Halberstadt l Was ist am 11. August passiert und was in der Nacht zum 16. August? Sind tatsächlich Wachleute der Zast mit unverhältnismäßiger Gewalt gegen zwei syrische Bewohner vorgegangen, wie diese angeben? Oder agierten die Sicherheitsleute angemessen-korrekt? Und: Was passierte gegenüber einem ausländischen Wachmann, der ebenfalls einen Übergriff mit Körperverletzungen angezeigt hat? Fragen, denen nunmehr Staatsschutzbeamte des Harzer Polizeireviers aufgrund von insgesamt drei Strafanzeigen nachgehen.

Reviersprecherin Nadine Sünnemann hat sowohl die Anzeigen als auch die Aufnahme von Ermittlungen am Donnerstag auf Anfrage gegenüber der Volksstimme bestätigt. Nach ihren Informationen soll sich der erste Vorfall bereits am Dienstag, 11. August, in der Zast ereignet haben. Laut Anzeige werfe ein 28-jährigen Syrer insgesamt neun Wachleuten vor, ihn vier Stunden lang in einer Abstellkammer eingesperrt zu haben. Zudem habe ihn ein Wachmann bedroht, so der Syrer, der erst am Mittwoch dieser Woche im Beisein eines Dolmetschers Anzeige erstattet hat.

Auslöser des Zwischenfalls war laut Polizei wohl der Versuch des Syrers, innerhalb der Zast einen anderen Wohnblock als den eigenen zu betreten. Daraufhin soll es zum Konflikt gekommen sein.

Zumindest die Abfolge und die Faktenlage klingen nach Recherchen der Volksstimme plausibel. Nach dem Auftreten zahlreicher Covid-19-Infektionen im Frühjahr in der Zast gelten dort nunmehr strengere Abstandsregeln. So dürfen sich die Bewohner zwar auf dem Freigelände treffen – allerdings ist nur das Betreten ihres eigenen Wohnblocks und ihren direktes Wohnumfelds erlaubt. Im konkreten Fall soll es zum Streit zwischen Asylbewerber und Wachmännern gekommen sein, als der Syrer unerlaubt einen anderen Wohnblock betreten wollte, heißt es seitens der Polizei.

Ob dies alles tatsächlich so passiert ist und die Wachleute mit angemessenen Mitteln agiert haben oder übermäßige Härte im Spiel war, sollen die polizeilichen Staatsschützer nun im Zuge ihrer Ermittlungen wegen Freiheitsberaubung und Bedrohung klären. Dabei stellt sich insbesondere die Frage, ob es tatsächlich jene von 17 bis 21 Uhr andauernde Freiheitsberaubung mit Einsperren in einer Abstellkammer gegeben hat.

Zu weiteren Details – auch zur im Raum stehenden Bedrohung, die der Syrer den Wachleuten vorwirft – will sich Reviersprecherin Nadine Sünnemann mit Blick auf die laufenden Ermittlungen nicht äußern. Nach Informationen der Volksstimme soll sich die Bedrohung wohl indirekt auf illegale Drogengeschäfte in der Zast bezogen haben. Ein Wachmann soll den 28-Jährigen wohl zu Spitzeldiensten in der Drogenszene genötigt und andernfalls Drohungen signalisiert haben.

„Sollte sich im Zuge der Ermittlungen herausstellen, dass meine Mitarbeiter Grenzen überschritten und Fehler gemacht haben, werden wir sofort reagieren und sie vom Dienst suspendieren.“

Lars Resenberger, Sprecher der City Schutz GmbH

Zum zweiten Vorfall soll es laut Anzeigenerstatter in der Nacht zum Sonntag, 16. August, gegen 1 Uhr gekommen sein. Nach eigener Darstellung wurde ein 33-jähriger Syrer zunächst beim Betreten der Zast kontrolliert. Als er wenig später am Eingang zu seinem Wohnblock erneut seinen Hausausweis zücken sollte, soll es zum Disput gekommen sein. Dabei, so der Vorwurf des Anzeigenerstatters, sollen ihn sieben Wachschutzleute zu Boden gebracht haben.

