Olaf Haensch: Von der Beirette K 100 zur hochwertigen Digitaltechnik und zwei sehenswerten Bildbänden mit preisgekrönten Fotos

Für Olaf Haensch – 1975 im thüringischen Mühlhausen geboren – ist bei der Suche nach dem optimalen Foto augenscheinlich kein Weg zu weit und keine Hürde zu hoch. Nach seinem Bestseller „Nacht-Züge“, der die akribische Arbeit von Jahren widerspiegelt, begeistert er nun mit „Zug in die Wolken“. Setzte er bei der Nachtfotografie auf den gezielten Einsatz von Blitztechnik, nimmt er die Betrachter seiner Bilder nun via Drohne mit hinauf in luftige und sonst unerreichbare Höhen. 

Den Startpunkt in sein fotografisches Schaffen setzte Haensch im Alter von zehn Jahren mit einer Beirette K 100 aus DDR-Produktion. Vier Jahre später folgte mit einer Exa 1a die erste hochwertige Spiegelreflex-Kamera. Heute setzt der studierte Vermessungsingenieur auf Digitaltechnik und ist in der Canon-Familie daheim. 

Mit seinem Bildband „Nacht-Züge“ machte er international auf sich aufmerksam. Fotos waren unter anderem im Eisenbahnmuseum im kalifornischen Sacramento, im EU-Parlament in Brüssel und auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin ausgestellt. 2008 gewann er den bedeutendsten Fotowettbewerb für künstlerische Eisenbahnfotografie und holte den John-E.-Gruber-Award des amerikanischen Center for Railroad Photography & Art.An diesen Erfolg knüpft der 41-Jährige, der heute als Redakteur in einem auf Eisenbahn-Publikationen spezialisierten Verlag in Bayern arbeitet, nunmehr an: Für ein Foto, das im Januar 2016 bei Sternhaus-Ramberg hoch über der Selketalbahn entstand, ist Olaf Haensch am 15. Dezember 2016 erneut der John-E.-Gruber-Photography-Award in den USA verliehen worden. Dabei handelt es sich um den weltweit renommiertesten Preis für Eisenbahnfotografie. (dl)

Wernigerode l Mehr als 30 000 Züge rollen pro Jahr über das 140 Kilometer lange Streckennetz der Harzer Schmalspurbahnen (HSB). Sie legen laut Statistik gut 700 000 Zug-Kilometer zurück und befördern jährlich rund 1,1 Millionen Fahrgäste. Folglich dürfte zig millionenfach auf die Auslöser von Kameras und Smartphones gedrückt werden, um Fotos mit mehr oder weniger professionellem Anspruch zu schießen. Olaf Haensch macht genau das Gegenteil: Er strebt mit jedem einzelnen Foto die, wie Fotografen schon mal zu sagen pflegen, perfekte Lichtkunst an. Das kann ein Schnappschuss sein, ist oft aber Resultat von stunden- oder gar tagelanger Vorbereitung.

Wechsel in die Vogelperspektive

Das Resultat seiner Arbeit legt der 41-Jährige nun pünktlich zum Weihnachtsfest vor. Mit dem Bildband „Zug in die Wolken – Mit Volldampf in die Harzer Berge“ knüpft er praktisch nahtlos an sein vielbeachtete und preisgekröntes Werk „Nacht-Züge“ an. Setzt er darin die von HSB-Dampfrössern gezogenen Züge mit aufwändiger Blitztechnik im Dunkeln perfekt in Szene, brilliert er nun mit atemberaubenden Bildern aus der Vogelperspektive und Fotos, die einmal mehr verdeutlichen: Haensch hat sowohl den Blick fürs Bild als auch fürs Detail.

Für die etwa 150 Farbfotos hat er jahrelang gearbeitet. Mitunter, bestätigt der Journalist, bedürfe es extrem langer Vorbereitung, um schließlich im Zeitfenster einiger weniger Sekunden den alles entscheidenden optimalen Moment zu erwischen. Oder auch nicht – was schlimmstenfalls alle Vorbereitung zunichte macht und zur Wiederholung zwingt. „Für jede Nachtaufnahme waren im Schnitt drei bis fünf Stunden Vorbereitung nötig, samt Transport und Aufbau der schweren Blitztechnik“, erzählt er. Teilweise gingen den Aufnahmen aber auch wochenlange Recherchen und Besichtigungen am Tage voraus.

Bilder

Faszination Blitztechnik

Wobei Haenschs Weg zur Blitztechnik schon bemerkenswert ist. Oder auch nicht. Schließlich sind passionierte Fotografen stets mit Experimentierfreude unterwegs. Was früher das punktuelle Belichten im Schwarz-Weiß-Labor war, sind heute ausgeklügelte Blitztechnik, Mehrfach-Belichtungen, der Einsatz von Objektiven mit extremer Brennweite und andere technische Finessen. Haensch testete 2005 jene Blitztechnik, wurde damit warm und präsentierte schließlich den sehenswerten Band „Nacht-Züge“ als Resultat.

Den Tipp, wonach ausgefallene Standorte – besonders tief oder hoch – ein Foto erst zum herausragenden machen, rückt Olaf Haensch im aktuellen Bildband in den Fokus. Dank Drohne lässt er die Betrachter abheben und verschafft ihnen einmalige Perspektiven auf HSB-Züge sowie Natur und Bauwerke drumherum. So werden die spiralförmige Rotunde des Wernigeröder Altstadtkreisels oder die Blumenpracht auf dem Kreisel am Bahnhof in Quedlinburg zu Fotos mit Aha-Effekt.

Besonderer Platz für Panoramablick

Gleiches gilt für die Panoramaaufnahmen vom Dach der Brocken-Wetterwarte. Weil extrem flache Formate wiederum nur in der entsprechenden Größe wirken, kleckert Haensch nicht, sondern klotzt: Das Rundum-Foto mit mehreren zusammengesetzten Einzelbildern von der verschneiten Brockenkuppe gibt‘s zum Ausklappen auf 86 mal 28 Zentimetern und damit als einen der vielen Hingucker im Buch.

„Dampfloks bieten Fotografen das größte Potenzial, weil der bewegte Dampf immer wieder zur Überraschung wird.“ Diese – Haenschs besondere – Faszination für Dampfloks wird im Buch optisch eindrucksvoll belegt. Immer wieder Dampfmaschinen, deren Qualm und Dampf die Fotos auf einzigartige Weise verzaubern.

Der Realität greifbar nahe

Entstanden sind die Fotos in Kooperation mit der HSB. In deren Geschäftsstellen werden beide Bildbände angeboten. Darüber hinaus im regulären Buchhandel. Hendrik Bloem – selbst Fotograf und Autor – bringt es in seinem Essay auf den Punkt: Haenschs Bilder berühren und lassen – beim Anblick der winterkalten Perspektive – den Betrachter schon mal frösteln. Mehr müsse wirkliche Eisenbahnfotografie nicht können. Aber auch nicht weniger, so Bloem. Olaf Haensch setzt diesen Anspruch perfekt um. HSB-Fans sei empfohlen, ihm nicht nacheifern zu wollen, sondern die Realität zunächst persönlich zu genießen und sie alsdann in Form des Buches mit nach Hause zu nehmen.

„Zug in die Wolken“ ISBN: 978-3-8375-1730-9, Preis: 39,95 Euro