Mühlengraben mit Wasser zu speisen, habe man das Wehr des Fiener Hauptvorfluters dichtgemacht, um so das ankommende Wasser aus dem Fiener in den Mühlengraben abzuleiten. Gebracht habe dies nichts. Das Wasser habe gerade erst Mützel erreicht. „Mehr war nicht drin, für Genthin hat es nicht gereicht. “

Illusionen, dass sich die Natur aus eigener Kraft behelfen werde, macht sich Lothar Koch längst nicht mehr. „Flora und Fauna gehen kaputt.“ Nur ein geübtes Auge würde gegenwärtig im Schlammgrund des Mühlengrabens noch den Schlammpeitzker, als Schmerlen-Gattung ein typischer Schlammbewohner, ausmachen können.

Verendete Fische, der Fischbestand in dem Gewässer ist seit den 1990er Jahren ohnehin dezimiert, wird man allerdings vergeblich suchen. Vögel und Störche haben sich längst an den Fisch-Kadavern bedient.

Fiener saugt Wasser auf

Auch wenn die Meteorologen eine Regenwahrscheinlichkeit für die Region Genthin von 80 Prozent prognostizieren, hat Lothar Koch keine großen Hoffnungen, dass sich mit diesen langersehnten Niederschlägen schlagartig die Situation des geschundenen Mühlengrabens verbessern würde.

Der Fiener als Wasser-Reservoir für den Mühlengraben würde als Moor die Wassermassen aufsaugen und so zunächst einmal die Niederschläge binden. Bis das Bruch wieder Wasser in die Gräben abgeben werde, verginge schon einige Zeit, erklärt der Geschäftsführer.

Noch im Juni wurde durch Mitarbeiter des Verbandes entlang des innerstädtischen Bereich des Grabens eine Handkrautung vorgenommen. Die Regentrude hat dies offensichtlich verschlafen.