Auch hier gibt es laut Polizei Fakten, die zumindest einen Zwischenfall erkennen lassen. So habe bereits am Montag, 17. August, ein 21 Jahre alter Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes einen Vorfall in jener Nacht angezeigt, so Sünnemann. Dabei habe der 21-Jährige Kratzspuren erlitten.

Nunmehr stehen mit Blick auf diesen Vorfall eine einfache Körperverletzung, die dem 33-Jährigen vorgeworfen wird, und eine gefährliche, die den Wachleuten zur Last gelegt wird, im Raum. Auch hier prüfen nun die Staatsschützer die Vorwürfe.

Lars Resenberger, Sprecher der mit dem Wachschutz in der Zast beauftragten City Schutz GmbH, reagierte am Donnerstag überrascht. Er kenne die Anzeigen und die Vorwürfe nicht. „Ich bin aber von der Polizei heute gebeten worden, die Mitarbeiter aus zwei Dienstschichten zu benennen“, so Resenberger. „Und das werden wir selbstverständlich tun“, so der Unternehmenssprecher.

Auch Resenberger wollte sich mit Blick auf die laufenden Ermittlungen und fehlenden Informationen nicht zu den im Raum stehenden Vorwürfen äußern. Es komme aber aufgrund der nunmehr recht restriktiven Kontaktbeschränkungen innerhalb der Zast immer mal wieder zu Debatten zwischen seinen Mitarbeitern und Bewohnern. „Und Fakt ist, dass wir stets die Polizei rufen, wenn es Handgreiflichkeiten gibt.“ Vor diesem Hintergrund stehe es auch im Einklang mit den Vorgaben, wenn ein Mitarbeiter eine etwaige Verletzung bei der Polizei angezeigt habe.

Beim verletzten 21-jährigen Wachmann soll es sich nach Informationen der Volksstimme um einen Mann mit Migrationshintergrund handeln. Was die Frage der Sinnhaftkeit des Einsatzes von ausländischen Sicherheitsdienst-Mitarbeitern in der Zast aufwirft. Sind so nicht ethnische Konflikte zwischen Menschen unterschiedlicher Nationen zu befürchten?

Resenberger mag sich wegen fehlender Fakten nicht zum konkreten Fall äußern. Ganz grundsätzlich gebe es Vor- und Nachteile beim Einsatz solcher Mitarbeiter, erklärt er. Ein klarer Vorteil sei, dass so oftmals Sprachbarrieren viel schneller überwunden werden könnten, statt sich beispielsweise mit bruchstückenhaftem Englisch zum Ziel zu hangeln. Spannungsfelder zwischen einzelnen Nationen indes könnten natürlich nachteilig sein. „Letztlich bilden wir in der Zast das gleiche Spannungsfeld ab wie im Leben draußen“, so der Firmensprecher.

Resenberger macht zugleich unmissverständlich klar, dass die City Schutz GmbH die polizeilichen Ermittlungen in jeder Hinsicht unterstützen werde. Bis zum Vorliegen des Gegenbeweises gelte für seine Leute die Unschuldsvermitung. Aber: „Sollte sich im Zuge der Ermittlungen herausstellen, dass meine Mitarbeiter Grenzen überschritten und Fehler gemacht haben, werden wir sofort reagieren und sie vom Dienst suspendieren.“

Eine Ansage, die Resenberger vor gut einem Jahr schon mal durchgezogen hat. Damals war mit monatelangem Zeitverzug ein Video aufgetaucht, das Wachschützer zeigt, die beim Versuch, zwei in Streit geratene Zast-Bewohner zu trennen, augenscheinlich übermäßig viel Gewalt anwenden.

Als das Video publik wurde, suspendierte City-Schutz die vier beschuldigten Wachleute. Und trennte sich laut Resenberger später von ihnen. Kürzlich hat die Staatsanwaltschaft in Halberstadt gegen drei der vier Männer Anklage wegen Körperverletzung erhoben.